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Neujahrsvorsätze/ New Year’s Resolutions

Annonce fürs neue Jahr – Nefeli Kavouras

01.01.2021 ⋅ von Burg Hülshoff

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Ich hatte ein Rätsel gefunden und klebte es an meine Küchenwand.

Warum ich das an die Wand klebte, ist nicht Teil des Rätsels. Doch als ich diesen Zettel fand, stellte ich mir folgende Fragen:

  1. Warum würde jemand Silvester 2000 lieber mit einer Fremden, als mit dem persönlichen Umfeld verbringen?
  2. Warum schneidet jemand diese Annonce aus und klebt sie auf einen Post-It-Zettel?
  3. War die Person des Ausschneidens und Aufklebens Teil dieses Silvesters?
  4. Sind die Eigenschaften des Annoncenstellers gelogen?
  5. Was passierte an Silvester 2000?

Beim Kaffeetrinken blicke ich auf diesen Zettel. Die Fragen rotieren in meinem Kopf wie der Zuckerlöffel in der Tasse. Wenn ich traurig bin, denke ich mir den Annoncensteller als traurigen Mann. Ich denke mir, zur Beantwortung der ersten Frage, dass es nicht abwegig ist, Silvester mit einer fremden Person, oder gar allein zu verbringen. Im Traurigsein möchte ich denen mein Vertrauen schenken, die ich nicht kenne. Bin ich guter Laune, denke ich nur an die fünfte Frage. Ich denke mir Champagner, Sex und eine alberne 2000-Brille. Ich denke mir Grölen, Umarmungen, Schweißflecken und eine lockere Krawatte. Ich denke mir eine Einwegkamera und durch Trunkenheit verschwommene Raktenbilder. Ich denke mir einen tiefen Blick, einen Kuss, ein Hoffen auf ein Wiedersehen.

Als Kind dachte ich nicht viel über Silvester nach, doch die Aufregung am Tag selbst war groß. Jetzt denke ich viel über Silvester nach, über das, was war und das, was noch kommt, doch die Aufregung bleibt aus. Ich denke über Vorsätze nach, die ich fürs neue Jahr hatte und wie ich versuchte, eine bessere Version meiner selbst zu bauen, nur anhand der Magie eines Abends.

Für 2021 nehme ich mir vor, mehr Käsesorten zu probieren. Bisher kenne ich:
Banon, Beaufort, Beemster, Bergkäse, Le Brebiou, Brie, Butterkäse, Burrata, Le Cabrissac, Camembert, Chavroux, Cheddar, Chevrotin, Comté, Crottin de Chavignol, Edamer, Emmentaler, Feta, Gerupfter Käse, Gorgonzola, Gouda, Gruyère, Grana Padano, Gudbrandsdalsost, Halloumi, Handkäse, Harzer Käse, Hüttenkäse, Leerdammer, Maasdamer, Manchego, Manouri, Mascarpone, Mozzarella, Obazda, Panir, Parmigiano Reggiano, Pecorino, Picodon, Prim, Ricotta, RocheBaron, Roquefort, Saint Agur, Scamorza und Tilsiter.

Bevor ich meine Geburtsstadt verließ, verbrachte ich Silvester allein in der Badewanne. Ich trank Wein und hörte draußen Böller, gemeinsame Freuden und Autohupen, während der Schaum in der Wanne langsam nachließ. Ich mochte die Vorstellung, rein ins neue Jahr zu kommen, wollte mich so sehr ohne Last fühlen. Ich blieb so lange liegen, bis mir das Wasser kalt erschien. Dann trocknete ich mich ab und hatte plötzlich keinen Plan mehr. Keine Tätigkeit wäre nun angemessen. Nicht Serienschauen, und nicht Lesen. Ich wollte auch nicht mein Handy zur Hand nehmen. Mir war es auf einmal unangenehm, Silvester allein zu verbringen und ich wollte mir das vor niemandem eingestehen, wollte keine Anrufe entgegennehmen, keine Nachrichten beantworten. Ich ging ins Bett. Ich hatte das Gefühl, heimlich ins Bett zu gehen.

Neujahrsvorsätze.
Als Kind bestanden diese für mich darin, besser in der Schule zu werden.
Als Jugendliche bestanden sie für mich darin, meinen ersten Kuss zu haben und später, dass der, den ich mag, mich auch mögen soll.
Irgendwann nahm ich mir regelmäßiges Joggen vor. Ich kaufte mir sogar im Dezember Schuhe, die mir teuer und passend erschienen. Natürlich hielt ich den Sport nur einige Wochen durch.
Ich nahm mir vor, weniger Serien zu schauen. Ich nahm mir vor, mehr zu schreiben. Ich nahm mir vor, besser in Kommunikation zu werden und eigene klare Grenzen zu setzen. Ich nahm mir vor, mir selbst ein Zuhause aufzubauen. Zumindest das habe ich geschafft. Eine kleine Wohnung, mit diesem Zettel an meiner Küchenwand.
Ich frage mich, welche Neujahrsvorsätze der Annoncensteller hatte.

So sah Silvester 2000 aus:

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Ich finde das YouTube-Video zu der Bildaufnahme, hochgeladen von könig123. Ich denke mir, dass Silvester schon immer gleich aussah. In den Kommentaren schreibt ein Nutzer mit dem Namen »Voyager Techno«: Die wohl magischste Nacht meines Lebens.
Der Kommentar hat einen Like.

Manchmal verbrachte ich Silvester mit Alina. Wir trafen uns in ihrer Wohnung, wir jammerten darüber, wie viel wir zu tun hatten und arbeiteten nebeneinander bis 22 Uhr. Dann bestellten wir Sushi, dann öffneten wir die Weinflasche und tanzten. Ich kenne niemanden, der so schön tanzt, wie Alina an Silvester. Ich weiß nicht mehr, zu welchen Liedern wir tanzten. Ich möchte mir vorstellen, dass wir zu It's My Life von Talk Talk tanzten.

Vorletztes Jahr an Silvester nahm ich mir vor, mutiger zu werden. Ich startete damit, eine Rakete aus meiner Hand zu schießen. Mein Herz schlug dabei wie verrückt.

 

I’ve asked myself, how much do you
Commit yourself
It’s my life, don't you forget
It’s my life, it never ends
{It never ends}

Und an anderen Tagen, denke ich mir, ich will nie so enden wie der Annoncenmann. Ich will nie einsam sein an Silvester. Ich will mich darauf besinnen, ein Umfeld zu haben, auf das ich mich verlassen kann. Ich denke, das ist mein anderer Neujahrsvorsatz, neben Käsekennen: meine Liebsten mehr zu schätzen. Mich weniger einsam zu fühlen, wenn ich doch nicht allein bin. Mut zur Albernheit und gegenseitiges Musikzeigen. Bierspaziergang und gemeinsames Kochen, und davon ganz viel. Gemeinsamer Kaffee und lange Umarmungen. Mich häufiger melden, auch wenn ich befürchte, nur anstrengend zu sein. Das wünsch ich mir, und das ist genug.