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Free Care

Free Care #4: Dann kann man sich auch gleich vor den Spiegel stellen

04.04.2020 ⋅ von Burg Hülshoff

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Gerhild Steinbuch und drei Kolleginnen des Instituts für chauvinistische Weiterbildung © Sabrina Richmann

Ein Gespräch über solidarisches Schreiben und final girls mit der Schriftstellerin Gerhild Steinbuch

Am 26.03.2020 um 14:58 schrieb Jörg Albrecht:
Liebe Gerhild, schon in den allerersten Texten, die ich von Dir gelesen habe (das war 2003 oder 2004), ging es sehr stark um Körper. Und zwar weniger im Sinn von Self-Care mit Yoga und Meditation, sondern Körper als etwas, das uns gehört und nicht gehört, als etwas, das immer schon überschritten wird dadurch, dass wir mit anderen leben. Stimmt das so – oder totaler Bullshit?

Am 26.03.2020 um 15:10 schrieb Gerhild Steinbuch:
Lieber Jörg, das stimmt auf jeden Fall. In meinen ersten Texten hat mich die Durchlässigkeit dieser Grenzen zwischen Körpern interessiert, die geforderte, erwartete, erzwungene. Das Täter*innen denken, dass Nähe gleich Verschmelzung. Also so ein als echtes Gefühl getarnter autoritärer Besitzanspruch. 

Am 26.03.20 um 15:15 schrieb Gerhild Steinbuch:
Und ich dachte grade (Notiz an mich: erst denken, dann abschicken), dass mich das immer noch beschäftigt, aber in den ersten Texten war der Rahmen meistens die Familie, und die Lesart deswegen eine persönliche, und dann auch leider eine autobiografische, als würde man direkt in die strukturelle Problematik hineinschauen, die man da versucht zu formulieren. Und die grinst fröhlich zurück als wär nix.

Am 26.03.2020 um 15:28 schrieb Jörg Albrecht:
Um es also von mir aus (und damit etwas platter) zu formulieren waren diese Theatertexte, wie zum Beispiel kopftot, ein Versuch, Gewalt innerhalb von Familien, oft eben auch in Form sexuellen Missbrauchs darstellbar zu machen. Also: sprachlich darstellbar zu machen. Wobei dann in den Inszenierungen, in denen ja »echte« Körper auf der Bühne stehen, genau das wieder eine Problematik wurde, oder? Wie einen Text zu Übergriffen und sexuellem Missbrauch mit Körpern inszenieren, ohne dass sich dies auch wieder in körperlicher Gewalt (wenn sie auch nur »gespielt« ist) auf der Bühne niederschlägt? Wie war das damals für Dich als ja auch noch sehr junge Schriftstellerin? Wie war es, das auf der Bühne zu sehen? Bzw. welche Unterschiede gab es?


Am 26.03.20 um 18:47 schrieb Gerhild Steinbuch:
Genau, mich hat die Beschäftigung mit sexuellen Übergriffen interessiert, in Zweierbeziehungen und anfangs vor allem in der Familie. Dabei war mir zu Beginn wichtig, den Moment des physischen Übergriff eben nicht zu versprachlichen (wie auch?), sondern die gewaltvollen Beziehungsmuster, die TäterOpferUmkehr etc. Mir schien das wichtiger als einen physischen Moment zu versprachlichen, den ich ohnehin nicht versprachlichen kann und den aber wieder jede*r denkt zu verstehen. Später habe ich Gewaltmomente in Regieanweisungen geschrieben, in einer Art und Weise, die klar machen sollten, dass hier von der Regie übersetzt werden muss. Interessant und befremdlich fand ich, dass in vielen Inszenierungen genau dieses körperliche Gewaltmoment, das ich ja eben bewusst ausgespart hatte oder so formuliert, dass es einer Übersetzung bedurft hätte, gezeigt werden wollte. Oder die Gewalt, die versprachlicht wurde, wurde ignoriert, um eine »normale Familiengeschichte« zu erzählen. Als gäbe es eine bestimmte erwartete Weise, über Gewalt zu schreiben und kein Bewusstsein, dass genau diese Erwartungshaltung das Problem ist, dass der Übergriff dann nicht im Text, sondern auf der Bühne stattfindet. Am Interessantesten fand ich die Inszenierungen, die gar nicht erst den Versuch unternahmen, »die Familie« oder »die Beziehung« zu zeigen, sondern die die Gewalt im Dialog verstanden haben, das, was das Sprechen, mit den Körpern, die sprechen, macht. Daraus hat sich dann ein Schreiben entwickelt, in dem ich das Thema aus dem Figurenverbund herausgelöst habe, um die Körper sichtbarer zu machen, die ich davor, ohne es zu wollen, unsichtbar gemacht hatte.

Am 27.03.2020 um 09:44 schrieb Jörg Albrecht:
Das heißt: Die Körper können erst sichtbar werden, wenn sie nicht mehr an Figuren hängen. Und wenn sie nicht mehr als Realismus schauspielernder Körper verstanden werden? Bedeutet das auch, dass Körper vielleicht etwas ganz anderes sind als das, was wir (rein optisch) sehen? Wir könnten dann unterscheiden zwischen dem, was optisch zu sehen ist, und dem, was sichtbar WIRD, also als etwas bestimmtes sichtbar wird. Dann wären Körper eben unlösbar mit den Strukturen verwoben, in denen wir leben – und ihre Sichtbarkeit würde von diesen Strukturen abhängen. Wie, würdest du sagen, kann dann Sprache diese Strukturen begreifbar machen?

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Inszenierung Berg Eins von Freundliche Mitte © Freundliche Mitte

Am 30.03.20 um 20:38 schrieb Gerhild Steinbuch:
Ja, die Körper werden sichtbar, wenn sie als die Körper der Performer*innen präsent sind und nicht mehr sogenannte ausgedachte »echte Menschen« repräsentieren müssen bzw als diese festgeschrieben werden. Die Strukturen, die du benennst, würde ich als Netz aus Standplätzen beschreiben, in die die Entwertung, die Zurichtung eingeschrieben ist. Als etwas angesprochen werden und dabei ziemlich viel abgesprochen bekommen, weggesprochen werden. Ich denke, Sprache kann das enge Platzkorsett aufzeigen und aufbrechen, die gegen sich selbst gerichteten Waffen nach außen drehen und andere Räume eröffnen (freischießen?), in denen Körper nicht passend gemacht werden, gemacht werden müssen. Weil Sprache vielstimmig ist, schon allein deswegen weil sie immer wieder von einem wegläuft.

Am 30.03.2020 um 20:46 schrieb Jörg Albrecht:
Sie läuft weg – aber ist das nicht genau auch, was diese Standplätze, von denen Du sprichst, am Ende zementiert? Während das Benennbare im Weglaufen verschwimmt, verschwimmt ja auch unsere Möglichkeit, zu verstehen, was mit uns passiert, oder?


Am 30.03.20 um 20:52 schrieb Gerhild Steinbuch:
Aber ist dieses Verschwimmen nicht genau die Möglichkeit, darüber nachzudenken, was passieren könnte? Zur Bewegung des Weglaufens gehört ja auch das Zurückkommen, verändert, angereichert mit was. Sollte das, was immer wieder benannt wird, einfach weil es selbst laut und am lautesten von sich selbst spricht, nicht endlich verschwimmen bzw. verschwinden?

Am 30.03.2020 um 20:59 schrieb Jörg Albrecht:
Dieses Lauteste ist am ehesten mit dem Begriff Patriarchat beschrieben. Also eine Ordnung, in der Männer v.a. sich selbst geil finden. Ist es nicht auch das, was sich in den schon genannten Inszenierungen explizit gegen Schwächere richtete? Wobei auf der Bühne eben bestimmte Körper als schwächer inszeniert und auch nur so lesbar gemacht wurden. Und indem das passierte, waren sie dann auch schwächer. Deine Sprache – ich korrigiere: verschiedene Formen von Sprache, die in Deinen Texten vorkommen – , die wirken aber bei allem Nachdruck, aller Wut und aller Analyse, bei allem ihrem manchmal beißenden Witz auch lindernd. Und das, obwohl sie weit weg davon sind, cosy zu sein.

Am 30.03.20 um 21:10 schrieb Gerhild Steinbuch:
Ich hoffe, Du meinst das Lindernde nicht in Bezug auf das Patriarchat, dann suche ich mir jetzt nämlich einen neuen Beruf. Ja, diese Inszenierung des sogenannten Schwächeren geht ja Hand in Hand mit dem befremdlichen Gewaltumgang jener Inszenierungen, über die ich mich echauffiert hatte. Ich denke gegen die Lesbarmachung bestimmter Körper als Schwächere will man ja immer losschießen wie gegen die artverwandten alternative facts, also ich will das auf jeden Fall, aber ich bemühe mich, nicht aus den Augen zu verlieren, dass aus dem Kaputtschlagen irgendwas anderes entsteht, es also nicht nur ein Abarbeiten an denen ist, die eh schon am meisten Raum bekommen. Aber was meinst Du denn nun mit lindernd?  
Am 30.03.2020 um 21:25 schrieb Jörg Albrecht:
Ich will darauf hinaus, daß Du in den Texten Dinge zur Sprache bringst und dadurch angreifst was zwar mit Wut und auch mit Angriff zu tun hat, auf der anderen Seite aber auch Solidarisierungen ermöglicht. Wenn Du die Sprache rund um den NSU, also auch die Sprachen von Justiz, Polizeiapparat, Verfassungsschutz auf- und damit angreifst, ermöglichst Du auch denjenigen, die selbst zum Teil zehn Jahre unter deren Sprachangriffen litten (und es noch immer tun), eine Art Linderung durch Revanche. Für mich ein bißchen wie Tarantino arbeitet, indem er am Ende von Inglorious Basterds die Nazis im Kino in Flammen aufgehen läßt, entzündet durch eine Jüdin und ihren Liebhaber mit afrikanischem Background, oder indem er die Killerbande Charles Mansons selbst brutal ermorden lässt, im Sinne einer höheren Gerechtigkeit – und die real Getöteten überleben im Film. Also eben volle Attacke, aber dadurch wird die brutale Wirkung der nun mal so geschehenen Geschichte symbolisch revidiert. Natürlich nicht im Sinne dessen, daß irgendjemandes Leben dadurch tatsächlich besser würde oder im Nachhinein rettbar wäre. Und doch geht damit auch die Möglichkeit einher, anders zu trauern. Ist etwas paradox, merke ich gerade.


Am 30.03.20 um 21:29 schrieb Gerhild Steinbuch:
Ich mag was du schreibst, weil ich mir den Text ja eigentlich immer als final girl vorstelle; das final girl, das sich mit seinem Maschinengewehrbein durch die ziemlich alte und alt aussehende Geschichte schießt. 

Am 30.03.2020 um 21:40 schrieb Jörg Albrecht:
Worauf ich letztlich ziele (ich aber ohne Maschinengewehrbein), ist die Frage, ob diese sprachliche Arbeit nicht auch als Care zu bezeichnen ist. Ohne die Fürsorge als Arbeitsbereich damit eben zu vereinnahmen, glaube ich doch, dass dies doch eine Form von Care durch oder in Kunst ist. Samt aller unliebsamen und anstrengenden Arbeiten, wie Aufsammeln von Dreck und Hinterherräumen. Aber für diejenigen, für die gesorgt wird, immens wichtig.


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Gerhild Steinbuch und Jörg Albrecht vorm Spiegel in memoriam Hubert Fichte 2017 © Gerhild Steinbuch

Am 30.03.20 um 21:56 schrieb Gerhild Steinbuch:
Ja, das sehe ich auch so. Schreiben ersetzt keine solidarische Lebenspraxis, aber wenn Schreiben keine solidarische Praxis ist, was soll das ganze Schreiben dann überhaupt. Dann kann man sich auch gleich vor den Spiegel stellen. Darauf wollte ich auch mit dem Text als final girl hinaus: Eine Figur, die erst mal dafür da war, dem male gaze zu dienen, dem Zuschauer zu ermöglichen, gleichzeitig Täter und Opfer zu sein; als Täter, der aufs final girl losgeht, und als Opfer, weil sich der männliche Zuschauer auch mit dem final girl identifizieren kann, das überhaupt nicht über Körper nachdenken darf, schon gar nicht über den eigenen, denn dann wäre ja das Identifikationsangebot futsch. Solidarische Schreibpraxis wäre dann also, das Textfinalgirl aus der patriarchalen Umklammerung zu lösen, die Erzählung vom schwachen, unterlegenen Körper aufzulösen und dabei auf dem Weg noch den ganzen Dreck wegzuräumen, um Platz für andere Geschichten bzw. Körper und deren Geschichte(n) zu machen. Und dabei manchmal auch sich selbst mit wegzuräumen, als Autorin, wenn die eigene Stimme zu sehr denkt, dass sie nach eigener Stimme klingt. 

Am 30.03.2020 um 22:10 schrieb Jörg Albrecht:
Gut, daß Du das noch ansprichst, das wollte ich noch schnell fragen: Die Autorin räumt sich selbst weg. Sie muß sich manchmal zurückhalten, weil es nicht um ihr Wohl geht, sondern eher darum, daß es anderen aufhört, wohl zu sein. Das wäre eben für mich auch ein Riesenaspekt von Care-Arbeit in diesem Zusammenhang: Daß sich die Mächtigen nämlich unwohl fühlen, weil sich ein Text, eine Sprachwelt, eine Literatur um diejenigen kümmert, die zu viel damit zu tun haben, sich um andere zu kümmern, als daß sie sich um sich selbst kümmern könnten. Ah, und zu Care noch: Während früher deine Stücke relativ stark vom Blatt inszeniert wurden, entwickelst du derweil selbst eher Projekte, Projekte, die sich auch wieder um bestimmte Gruppen bemühen, die sich verbinden ...


Am 31.03.20 um 10:33 schrieb Gerhild Steinbuch:
Genau, als Freundliche Mitte arbeiten wir (Philine Rinnert, Bernhard Fleischmann und ich) als sich beständig erweiterndes Kollektiv mit Initiativen und Vereinen, aber auch Einzelpersonen unterschiedlichsten Backgrounds zusammen. Uns interessiert hier die gemeinsame inhaltliche Beschäftigung und das kollektive Gestalten der Projekte. Care meint hier nicht nur das, was der Text macht oder die Aufführung als Endprodukt, sondern auch einen fairen, sorgenden Arbeitsprozess, der mindestens genauso wichtig ist bzw. vom Projekt ja auch nicht trennbar. 

Am 31.03.2020 um 10:56 schrieb Jörg Albrecht:
In diesem Zusammenhang würde ich auch Deine Arbeit mit den Kolleginnen vom Institut für chauvinistische Weiterbildung sehen. Ihr seid fünf Autorinnen, die sich zusammengeschlossen haben, um mit gemeinsamen Positionen aber unterschiedlichen Stimmen sichtbar zu werden. Könnten wir sagen, ihr arbeitet daran, daß Care-Arbeit eben nicht nur als »weiblich« gesehen wird? Und damit übernehmt ihr selbst Care-Arbeit innerhalb eines Literatur- und Theaterbetriebs?


Am 31.03.20 um 11:24 schrieb Gerhild Steinbuch:
Ich würde sagen, wir arbeiten grundsätzlich gegen eine Lesart von Tätigkeiten als »weiblich« oder auch »männlich«, wobei es da innerhalb des Instituts auch unterschiedliche Positionen gibt. Was uns eint, ist die Care-Arbeit innerhalb des Literatur- oder Theaterbetriebs als solidarische Praxis unter Kolleg*innen, das Bilden von Banden. Vielleicht auch manchmal das Kümmern um, platt gesagt, patriarchale Positionen im Sinne eines mitleidigen Kopfstreichelns. Was uns interessiert ist ein Schreiben, das andere Körper zeichnet und sichtbar macht als jene, die zugerichtet werden und deren Zurichtung als Norm präsentiert wird, sei es die Zurichtung durch strukturellen Sexismus oder durch den Irrglauben an ein binäres Miteinander aus Männern und Frauen. 

Am 31.03.2020 um 11:54 schrieb Jörg Albrecht:
In diesem Sinne wäre Care wie Self-Care auch die Überwindung dieser scheinbaren Gegensätze?


Am 31.03.20 um 12:01 schrieb Gerhild Steinbuch:
Ja, und ein Denken und Leben und Schreiben von Vielfalt, Vielheit.


Der Beitrag wurde ermöglicht durch eine Förderung der LWL-Kulturstiftung.

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