Gegenwartserde

»[...]; doch die Natur
Schien mir verödet,
und ein Bild erstand
Von einer Erde, mürbe, ausgebrannt; [...]«

— Annette von Droste-Hülshoff – Die Mergelgrube

In der Reihe Gegenwartserde dreht sich alles um unterschiedliche Sichtweisen auf das Anthropozän, die wir miteinander ins Gespräch bringen wollen. Dazu fragen wir verschiedenene Expert*innen: Wer spricht über den menschengemachten Klimawandel und prägt Begriffe? Und wer ist von seinen Folgen betroffen? Wie sind unsere Wissenschaften und damit auch unsere Visionen für eine ökologische Zukunft mit dem historischen und gegenwärtigen Kolonialismus verflochten?

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Gegenwartserde #3

Ein Abend über Pflanzen, Literatur und künstliche Intelligenz.
Was haben sich Botanik, Literaturwissenschaft und Poesie im digitalen Zeitalter zu sagen?
Was können wir von Pflanzen über verschiedene Formen der Kommunikation lernen?

Am Anfang der Veranstaltung geben die Gesprächsteilnehmer*innen jeweils Einblicke in ihre Arbeitsbereiche: Die Leiterin der Droste-Forschungsstelle Dr. Anke Kramer spricht über ihre Forschung zu Pflanzen bei Annette von Droste-Hülshoff. Fabian Raith und Franziska Winkler stellen ihr Projekt Intelligente Allmende vor und lesen einen Text über die Begegnung von Technik, Gebärdenpoesie und Natur. Die Vegetationsökologin Dr. Frederike Velbert von der WWU Münster spricht über Pflanzengesellschaften und Ökosystemforschung. Im Anschluss kommen die Teilnehmer*innen miteinander und mit dem Publikum ins Gespräch.

Zusammenfassung der Gesprächsrunde

»Dann ist der Herr ein gründlicher Botanikus und hat schon manche schöne Tulpe und Schwertlilie in seinem Garten; das ist ihm aber nicht genug, seine reiche, innere Poesie verlangt nach dem Wunderbaren, Unerhörten – er möchte gern eine Art unschuldigen Hexenmeisters spielen und ist auf die seltsamsten Einfälle geraten, die sich mitunter glücklich genug bewähren und für die Wissenschaft nicht ohne Wert sein möchten: so trägt er mit einem seinen Samtbürstchen den Blumenstaub sauber von der blauen Lilie zur gelben, von der braunen zur rötlichen, und die hieraus entspringenden Spielarten sind sein höchster Stolz, die er mit einem wahren Prometheus- Ansehen zeigt; die wilden Blumen, seine geliebten Landsleute, deren Verkanntsein er bejammert, pflegt er nach allen Verschiedenheiten in netten Beetchen wie Reihen Grenadiere.«

– Annette von Droste-Hülshoff: Bei uns zulande auf dem Lande (Romanfragment)

»Die Anthropozän-Hypothese mit der Idee eines vom Menschen geprägten Erdsystems stellt die kategorische Unterscheidung zwischen Natur und Kultur infrage und verlangt nach einer Neubestimmung der Stellung des Menschen als Bestandteil der lebendigen Welt.«

– Gabriele Dürbeck: »Narrative des Anthropozän – Systematisierung eines interdisziplinären Diskurses.« In: Kulturwissenschaftliche Zeitschrift 3 (2018).

»Nemlich, daß in den Inseln Orchadibus, in Schottlandt, Bäume seyen an dem Meer / auß welches Früchten / welche sein wie Muscheln / wann sie in das wasser oder Meer fallen / Enten heraus schließen / welche bald hernach fliegerl gewinnen / und zu den anderen zamen und wilden Enten fliegen.«

– »Entenbaum / Entenmuscheln / Anatifera Arbor«. In: Adam Lonitzer: Kreuterbuch. Künstliche Conterfeytunge der Bäume, Stauden, Hecken, Kreuter, Frankfurt, 1582.

»Heute … beweisen zahlreiche Forschungen, dass höher entwickelte Pflanzen tatsächlich ,Intelligenz‘ besitzen: Sie empfangen Signale aus ihrer Umgebung, verarbeiten die erhaltenen Informationen und kalkulieren, welche Lösung ihr Überleben am besten sichert.«

– Stefano Mancuso, Alessandra Viola: Die Intelligenz der Pflanzen. Übers. von Christine Ammann, Antje Kunstmann, 2015.

»Er sah nichts als die blaue Blume, und betrachtete sie lange mit unnennbarer Zärtlichkeit. Endlich wollte er sich ihr nähern, als sie auf einmal sich zu bewegen und zu verändern anfing; die Blätter wurden glänzender und schmiegten sich an den wachsenden Stengel, die Blume neigte sich nach ihm zu, und die Blütenblätter zeigten einen blauen ausgebreiteten Kragen, in welchem ein zartes Gesicht schwebte.«

– Novalis: Heinrich von Ofterdingen, 1802

»Wenn wir eine Pflanze nicht kennen, sehen wir sie im wahrsten Sinne des Wortes nicht. Der Fachbegriff dafür ist: nature blindness oder plant blindness. Je weniger Namen wir für die belebte Welt um uns herum haben, desto weniger lernen wir sie wertzuschätzen.«

– Mithu Sanyal: »Wenn nichts weiterhilft, hilft immer noch Magie«. In: Script No 5. Eröffnungsreden und Droste Lectures zum Droste Festival 2021, Burg Hülshoff - Center for Literature, 2021.

»Zugleich verbindet der Atem der Pflanzen uns Menschen mit ihnen. Pflanzen und Menschen sind auf der Ebene des Atmens Geber und Empfänger, sie bilden eine Art Netzwerk des Lebendigen.«

– Urte Stobbe, Anke Kramer, Berbeli Wanning (Hrsg.): Literaturen und Kulturen des Vegetabilen. Plant Studies – kulturwissenschaftliche Pflanzenforschung, Peter Lang, 2022.

»In einigen indigenen Sprachen bedeutet das Wort für Pflanzen ›die, die für uns sorgen‹.«

– Robin Wall Kimmerer: Geflochtenes Süßgras. Die Weisheit der Pflanzen. Übers. von Elsbeth Ranke, Aufbau, 2021.



Wie sind meine Finger so grün

Wie sind meine Finger so grün
Blumen hab ich zerrissen
Sie wollten für mich blühn
Und haben sterben müssen
Wie neigten sie um mein Angesicht
Wie fromme schüchterne Lieder
Ich war in Gedanken, Ich achtets nicht
Und bog sie zu mir nieder
Zerriß die lieben Glieder
In sorgenlosem Mut
Da floß ihr grünes Blut
Um meine Finger nieder
Sie weinten nicht, sie klagten nicht,
Sie starben sonder Laut
Nur dunkel ward ihr Angesicht
Wie wenn der Himmel graut
Sie konnten mirs nicht ersparen
Sonst hätten sie’s wohl getan,-
Wohin bin ich gefahren!
In trüben Sinnens Wahn!
O töricht Kinderspiel!
O schuldlos Blutvergießen!
Und gleichts dem Leben viel,
Laßt mich die Augen schließen,
Denn was geschehen ist, ist geschehn
Und wer kann für die Zukunft stehn!

(Quelle: Annette von Droste-Hülshoff: Gedichte,
hrsg. von Bodo Plachta, Winfried Woesler, Deutscher Klassiker Verlag, 1994)



Kleine Literaturgeschichte der Pflanzen

Zur Einstimmung in den Abend, sammelten wir unsere liebste Pflanzenpoesie von der Antike bis heute:

»[…] Kaum war geendet das Flehn; und gelähmt erstarren die Glieder.
Zarter Bast umwindet die wallende Weiche des Busens;
Grün schon wachsen die Haare zu Laub', und die Arme zu Ästen;
Auch der so flüchtige Fuß klebt jetzt am trägen Gewurzel;
Und ihr umhüllt der Wipfel das Haupt: nur bleibt ihr die Schönheit.
Phöbus liebt auch den Baum; und mit angelegeter Rechte
Fühlet er noch aufheben in junger Rinde den Busen.
Und mit zärtlichen Armen die Äst', als Glieder, umschlingend,
Reicht er Küsse dem Holz; doch entflieht vor den Küssen das Holz auch […]«
– Auszug aus Ovid, Metamorphosen
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»I wandered lonely as a cloud
That floats on high o'er vales and hills,
When all at once I saw a crowd,
A host, of golden daffodils;
Beside the lake, beneath the trees,
Fluttering and dancing in the breeze […]«
– Auszug aus: William Wordsworth, I Wandered Lonely as a Cloud
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»[…] So mochte ich still und heimlich mir
Eine Zauberhalle bereiten,
Wenn es dämmert dort, und drüben, und hier,
Von den Wänden seh ich es gleiten;
Eine Fey entschleicht der Camelia sich,
Liebesseufzer stöhnet die Rose,
Und wie Blutes Adern umschlingen mich
Meine Wasserfäden und Moose.«
– Auszug aus: Annette von Droste-Hülshoff, Meine Sträuße
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»April is the cruellest month, breeding
Lilacs out of the dead land, mixing
Memory and desire, stirring
Dull roots with spring rain […]«
– Auszug aus: T.S. Eliot, The Waste Land
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»Gardening in the Tropics we revel in
Hot Tropical Colours. My father’s land
was blue. In his prime, his banana
plantation came right to our doorstep.
We lived deep in this forest of leaves
made blue by the treatment against
Leaf Spot Disease which he humped around
the fields in a battered spray-pan. On
Banana Day (which I think was Wednesday)
we went off to school eyeing all the way
the bunches wrapped in blue banana-trash
waiting at the roadside for the truck […]«
– Auszug aus: Olive Senior, My Father’s Blue Plantation
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»[…] ich klebte am Damm,
ich verstärkte mein Blühbemühen,
irgendwo führten Betonstufen hoch auf die
Fahrbahn, der Endlosverkehr ein verwittertes
Grundgeräusch, Efeugefühle krochen
den Rändern nach, eisernes
Inventarium«
– Auszug aus: Marion Poschmann, Rosa canina (Hundsrose)
Quelle: Marion Poschmann: Geistersehen. Gedichte, Suhrkamp Verlag, 2010, S.59.

»wirf die löwenmäulchen hinter dich. du
darfst dich nicht umdrehen. lass alles
zurück, was dich an sie erinnert. den
kehricht vor dem tor, den buchstabierst
du im winter, wie ein sperling den märz […]«
– Auszug aus: Ronya Othmann, [wirf die löwenmäulchen hinter dich]
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Gegenwartserde #2

Der zweite Teil der Reihe Gegenwartserde fand am 20. August 2021 auf Burg Hülshoff statt. Das Thema: Geologie, Philosophie und Poesie. Shane Anderson, Sophia Kisfeld und Daniel Falb lesen Gedichte von Annette von Droste-Hülshoff im Wechsel mit ihren Übersetzungen ins Englische. Außerdem diskutieren der Philosoph Daniel Falb, der Geologe Ralph T. Becker und der Kustos des Archäologischen Museums der WWU Münster Helge Nieswandt über den Dialog zwischen Naturwissenschaften und Literatur, die Vorzüge von Fachsprachen und die Beliebtheit geologischer Metaphern.

Vorschaubild des Videos

Drei Reaktionen aus der Gesprächsrunde der Gegenwarterde #2 zu Annette von Droste-Hülshoffs Gedicht Die Mergelgrube:

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© Lennart Lofink

Ralph T. Becker (Geologe)

Naturwissenschaft und Dichtung sind zwei geistige Sphären, die in der Vergangenheit und heute nur wenige Berührungen aufweisen. Im Gedicht Die Mergelgrube zeigt die Dichterin eine für die damalige Zeit nicht selbstverständliche Beschäftigung mit Geologie und Mineralogie, verbunden mit einer zutreffenden lyrischen Umschreibung der Arbeit im Gelände, einer inneren Zeitreise als Ausdruck der Interpretation ihrer Befunde und einer Darstellung des bis heute nicht abgeschlossenen Konfliktes zwischen Wissenschaft und Glauben bzw. Wissenden und Unwissenden. Dabei kommt der damalige Zeitgeist zum Tragen, denn die Geologie war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine sich sehr rasch und durchaus kontrovers entwickelnde Wissenschaft.

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© Lennart Lofink

Daniel Falb (Philosoph)

Annette von Droste-Hülshoffs Die Mergelgrube führt vor, wie stark sich ein Erdloch plus Geröll mit der Virtualität geologischer Zeit aufladen kann. So spielt das Gedicht in die Grube die Augmented Reality des vorzeitlichen Prozesses ein, durch den die Mergelsedimente einst in ihre Formation kamen (angeblich: die Sintflut). Andererseits projiziert es auf den lebendigen, inmitten der Steine kauernden Körper der Sprecher*innenfigur die Augmented Reality ihres eigenen, zukünftigen Sedimentgewordenseins. Die Mergelgrube wird zur Bilderkammer. Am Ende »signiert« Droste-Hülshoff die überschießende Virtualität des Geologischen im Gedicht dann mit einem Hinweis auf die Quelle, der sie entströmte: ein Buch naturhistorischer Tafeln. Das Requisitenhafte und Unrunde der Platzierung von Bertuchs Lehrbuch am Ausgang der Mergelgrube verweist auf den Umstand, dass Tiefenzeit eben nicht etwas ist, das natürlich und immer schon da wäre: Nein, sie ist gemacht – und sie ist jung. Ihr erstes Auftauchen fällt ja buchstäblich ins Leben von Droste-Hülshoff.

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© Lennart Lofink

Helge Nieswandt (Archäologe)

Indem die Dichterin die Frage der geologischen Besonderheit der westfälischen Erde – hier Mergelgrube – diskutiert, gibt sie mir als klassischem Archäologen mehrere Möglichkeiten, auf ihr Gedicht zu reagieren. Geologische Besonderheiten sind in der Antike im Regelfalle sehr signifikant wahrgenommen worden: ob mit dem Omphalos (der von den Adlern des Zeus bestimmte Stein als Mittelpunkt der griechischen Welt) von Delphi oder den verschiedenen Baityloi (steinerne Kultmale) als anikonische Kultbilder. Persönlich fand ich die Verse um die Medusen außerordentlich inspirierend, weil die Geologen wohl in den versteinerten Seelilien bzw. Quallen die Widerspiegelung der Gorgo Meduse mit ihrem Schlangenhaar erblicken wollten. Wie makaber, hat doch Gorgo Medusa selbst durch das Anblicken ihre Gegenüber versteinert – sie hat also in diesem Schieferstein gleichsam in einen Spiegel geschaut?

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Gegenwartserde #1

Der Auftakt der Serie Gegenwartserde fand am 4. März 2021 digital statt. Menschen aus Kunst, Wissenschaft und Klima-Aktivismus stellen ihre Arbeit vor und sprechen darüber, wie wir jenseits von Fachgrenzen die Veränderung des Planeten denken können. Mit dabei: die Performance-Künstler*innen Janne Nora Kummer und Max Gadow, die Climate-Justice-Aktivistin Tonny Nowshin und Lena Wobido von der Arbeitsstelle Forschungstransfer der WWU Münster. Sie diskutieren darüber, wie wissenschaftliche Erkenntnisse ein breites Publikum erreichen können, was die Art, wie wir über den Klimawandel sprechen, mit Kolonialismus zu tun hat, und welche Erzählungen uns aus der Krise führen können.

Vorschaubild des Videos

Gegenwartserde ist eine Reihe von Burg Hülshoff – Center for Literature.
#1 entstand in Kooperation mit der Arbeitsstelle Forschungstransfer der WWU Münster.
Die Übersetzungen der Texte von Annette von Droste-Hülshoff entstanden im Projekt Trans|Droste, das durch den Projektfonds des Deutschen Übersetzerfonds im Rahmen des Programms »NEUSTART KULTUR« der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien gefördert wird und in Kooperation mit der Droste- Forschungsstelle bei der LWL- Literaturkommission für Westfalen entsteht.