Fokusse

Fokus Bibliodiversität

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© Julia Praschma

Wie bei Biodiversität, ihrem Pendant in der Natur, geht es auch bei Bibliodiversität um Artenvielfalt. Der Begriff entstand übrigens als »bibliodiversidad« im lateinamerikanischen Sprachraum der 1990er.

Literatur ist ein Ökosystem. Eines, in dem dynamische Gemeinschaften aus Büchern statt aus Pflanzen bestehen, aus Lyriker*innen und Übersetzer*innen statt aus Tieren, aus Verlagen, Blogs und Magazinen statt aus Mikroorganismen – und ihre Umwelt wiederum besteht aus ISBN-Zahlen, Buchhandlungen und Buchhändler*innen, aus Anliegen und Wünschen, aus Schreibweisen und Stimmen derjenigen, die gesellschaftlich nicht unbedingt im Mittelpunkt stehen.

Das Center for Literature fühlt sich der bibliodiversidad, dem Artenschutz, verpflichtet. Es schlägt sich klar auf die Seite der Kleinen, jener, denen die Worte und Sätze am Herzen liegen, nicht Gewinnmargen. Schauen wir nur in die Geschichte: Ein Buch mit 50 verkauften Exemplaren kann Weltliteratur werden, während das mit 50.000 verschwindet.

»Die einheitlich aussehenden Tomaten im Supermarkt sind wie die gleich aussehenden Bücher, die aus riesigen Verlagshäusern kommen,« schreibt die Australierin Susan Hawthorne über die mangelnde »Ökologie des Verlegens«. Und: »Sich als Lesende/r nur in den vorderen Bereich eines Buchladens zu wagen, ist ähnlich wie ein/e TouristIn, die/der Europa, Asien oder Afrika in fünf Tagen besucht!«

In einer laufenden Serie wird das CfL sich also mit der Praxis des Verlegens und des Magazinmachens beschäftigen, mit dem Buch als Kunstwerk, nicht als Produkt, damit, in welchen Biotopen die Literatur der Gegenwart gedeihen kann – auch wenn sie zunächst als Unkraut oder eine andere Form des Scheiterns erscheint. Das heißt: Unabhängige Verlage, Zeitschriften, Initiativen stellen sich auf Burg Hülshoff oder im Rüschhaus vor.

Die große Frage, wie in Zeiten von Amazon und Digitalisierung Bücher und die Texte in ihnen aussehen können, findet in der Arbeit des CfL so viele unterschiedliche Antworten, wie es Projekte gibt. Vom feministischen Magazin über die mehrsprachige Edition bis hin zu Webblogs mit Lyrik in leichter Sprache oder Gedichtbände, die daherkommen wie Programmiercodes. Und es sogar sind!