The White White West?

Die Welt hat sich in den vergangenen dreißig Jahren massiv verändert: Um 1990 herum schien der Kapitalismus des Westens gesiegt zu haben und breitete sich in Waren- und Datenströmen über den Globus aus. Statt der Blöcke des Kalten Kriegs entwickelte sich nach dem 11. September 2001 eine multilaterale, religiös aufgeladene, eine andere Form von Krieg. Minderheiten erkämpften sich weltweit Rechte, bevor in vielen Staaten ein rechtsextremer Backlash den errungenen Fortschritt einzudämmen versuchte, oftmals mit Erfolg. Und nicht erst mit den jungen Menschen von Fridays for Future kam der radikale, unwiderbringliche Wandel der Erde ins Bewusstsein.

Willkommen in der Post-Westfälischen Weltordnung, in der die Nationalstaaten noch immer existieren und ihre Grenzen rigide verteidigen, während sich andererseits ein neues Gefühl globalen Zusammenlebens und -wirkens entwickelt.

© CfL/Kim Wilfriedsson

Langsam kommen diese Veränderungen auch im deutschen Literaturbetrieb an. War er lange Zeit der Hort weißer, männlich geprägter Hochkultur, werden Positionen, Texte, Formate, Biografien inzwischen politischer und diverser. Und doch ist der Weg aus der bundesrepublikanischen Ära mit ihrem homogenen Publikum und ihren gläsernen Decken hin zu einer vielfältigen und auch vielsprachigen Literaturlandschaft noch weit.

Gemeinsam mit dem internationalen Autor*innen- und Kurator*innenkollektiv foundintranslation und vielen weiteren Künstler*innen begab sich das CfL 2021 auf den Weg, Modelle für diese Zukunft zu suchen.

In einem digitalen Laboratorium und der daraus entstehenden Performance Westfailure, in einem Festival und in einem offenen Brief an den Literaturbetrieb entwarf das Projekt Kollaborationen und Visionen für eine multilinguale, transnationale und diverse Literaturwelt.

Wir stellen diese Bausteine hier vor:

Westfailure – The Laboratory

© CfL/Jill Albanico

Vorbereitet in 2020, traf sich seit Beginn des Jahres 2021 eine Super Group aus acht internationalen Künstler*innen:

  • der Essayist und Romancier Jan Brandt
  • die Choreografin Oliva Hyunsin Kim
  • die Lyrikerin Mette Moestrup
  • der Performance- und Installationskünstler Nástio Mosquito
  • der Filmemacher Ian Purnell
  • die Szenografin Philine Rinnert
  • die Schriftstellerin Stefanie de Velasco
  • der Musiker und Sänger Shlomi Moto Wagner

In regelmäßigen digitalen Laboratorien entwickelten sie gemeinsam die Performance Westfailure, einen Parcours von der Stadt aufs Land und durch die Geschichte: vom Westfälischen Frieden über die Kriege zwischen Nationalstaaten bis zu neuen transnationalen Verbünden – und bis zur größten Krise der Menschheit, der Klimakatastrophe.

Westfailure – The Performance

© CfL/Jill Albanico

Durch die Pandemie verschoben hatte Westfailure Premiere im Rahmen des Festivals Westopia Anfang September 2021. Die Performance war ein Parcours zwischen Stadt und Land, der Grenzen thematisierte, überschritt, neu zog und anzweifelte:

Im Westfälischen Kunstverein im Herzen Münsters, unweit des Rathauses, in dem der Westfälische Frieden 1648 unterschrieben worden war, startete Westfailure. Hier konnten die Teilnehmenden zum interaktiven Netzgedicht von Mette Moestrup ihre Texte hinzufügen.

Durch den Stadtraum ging es dann als Fahrrad-Reisegruppe durch Orte und Zeiten, begleitet vom Potato Propaganda Car von Nástio Mosquito. Auf dem Weg gab es nicht weniger als eine Überraschungs-Show der Drag Queens des House of [blænk] und eine Lesung der Schriftstellerin Stefanie de Velasco über ihre Erfahrung als fahrende Plastikschamanin.

Angeführt von de Velasco in dem von ihr selbst gebauten Wohnfahrrad erreichte die Reisegruppe das Rüschhaus, Lebensort der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff von 1826 bis 1848. Empfangen wurden dort alle vom Schriftsteller Jan Brandt und seinem ortsspezifischen Text Totenmontag.

Im barocken Garten des Rüschhaus markierte die Choreografin Olivia Hyunsin Kim mit einem Kreidewagen die Grasflächen, zog die Grenzen, die sie anschließend in ihrem Song Oh Westphalia! wieder einriss, einem Abgesang auf die Rassifizierung, die sich der weiße alte Mann der Weltgeschichte seit Jahrhunderten leistet. Es folgte ein bewegendes Gedicht in Deutscher Gebärdensprache, geschrieben und performed von Julia Kulda Hroch und Rafael-Evitan Grombelka, Autor*innen der Initiative Handverlesen. Auch hier stand nicht weniger als die westliche Kultur auf dem Prüfstand, die Taube Menschen von Aristoteles an ausgeschlossen hat.

Ein letztes Mal ging es aufs Fahrrad und zur Burg Hülshoff. Im Film processing borders von Ian Purnell und Philine Rinnert wurde ein Grenzstein zum Protagonisten einer Weltgesellschaft, die sich längst durch das Internet von Staatengrenzen entfernt hat. Passend dazu das Finale: Zwischen den Deko-Steinen eines Gartenbetriebs und Nebel aus der Maschine spielte und sang Shlomi Moto Wagner Kompositionen, die er Felsen in der Wüste Israels abgelauscht hat.

PEACE POEM FOR MANY PEOPLE

Im Rahmen von Westfailure hat die dänische Lyrikerin Mette Moestrup gemeinsam mit der Programmiererin Tea Palmelund ein Gedicht im Netz geschaffen: PEACE POEM
FOR MANY PEOPLE
.

Es basiert auf dem Vertragstext zum Westfälischen Frieden von 1648. Die Benutzer*innen des Netzgedichts können aus bestehenden Texten aussuchen und neue hinzufügen. Welchen Frieden wünschen wir uns heute? Wie kann eine Welt ohne Gewalt für alle aussehen?

peacepoemformanypeople.net ist weiterhin im Netz zugänglich.

Westopia

© CfL/Kim Wilfriedsson

Höhepunkt des Projekts war das Festival Westopia im September 2021:

Fünf Tage widmete sich das CfL gemeinsam mit dem internationalen Autor*innenkollektiv foundintranslation und mehr als 80 Autor*innen, Künstler*innen und Wissenschaftler*innen Entwürfen einer inklusiven Literaturlandschaft.

Diskussionen, Lesungen, Vorträge, Performances, Installationen, Workshops, Spaziergänge und Konzert wechselten sich ab.

Das Programm bot unterschiedlichste Themen:

  • Die Autor*innen Daniela Dröscher, George Demir, Heike Geißler stellten zum Beispiel das Projekt Check your habitus vor, das literarische Perspektiven zu Herkunft, Klasse, Bildungsaufstieg und dem Wechseln zwischen den sozialen Welten versammelt.
  • Ronya Othmann und Joana Tischkau sprachen mit Nefeli Kavouras darüber, was Sexismus für eine Gesellschaft und die Kunst bedeuten, und warum ein #metoo in der deutschsprachigen Literaturszene bisher fehlt.
  • Jovana Reisinger sprach in ihrer Keynote über Körperlichkeit und Wahrnehmung.
  • Der amerikanische Schriftsteller Belo Miguel Cipriani beschäftigte sich in seiner Keynote mit der Zugänglichkeit von Literatur und Bildung auch für Menschen mit Behinderung.
  • In einer zweitägigen Konferenz diskutierten Vertreter*innen aus Kulturvermittlung und Politik darüber, wie sich Kulturförderung in einer mehrsprachigen Gesellschaft verändern wird, und welche Instrumente es braucht, um Vielsprachigkeit und Diversität anders zu fördern.

Zahlreiche Veranstaltungen des Festivals waren mehrsprachig, am 4. September war das Festivalprogramm zudem in Deutscher Gebärdensprache zu erleben.

Ein Teil des Festivals ist in der Mediathek unserer Digitalen Burg zu sehen!

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Offener Brief an den Literaturbetrieb

Zum Abschluss von The White White West? verfasste foundintranslation einen offenen Brief, der auf 54books veröffentlicht wurde.

Der Brief fasst viele der Gedanken, Wünsche, Visionen, Enttäuschungen des Projekts und insbesondere des Festivals Westopia zusammen.

So fordert foundintranslation eine Erneuerung der Förderstrukturen, die flexibler werden müssen, um Künstler*innen an der richtigen Stelle zu unterstützen; mutigere Veranstaltungs-und Vermittlungskonzepte, die viele Perspektiven und Literaturformen abbilden und so auch neues Publikum erreichen; eine diversere Besetzung von Jurys; Sichtbarkeit für Literatur, die in anderen Sprachen als Deutsch geschrieben ist; weniger Repräsentation und Barrieren, mehr Gemeinschaftssinn, Dialog und Zugänglichkeit - für einen mehrsprachigen, vielstimmigen und inklusiven Literaturbetrieb.

Begleitet wurde der Brief von einer der Illustrationen von Moritz Wienert, die der Künstler für das Westopia-Festival erarbeitet hatte.

Der Open letter to the Literaturbetrieb ist hier zu lesen.

Publikation: From Westfailure to Westopia. Ein Reisejournal

Das Reisejournal führt von Westfailure aus in die sechs unübersetzbaren Begriffe, die auch das Westopia-Festival prägten. Es ist eine Reise durch Texte, Bilder und Songs, die im Projekt entstanden sind oder es begleitet haben.

Herausgegeben von Jörg Albrecht (CfL) und Tomás Cohen, Annika Dorau, Hugh James und Nefeli Kavouras (foundintranslation).

Mit u.a. Beiträgen von Jan Brandt, Belo Cipriani, Andrés Claro, Ariane von Graffenried, 올리비아 Hyunsin 金, Jovana Reisinger, Stefanie de Velasco, ZWEITZEUGEN e.V.

Bestellungen ab 24. Januar 2022 über shop@burg-huelshoff.de oder über den Buchhandel.
Preis: 20€ (bei Bestellung über shop@burg-huelshoff.de zzgl. Versandkosten)

Förderer The White White West?

The White White West? wurde gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes, gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, sowie durch die Kunststiftung NRW und das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW.

Förderer/Partner Westfailure

Westfailure war außerdem eine Koproduktion von Burg Hülshoff – Center for Literature mit dem Westfälischen Kunstverein und wurde zusätzlich im Rahmen von europa:westfalen – literaturfestival [lila we:] 2021 gefördert durch das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW, die LWL-Kulturstiftung und den Landschaftsverband Westfalen-Lippe.

Ein erstes Laboratorium zur Vorbereitung des Westfailure-Projekts wurde 2020 gefördert im Programm »Global Village Ventures« vom Fonds Darstellende Künste aus Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.