Logo Center for Literature
Neujahrsvorsätze/ New Year’s Resolutions

Rauchzeichen – Stefanie de Velasco

01.01.2021 ⋅ von Burg Hülshoff

Rauchzeichen – oder: Was ist Nachhaltiges Erzählen?
Vorsätze für Kein Neues Jahr

When the buffalo went away
the hearts of my people fell to the ground
and they could not lift up again.
After this nothing happened.

– Plenty Coups

2020 war kein Jahr. Es fing mitten im Frühjahr an, und ist noch nicht zu Ende. 2020 wird wohl erst zu Ende sein, wenn unser Alltag sich nicht mehr anfühlt, wie eine lose Sammlung namenloser Tage, Wochen und Monate, die alle im Zeichen der Covid-Pandemie stehen. Nicht nur deswegen – weil dieses »Jahr« so völlig neben der Spur verlaufen ist – hat es für mich schon 2019 begonnen, als mein zweiter Roman Kein Teil der Welt erschien, der von meiner Kindheit und Jugend bei den Zeugen Jehovas erzählt und von der permanent drohenden Apokalypse. Es war der heißeste und trockenste Sommer seit Beginn der Wetteraufzeichnung, die Spree floss aufwärts, weil sie so wenig Wasser trug. Wenn die Flüsse aufwärts fließen, wenn die Hasen Jäger schießen, wenn die Mäuse Katzen fressen, dann erst will ich ich vergessen. Das hatte mir mal eine Jasmin ins Poesiealbum geschrieben, spätestens jetzt hat sie mich auch vergessen, wusste ich. Morgens roch es nach Rauch, in Brandenburg brannten die Wälder, der beißende Qualm zog bis nach Berlin, einmal entlud sich nachts eine Gewittersuperzelle, die sich mit einem gelben, fahlen Licht am Nachmittag ankündigte. Die ganze Nacht krachte, knallte und donnerte es, Blitze wie Stroboskoplichter in der Disko. Zitternd lag ich im Bett.
So hatte der Gott meiner Kindheit mit den Menschen aus dem Alten Testament kommuniziert. Wollte er mir etwas sagen? Lachte er sich einen ab, weil die Weltuntergangsszenarien meiner Kindheit mich unverhofft einholten? Was eine Ironie des Schicksals: Jahrelang schrieb ich an diesem Roman in der Hoffnung damit den fiktiven Weltuntergang hinter mir zu lassen, bloß um mich anschließend in einer Realität wiederzufinden, in der ein Hitzerekord den nächsten jagt, und plötzlich sogar Kinder anstatt in die Schule auf die Straße gingen, um ihr Überleben und das der nachfolgenden Generationen zu sichern. Die Trockenheit, die Hitze, die Kinderdemos, der Aufstieg der AfD, die vielen Toten im Mittelmeer, der Hass im Netz ließen mich als Autorin verstummen. Ich fragte mich, was ich bloß als nächstes schreiben sollte. Meine Arbeit, die ich bisher für sinnvoll hielt, fühlte sich auf einmal ungefähr so sinnvoll an, wie Glückskekse zu betexten. Warum ausgedachte Universen erschaffen, wenn die Realität überwältigender ist als die Fiktion? Warum dafür sorgen, dass das europäische Bildungsbürgertum in mediterranen Ferienhäusern weiterhin in der Sonne lag um »mal wieder ein gutes Buch zu lesen«, während auf den selben Inseln Menschen unter schrecklichsten Bedingungen um ihr Überleben kämpfen? War es nicht vielmehr meine Pflicht dieser perversen Ignoranz etwas entgegenzusetzen, die Zukunft der Erdenbewohner*innen und damit auch die der Literatur zu sichern?

Ich fasste einen ersten Vorsatz. Er war ziemlich daneben, denn es war erstmal nur der Vorsatz so nicht weiter zu machen. Roman schreiben, Lektorat, Lesungen, Presse, vielleicht Preise – das heißt, forever an einer Karriere als Schriftstellerin basteln. Am 19.11.2019 fing ich an zu streiken. Ich setze mich vor die Akademie der Künste am Brandenburger Tor, neben mir ein Schild auf dem German Writer on Climate Strike stand. Ich saß dort jeden Tag von 9-13 Uhr, die Zeit in der ich sonst zu Hause schrieb. Mir war kalt, mein Rücken schmerzte. Frauen in Hosenanzügen klackerten an mir vorbei und verschwanden in den Bankgebäuden, die mich umgaben. Die Blicke: Wer ist sie, ist das überhaupt eine richtige Schriftstellerin?
Wenn ja, dann würde sie hier ja nicht rumsitzen, oder? Dann würde sie ja schreiben, oder? Trotzdem ging ich jeden Tag wieder hin. Die Scham und die Kälte fühlten sich erträglicher an, als die Leere und die Verzweiflung am Schreibtisch. Manchmal driftete ich ab in eine Art Trance. In Radical Hope erzählt der Autor Jonathan Lear von der Tradition der Crow, die ihre Kinder und Jugendlichen der regelmäßig in die Wüste oder in die Berge schickten, um »zu träumen«. Einsamkeit, Langeweile, Kälte und häufig auch das zufügen von Schmerzen versetzte sie in Trancezustände, die als »Medizinträume« galten. Nach ihrer Rückkehr wurden die Träume gemeinsam gedeutet; das führte zu einer ständigen Anpassung der Crow-Kultur an die Gegenwart. Als die Crow von den europäischen Kolonialmächten in die Reservate deportiert wurden, fanden durch sie das Deuten von Medizinträumen einen neuen Crow Telos, der ihnen als eine der wenigen indigenen Kulturen Nordamerikas das Überleben in einer postapokalyptischen Welt ermöglichte.
Dort vor der Akademie hatte ich auch einen Traum: Ich träumte, dass alle Künstler*innen aufhörten zu arbeiten, zu singen, zu schauspielern, zu schreiben, zu tanzen, dass alle Sportler*innen im Bett blieben, alle Bibliotheken, Buchhandlungen, Badeanstalten, Theater, Opernhäuser, Fußballstadien geschlossen blieben, mit der Ansage ihre Arbeit erst wieder aufzunehmen, wenn eine Klimapolitik in Kraft treten würde, die unser aller Zukunft sicherte. Ich hatte einen weiteren Traum: Ich sah mich mit einem aus Industriemüll gebauten Wohnfahrrad durch Europa fahren. Ich fuhr und suchte in schwankender Position nach Möglichkeiten in einer aus den Fugen geratenen Welt weiter zu schreiben, ich suchte nach der Literatur der Zukunft. Ich klemmte mir mein Schild unter den Arm, ich ging nach Hause und kehrte nicht zurück an meinen Streikposten - es war auch gar kein Streik gewesen, der Pariser Platz war meine Wüste gewesen in der ich geträumt hatte.

Anfang 2020 fuhr ich nach Kiel und baute dort ein bewohnbares Lastenrad. Während der Bauphase rückte die Pandemie immer näher, bis der Lockdown kam und die Werkstatt schließen musste. Der Bahnhof war leer, die Straßen, die Geschäfte zu, die Theater und Kinos geschlossen. Da ist sie also, dachte ich leeren Zug, deine Vision. Corona hatte ich nicht geahnt, wohl aber von dem Zustand geträumt, in das uns das Virus versetzte – der Lockdown war das erste Großereignis der ökologischen Krise. Ich kehrte anschließend zurück nach Kiel, baute das Rad fertig und fuhr damit durch Norddeutschland. Ich schrieb Texte, die
ich über die Künstler*innenplattform Patreon veröffentlichte. Ich veröffentlichte ein Reisemagazin: Kassandra – Magazin für eine neue Zeit. Ich schlief im Fahrrad, auf Campingplätzen und auf Warmshower-Sofas. Das Radeln brachte mich ins Denken. Ich entwickelte ersten Ideen zu dem was ich heute Nachhaltiges Erzählen nenne. Nachhaltiges Erzählen ist ein kreatives Konzept mit dem Künstler*innen arbeiten können – eine Ästhetik des Nachhaltigen als künstlerische Praxis in Anlehnung an ressourcenschonende Handlungsprinzipien, durchaus entlang des Ratlosen, Erschüttertem, Brüchigen, Entkernten, ein »dreaming on behalf of the tribe«, schwankend Position beziehend, jedoch nicht auf der Seite der Ruinen, sondern immer auf der Suche nach der Zusammenfügung, nach dem Teile nehmen, um zu schauen: Wird daraus etwas Neues?

Mein Vorsatz lautet – mehr Fragen stellen als Antworten bieten: Was kann Nachhaltiges Erzählen sein? Welches Potential setzt der Nachhaltigkeitsbegriff frei, wenn ich ihn durch künstlerische Bewegungsfiguren in Bezug setze zum Erzählen, welche Bewegungsfiguren eignen sich? Kann mir der Nachhaltigkeitsbegriff helfen einen relevanten künstlerischen Kommentar zur Gegenwart zu liefern und Literatur zukunftsfähig machen?

Meine Vorsatz lautet: Nicht den Nachweis von Verhältnissen erbringen, sondern einen Ausblick bieten – auf das Morgen, d.h. der ökologischen Krise etwas abtrotzen und gleichzeitig etwas entgegenzusetzen und Neues etablieren.

Mein Vorsatz lautet: Eine angemessenen Sprache für unsere Gegenwart zu finden, eine Sprache, die nicht nur die Brüchigkeit der Verhältnisse im Anthropozän nachweist, sondern gleichzeitig damit experimentiert neue Kreisläufe herzustellen, und nach neuen Existenzformen sucht, die es der Literatur ermöglicht aus eben jenen Kreisläufen auszubrechen, die überhaupt erst zur ökologischen Krise geführt haben, eine Sprache, die nach konstruktiven Aspekten der Nachhaltigkeit sucht, auf der Seite der Frage: Was ginge eigentlich anderes? Welche Bewegungsfiguren müsste man ausführen, um die Fieberkurve nicht nur zu deuten, sondern sie in derselben Bewegung auch zu verändern?

Mein Vorsatz lautet: Einen Sprach- und Resonanzraum Nachhaltigen Erzählens zu öffnen, nicht nur in der Produktion, sondern auch als Denk- und Anstoßraum für Distribution, d.h. als Vermittlungs- und Vertriebsalternative, als Rezeption bereits existierender Konzepte, diese als solche zu benennen und in einen Kanon Nachhaltiges Erzählen zu kontextualisieren. Das ist mein Vorsatz und meine Pflicht als Autorin: Aus der Wüste anstatt mit Frozen Joghurt für die Liegestuhllektüre mit Medizinträumen zurückzukehren, die uns heilen und unser weiterleben und weitererzählen lassen.