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Projekt

Dark Magic

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© Julia Praschma

Das 21. Jahrhundert ist da, und doch scheint die Aufklärung noch immer nicht vollendet. Ist sie es je? Vielmehr schlägt sie Volten. Die Mystik schien eine Weile verschwunden und kehrt wieder zu uns zurück.

Im Bereich Dark Magic stellt sich das Center for Literature den dunklen, magischen Kräften, die uns mal unsichtbar, mal sichtbar leiten. Und oft genug die Kehrseite des Lichten sind.

Nicht zuletzt auch durch Technologien: Unsere Smartphones, Tablets, Uhren verbinden uns mit einer Sphäre, die wir gar nicht sehen können. Daten werden übertragen, erspäht, ausgewertet/umgewertet und kommen zu uns zurück – als SPAM-Mail, Einkaufsempfehlung, Hass-Posting. Kenneth Goldsmith schreibt:

 

»Dem Web, einem körperlich-affektiven und telepathischen Raum, haftet etwas Okkultes an, das an die spiritistischen Bewegungen erinnert«

— Kenneth Goldsmith: Uncreative Writing. Sprachmanagement im digitalen Zeitalter, übersetzt von Hannes Bajohr und Swantje Lichtenstein, Berlin: Matthes & Seitz 2017, Seite 305.

Folgerichtig werden Séancen des 19. Jahrhunderts und Tarotspiele mit Motiven der Weimarer Republik zu den Formaten auf Hülshoff gehören.

Die Toten scheinen uns in unserem individuellen Alltag und in unseren Träumen immer nah, manchmal fast näher als die Lebenden. Doch immer waren Spuk und Horror in Literatur, Film und anderen Künsten auch Kristallisation gesellschaftlicher Ängste.

In künstlerischen wie wissenschaftlichen Forschungsprojekten beschäftigt sich das Center for Literature mit dem Gespenstischen der Gegenwart. Wie ist unser kulturelles Erbe, das zuletzt im European Year Of Cultural Heritage re-inszeniert worden ist, ohne seine Schattenseiten, die vielen Toten, den Kolonialismus, die Kriege, die Konzentrationslager, überhaupt zu verstehen? Wie können wir mit den Toten sprechen? Und wieso sollte ein Gespräch mit den Toten ausschließen, dass wir unser Leben feiern können?

In partizipativen Schreibprojekten, hauntologischen Musikworkshops und dem Remake von Stumm- und sonstigen Gespensterfilmen werden diese Fragen uns mehr Antworten entlocken, als wir haben. Wie bitte?

 

»Ist es möglich, zu geben, was man nicht hat?«

— Jacques Derrida: Marx’ Gespenster. Der Staat der Schuld, die Trauerarbeit und die neue Internationale, Berlin: Suhrkamp Verlag 2004, Seite 45.

Unter den Fokus Dark Magic fallen aber auch die Einsamkeit und – mit ihr verbunden: Depressionen. Wie taucht Literatur in die Ängste, in den Tunnelblick von depressiven Menschen ein? Zuletzt gelang dies zum Beispiel Thomas Melle mit dem Roman Die Welt im Rücken eindrücklich. Und wie kann so ein Text, der im stillen Lesen die Beklemmung des Erzählers auf die Leserin überträgt, in einer öffentlichen Veranstaltung dazu beitragen, dass wir uns kollektiv über diese andere Form dunkler Magie verständigen? Können wir sie so gar enttabuisieren?