Gegenwartserde

»[...]; doch die Natur
Schien mir verödet,
und ein Bild erstand
Von einer Erde, mürbe, ausgebrannt; [...]«

— Annette von Droste-Hülshoff – Die Mergelgrube

In der Reihe Gegenwartserde dreht sich alles um unterschiedliche Sichtweisen auf das Anthropozän, die wir miteinander ins Gespräch bringen wollen. Dazu fragen wir verschiedenene Expert*innen: Wer spricht über den menschengemachten Klimawandel und prägt Begriffe? Und wer ist von seinen Folgen betroffen? Wie sind unsere Wissenschaften und damit auch unsere Visionen für eine ökologische Zukunft mit dem historischen und gegenwärtigen Kolonialismus verflochten?

Gegenwartserde #2

Der zweite Teil der Reihe Gegenwartserde fand am 20. August 2021 auf Burg Hülshoff statt. Das Thema: Geologie, Philosophie und Poesie. Shane Anderson, Sophia Kisfeld und Daniel Falb lesen Gedichte von Annette von Droste-Hülshoff im Wechsel mit ihren Übersetzungen ins Englische. Außerdem diskutieren der Philosoph Daniel Falb, der Geologe Ralph T. Becker und der Kustos des Archäologischen Museums der WWU Münster Helge Nieswandt über den Dialog zwischen Naturwissenschaften und Literatur, die Vorzüge von Fachsprachen und die Beliebtheit geologischer Metaphern.

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Drei Reaktionen aus der Gesprächsrunde der Gegenwarterde #2 zu Annette von Droste-Hülshoffs Gedicht Die Mergelgrube:

© Lennart Lofink

Ralph T. Becker (Geologe)

Naturwissenschaft und Dichtung sind zwei geistige Sphären, die in der Vergangenheit und heute nur wenige Berührungen aufweisen. Im Gedicht Die Mergelgrube zeigt die Dichterin eine für die damalige Zeit nicht selbstverständliche Beschäftigung mit Geologie und Mineralogie, verbunden mit einer zutreffenden lyrischen Umschreibung der Arbeit im Gelände, einer inneren Zeitreise als Ausdruck der Interpretation ihrer Befunde und einer Darstellung des bis heute nicht abgeschlossenen Konfliktes zwischen Wissenschaft und Glauben bzw. Wissenden und Unwissenden. Dabei kommt der damalige Zeitgeist zum Tragen, denn die Geologie war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine sich sehr rasch und durchaus kontrovers entwickelnde Wissenschaft.

© Lennart Lofink

Daniel Falb (Philosoph)

Annette von Droste-Hülshoffs Die Mergelgrube führt vor, wie stark sich ein Erdloch plus Geröll mit der Virtualität geologischer Zeit aufladen kann. So spielt das Gedicht in die Grube die Augmented Reality des vorzeitlichen Prozesses ein, durch den die Mergelsedimente einst in ihre Formation kamen (angeblich: die Sintflut). Andererseits projiziert es auf den lebendigen, inmitten der Steine kauernden Körper der Sprecher*innenfigur die Augmented Reality ihres eigenen, zukünftigen Sedimentgewordenseins. Die Mergelgrube wird zur Bilderkammer. Am Ende »signiert« Droste-Hülshoff die überschießende Virtualität des Geologischen im Gedicht dann mit einem Hinweis auf die Quelle, der sie entströmte: ein Buch naturhistorischer Tafeln. Das Requisitenhafte und Unrunde der Platzierung von Bertuchs Lehrbuch am Ausgang der Mergelgrube verweist auf den Umstand, dass Tiefenzeit eben nicht etwas ist, das natürlich und immer schon da wäre: Nein, sie ist gemacht – und sie ist jung. Ihr erstes Auftauchen fällt ja buchstäblich ins Leben von Droste-Hülshoff.

© Lennart Lofink

Helge Nieswandt (Archäologe)

Indem die Dichterin die Frage der geologischen Besonderheit der westfälischen Erde – hier Mergelgrube – diskutiert, gibt sie mir als klassischem Archäologen mehrere Möglichkeiten, auf ihr Gedicht zu reagieren. Geologische Besonderheiten sind in der Antike im Regelfalle sehr signifikant wahrgenommen worden: ob mit dem Omphalos (der von den Adlern des Zeus bestimmte Stein als Mittelpunkt der griechischen Welt) von Delphi oder den verschiedenen Baityloi (steinerne Kultmale) als anikonische Kultbilder. Persönlich fand ich die Verse um die Medusen außerordentlich inspirierend, weil die Geologen wohl in den versteinerten Seelilien bzw. Quallen die Widerspiegelung der Gorgo Meduse mit ihrem Schlangenhaar erblicken wollten. Wie makaber, hat doch Gorgo Medusa selbst durch das Anblicken ihre Gegenüber versteinert – sie hat also in diesem Schieferstein gleichsam in einen Spiegel geschaut?

Gegenwartserde #1

Der Auftakt der Serie Gegenwartserde fand am 4. März 2021 digital statt. Menschen aus Kunst, Wissenschaft und Klima-Aktivismus stellen ihre Arbeit vor und sprechen darüber, wie wir jenseits von Fachgrenzen die Veränderung des Planeten denken können. Mit dabei: die Performance-Künstler*innen Janne Nora Kummer und Max Gadow, die Climate-Justice-Aktivistin Tonny Nowshin und Lena Wobido von der Arbeitsstelle Forschungstransfer der WWU Münster. Sie diskutieren darüber, wie wissenschaftliche Erkenntnisse ein breites Publikum erreichen können, was die Art, wie wir über den Klimawandel sprechen, mit Kolonialismus zu tun hat, und welche Erzählungen uns aus der Krise führen können.

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Gegenwartserde ist eine Reihe von Burg Hülshoff – Center for Literature.
#1 entstand in Kooperation mit der Arbeitsstelle Forschungstransfer der WWU Münster.
Die Übersetzungen der Texte von Annette von Droste-Hülshoff entstanden im Projekt Trans|Droste, das durch den Projektfonds des Deutschen Übersetzerfonds im Rahmen des Programms »NEUSTART KULTUR« der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien gefördert wird und in Kooperation mit der Droste- Forschungsstelle bei der LWL- Literaturkommission für Westfalen entsteht.