Alphabete der Automatisierung. Literarisches Schreiben und KI-Literacy

KI und große Sprachmodelle verändern Sprache und Text grundlegend: Ein wachsender Anteil der online kursierenden Texte entsteht durch oder mit Sprachmodellen und mit ihm sickern deren sprachliche Muster in die alltägliche Text- und Sprachwirklichkeit ein. Das Projekt Alphabete der Automatisierung nimmt diesen Wandel zum Ausgangspunkt und untersucht ihn dort, wo er sich besonders präzise beobachten lässt: im literarischen Schreiben.

Im Zentrum steht die Arbeit mit Open-Weight-Modellen und eigenen Trainingsdatensätzen: Autor*innen und Kollektive erarbeiten jeweils zu einem selbst gewählten Thema einen Datensatz, aus dem literarische Bots entstehen. 

Eine zentrale Rolle spielt dabei das Phänomen des Model Collapse (auch: Model Cannibalism), das durch rekursive Komprimierung entsteht: Werden Sprachmodelle zunehmend mit bereits synthetischen statt menschlich verfassten Daten trainiert, kann eine Feedbackschleife entstehen, in der sich die Verteilung zunehmend auf häufige und wahrscheinliche Muster verengt, während Vielfalt und seltene Informationen verloren gehen. Bislang ist Model Collapse vor allem für Bildmodelle empirisch untersucht. Für Text steht eine vergleichbare Untersuchung noch aus, obwohl Prognosen zufolge der Anteil KI-generierter Texte im Netz stark zunimmt und menschlich verfasste Trainingsdaten mittelfristig knapp werden könnten. Das Projekt geht dieser Frage praktisch nach: Datensätze aus verschiedenen literarischen Textgenres werden erstellt und in einer rekursiven Feedbackschleife durch Sprachmodelle verfremdet. Die Outputs nach n Schleifen werden von den Datensatz-Kurator*innen analysiert und dienen als Grundlage für weitere künstlerische Praxis. Das Projekt arbeitet dazu auf drei Ebenen: dem Training eigener Modelle und dem Prompten dieser Modelle, dem experimentellen Durchspielen von Model Collapse sowie Experimenten mit Tokenizern. 

Weitere Workshopformate machen Sicherheitsbarrieren und Verständnisgrenzen großer Sprachmodelle sichtbar und nähern sich der Geschichte sprechender Maschinen von frühen Chatbot-Architekturen bis zur Gegenwart an. Eine öffentliche Vortragsreihe begleitet das Projekt. Die Ergebnisse werden für eine Publikation aufbereitet. 

Realisiert wird das Projekt von Burg Hülshoff – Center for Literature (CfL), der Programmbetrieb der Annette von Droste zu Hülshoff-Stiftung. Kooperationspartner ist u.a. das Literarische Colloquium Berlin (LCB). Konzept: Jenni Bohn, Daniel Falb, Kjell Wistoff / Realisation: Jenni Bohn, Ting-Chun Liu, Kjell Wistoff. 

Förderer

Das Projekt Alphabete der Automatisierung. Literarisches Schreiben und KI-Literacy wird gefördert von der Kulturstiftung des Bundes und dem Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien. Es findet statt in Kooperation mit dem Literarischen Colloquium Berlin (LCB).