Ein Kulturevent zu Fürsorge

Keine Sorge / Don't Care

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Fürsorge geht uns alle an. Hätte dieser Satz damals noch entweder als überflüssige Floskel gegolten oder als Schritt in den Sozialismus, so war er mit dem Jahr 2020 auf einmal in den Alltag eingeschrieben.

Fürsorge sollte für das Center for Literature Themenschwerpunkt im Jahr 2020 sein. Und blieb es. Denn wofür wir stehen, das ist genau das: Literatur und Kunst nicht abgekoppelt zu sehen von der Art und Weise, wie wir leben und leben wollen.

Also: Keine Sorge.
Oder: Keine Sorge?
Oder: Keine Sorge!
Oder: Zeit, sich zu sorgen! Nicht im Sinne eines Pessimismus, sondern im Sinne von:
Kümmern wir uns!

Während des fünftägigen Kulturevents vom 26. bis 30. August 2020 haben wir gemeinsam mit dem Publikum nachgedacht, Fragen gestellt, beantwortet und neue Fragen aufgeworfen. Wir haben mit ihnen getanzt, gefeiert und gestaunt und dabei gemerkt, wie wir alle voneinander abhängen und aufeinander angewiesen sind. Wenn uns die Pandemie etwas vor Augen geführt und in unsere Körper, in unsere alltägliche Praxis von 1-Meter-50-Abstand eingeschrieben hat, dann doch das.

Gemeinsam mit vielen fantastischen Künstler*innen, mit der Filmwerkstatt Münster, mit dem Frauen*Kollektiv Münster, mit zahlreichen Einrichtungen der Fürsorge, mit dem Chor Die Untertanen, mit Studierenden der Hochschulen WWU Münster, Ruhr-Universität Bochum, TU Berlin und KHM Köln haben wir uns in verschiedenen Ansätzen damit auseinandergesetzt, welche Perspektiven es auf die (Für-)Sorge geben kann, wie wir darüber ins Gespräch kommen können und welche Themen vielleicht auch noch blinde Flecken für uns selber oder innerhalb der Gesellschaft sind. Wie wichtig es ist, denen zuzuhören, die auf »Fürsorge angewiesen« sind und was das überhaupt für sie heißt; was wir denken, was es heißt, wenn wir Fürsorge geben (wollen) und eine Sensibilität für das Miteinander und wie dieses aussehen kann, zu schaffen.

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Künstler*innen
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Der Poet und Bildende Künstler Robert Montgomery schafft für Keine Sorge/Don’t Care eine Lichtinstallation und eine Poster-Serie. Darüber hinaus hat er für uns in einem Text außerdem darüber nachgedacht, was Fürsorge für ihn im Zeitraum des Entstehungsprozesses bedeutet hat:

The Corona Virus/Covid-19 crisis gave us a new perspective on what it is »to care«. To care in that context most of us had to stop our normal lives to protect the vulnerable in our society; others of us (medical workers and essential workers) had to risk our own safety caring for everyone else. We often think that money runs the world, but we showed in this moment that we are a society of empathy.

We also stopped the rat race for a moment. For a moment the world of business and money was not the most important thing. Cars and airplanes stopped, our cities became silent and you could hear the bird song. The air became cleaner and in this new silence you could hear the music of the trees. It was, potentially, a moment of spiritual awakening. I wrote a poem in the first week of the lockdown, it said,

A QUIET PRAYER HOLDS OVER
LONDON, THE TREES
BECOME OUR CITIZENS & GUARDIANS
IN THE WIND THE TREES HOLD
THEIR OWN
SILENT RIOT
IN OUR HONOUR

WE ARE STOPPED
TO APPRECIATE THE PEOPLE WHO CARE FOR US/
A TENDER
PERCUSSION
ORCHESTRA OF
APPLAUSE JOINS THE COUNTRY
—A FAIRY LIGHT NET OF KINDNESS.
WE TRY OUR BEST WE LOVE OUR NHS.

Robert Montgomery

The NHS is the valuable publicly-owned healthcare service in Britain. Every Thursday night we stood on our doorsteps and humbly applauded our brave healthcare workers.

I think something else happened in this moment. I think we realised we do not have to live at the frantic pace we have been living. I think we all know we have been living too fast. We all know we are consuming carbon and resources at a rate our planet cannot sustain. We have known for a long time that the way we are living is driving us quickly towards ecological apocalypse. But we thought we couldn't stop- we thought the system demands we drive to our offices every day, the system demands that we fly to other countries for meetings, the system demands we work so much and live so fast that we have no time to care for our planet. Well, we just stopped the system and the world didn't end. We stopped driving to our offices every day and we cut air traffic by 65% and the world didn't end.

This is why I think this period is a period of possible spiritual awakening, if we come out of it the right way, with our eyes opened newly to the beauty and fragility of nature, and with a new feeling of empowerment, as individuals and governments and corporations to put the earth and our environment first. For sure the only way to care for ourselves in the next 50 years will to be care for the environment. We must put nature first now.

My artwork for this festival is a simple poem about trees. My most vivid memory of this period will be hearing for the first time the sound of the wind in the trees in London. In those moments I had a strong feeling that the trees will always be here, but unless we are more careful with our world human beings may not be. The trees seem to me our closest friends in this journey, even our protectors- the protectors of our oxygen, our sentinels and our friends. If we were gone I feel the trees would riot in our honour.

Im Rahmen des Themas Fürsorge / Care sind außerdem weitere Arbeiten entstanden, die ihr auf den folgenden Seite finden könnt. Unter anderem die Arbeit des Frauen*Kollektiv Münster. Hieraus entstanden sind Beiträge und Workshops des Care-Labors. Es geht und ging um die Rollenverteilung innerhalb des Care-Sektors, um die Tatsache, dass diese Personen in der Regel größtenteils weiblich gelesen werden, welche Rollen die Frauen* darüber hinaus noch tragen und wie diese Rolle(n) medial dargestellt werden. Sie haben vier digitale Care-Pakete für uns erstellt, um die Wahrnehmung zu schärfen oder auch aufzubrechen und weiter- beziehungsweise neu zu denken.

Care-Labor Frauen*Kollektiv

Zu den Care Paketen

In einem weiteren Projekt des Center for Literature zusammen mit The Big Draw Nijmegen ist das zweisprachige Wörterbuch der Fürsorge/Woordenboek der Zorg entstanden.

Zum Wörterbuch
Free Care

Eine Versorgung mit Carepaketen aus Text, Video, Audio and more.


Anlässlich des Stillstands allen öffentlichen Lebens, der Schließung von Museen und Absage von Veranstaltungen im Frühjahr 2020 blieb uns, dem Team des Center for Literature, auch nur die Heimarbeit.
Also legten wir los und legten eins drauf.
Wir wollten die Kunst im Home Office nicht verlieren.
Und wir wollten die Künstler*innen unterstützen, die für uns arbeiten, indem sie diese komplexe und seltsame Welt in Berührendes und Schönes verwandeln.
Herausgekommen ist eine Reihe von Texten, von Hörbeiträgen, von Filmen, von Bildstrecken, von Live-Lesungen, von Konzerten, von Fragebögen.
Damit konnten wir euch, das Publikum, versorgen: free care.
Die Beiträge bleiben.
Als Erinnerung an diese Zeit und daran, wie wichtig Fürsorge für uns alle ist.

Zu Free Care

Von keines Herdes Pflicht gebunden, Meint jeder nur, wir seien grad’ Für sein Bedürfnis nur erfunden, Das hilfbereite fünfte Rad. Was hilft es uns, daß frei wir stehen, Auf keines Menschen Hände sehen? Man zeichnet dennoch uns den Pfad.

— Annette von Droste-Hülshoff, Auch ein Beruf

Keine Sorge/Don’t Care wurde gefördert durch die Kunststiftung NRW und das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW im Programm »Regionale Kulturpolitik«.

In Kooperation mit der Filmwerkstatt Münster, Frauen*Kollektiv und Theater Münster.