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Blogging on Heaven's Door

Würde, würde, werden...

17.06.2020 ⋅ von Elisabeth Klempnauer

menschenwurde-hande-kopie
(c) Elisabeth Klempnauer

Ein Zwischenzeilen-Gespräch von zwei Lesebürgerinnen zur Keynote von Olga Flor.



Gedanken im Text wie folgt gekennzeichnet:

Kernsätze aus dem Vortrag von Olga Flor, so wie gehört
Andrea
Elisabeth

Würde – Was ist damit gemeint? Etymologisch: der Wert, den man etwas zumisst.

... ich sitze hier und denke über Situationen nach, an denen sich für mich zeigt, was Würde bedeutet. Was mir stattdessen in den Kopf schießt und sich hartnäckig dort festsetzt, ist die deutsche Grammatik: Statt des Substantivs “Würde” denke ich über die Verbform nach:
würde = Konjunktiv II, auch Irrealis. Ist es ein Zufall, dass ausgerechnet diese Buchstabenfolge w-ü-r-d-e im Deutschen auf der einen Seite ein so hohes ideelles Gut bezeichnet und auf der anderen Seite etwas, dass nur im Imaginären existiert? Der Wortstamm gibt Anlass zu Hoffnung, denn der Ausgangspunkt ist “werden”, und somit kann in Zukunft etwas wachsen, von dem im Moment nur eine Vorstellung besteht. Aber eine Vorstellung, immerhin. Solange wir uns vorstellen können und dürfen, was DIE WÜRDE bedeutet, gibt es etwas, woran wir uns festhalten können.

... dass würde von werden kommt und somit WÜRDE ein Werden beinhaltet, ein faszinierender Gedanke. Laut Charta der Menschenrechte sind alle Menschen gleich an Würde und Rechten geboren. Hier wird etwas gesetzt, das von Anfang an da ist. Ein Geburts-Recht. Allerdings, um mit Olga Flor zu sprechen: „Gleich an Möglichkeiten werden Menschen nicht geboren“. Das muss erst noch werden...
Hatte Kant gar nicht so Unrecht, wenn er sagte, der Mensch stehe in der Pflicht, sich als würdig zu erweisen?

Aktiv gelebte Würde, Autonomie/Selbstbestimmung, wie sieht es damit aus?

Persönliche Autonomie wird immer dann besonders augenfällig, wenn man sie abgeben muss. Vor Jahren sah ich einen Film, dessen Titel mir nicht mehr einfallen will oder war es gar ein Gespräch mit einem Sozialarbeiter, das ich selbst führte? Es ging um eine alte Dame, die ins Altenheim zog. Ihre dünnen, aber sehr langen grauen Haare trug sie kunstvoll mit Kämmen aufgesteckt. Nach drei Tagen überredete man sie zu einer pflegeleichten Kurzhaarfrisur mit Dauerwelle, die man ihr als modisch anpries. Aus der würdevollen Lady wurde ein komischer Pudel. Die Dame war souverän genug, diese Veränderung mit Humor zu nehmen, aber dieser schwere Eingriff in ihre Autonomie beschäftigte mich lange.

Die Negation von Würde: Würdelosigkeit
... ein Wort, das von dem derzeitigen amerikanischen Präsidenten erfunden worden sein könnte... Hier verknüpfen sich Würdelosigkeit und Schamlosigkeit. Jemand, der seinen eigenen Worten nicht glaubt, gibt die Würde als denkendes Wesen auf…

Bis nach Amerika müssen wir gar nicht gehen, um Beispiele für Würdelosigkeit zu finden. Gestern erzählte mir eine Nachbarin, wie sie nach 3 Monaten Besuchssperre ihre Mutter im Altenheim antraf:
Es ist Anfang Juni.
Die Wanduhr ist noch nicht auf Sommerzeit umgestellt.
Und die Armbanduhr?
Die ist weg.
Wie so einiges, das unauffindbar bleibt…
Kümmert sich jemand darum?
Die Mutter muss zur Toilette.
Niemanden kümmert es.
Ihr bleibt nur die Windel.

Drei Monate kein Besuch.
Wo bleibt die Familie?
Ist die Familie weg, so wie damals im Krieg, als alle ausgelöscht wurden ...

Die Angehörigen müssen um die Gewährung einer kurzen Besuchszeit kämpfen.
Die erste Begegnung hinter Plexiglas im lieblosen Besucherraum.
Die entgegengestreckte Hand der alten Frau, die nicht ergriffen werden darf…

Eine Höherstufung des Pflegegrades sei notwendig, so die Heimleitung.
Weil sie so abbaue... Wegen der Inkontinenz...

Soziale Würde und Scham: soziale Würde hat man, wenn man als gleichwertiges Lebewesen unter Gleichwertigen wahrgenommen wird. Fehlen dieser Anerkennung erzeugt Scham. Jemanden zu beschämen ist ein Angriff auf die Würde.

...zum Beispiel
... wenn einem Menschen nichts Anderes übrigbleibt, als in die Windel zu machen, obwohl...
... wenn der Platz im Bus neben dem Mann mit Lippenstift frei bleibt...
... wenn Geistliche auf die „Ungläubigen“ schimpfen...
... wenn die Hautfarbe der Grund ist, warum der Vermieter...
... wenn, und wenn, und wenn...

So viele Beschämungen, täglich, in jeder Sekunde.
Wie gehen die Betroffenen mit dieser Beschämung um? Was resultiert daraus?

 

Kunst und Würde:
Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben. Bewahret sie, sie senkt mit euch sich, mit euch wird sie sich heben

— F. Schiller

»Kleine« Einschränkung: mit »Menschheit« hat Schiller wohl nicht Frauen, die das Wort ergreifen, gemeint.
Dass der Zugang zu Kunst und Kultur in der aktuellen Krise so bereitwillig als verzichtbar über Bord geworfen wurde, ist eine äußerst alarmierende Entwicklung…

»Systemrelevant« ist ein Begriff, der vor Corona in der Tütensuppe der Plastikbegriffe mitschwamm und dann plötzlich an die Oberfläche poppte. Ich machte mir einen Spaß daraus, meine Cousine, die ich sehr mag, etwas neckisch nur noch hoheitsvoll als »systemrelevant« anzusprechen, denn sie arbeitet als zwar relevante, aber dennoch völlig unterbezahlte Krankenschwester. Ich habe auch nicht gehört, dass die Systemrelevanz von Kassiererinnen oder Feuerwehrleuten zu einer besseren Bezahlung geführt hat. Offenbar ist aber Fußball systemrelevant, weil dafür viele Tests zur Verfügung gestellt wurden, während eine Freundin, die ebenfalls als Krankenschwester tätig ist, sogar ohne sicheren Mundschutz arbeiten muss, weil gerade kein Material verfügbar ist. Ist denn die Zusammensetzung dieses Begriffes selbst nicht schon daneben? Wieso und für wen ist denn das »System« relevant?

Wer definiert, was relevant ist? Wer und was bestimmt den Wert?

Was und wer genau gehört zu »System«? Sind nicht eigentlich Menschen relevant?
Warum man nicht mit entsprechendem Abstand die ganze Zeit in Museen gehen konnte, die im Übrigen auch tolle außerschulische Bildungsorte für Kinder sind, hat sich mir die ganze Zeit nicht erschlossen.

Frage(n): Wie ist es denn nun mit der Würde?
Ist Menschenwürde vielleicht auch so zu definieren, dass man nur dann seiner Menschenwürde gerecht wird, wenn man unter Bewusstsein für die eigenen Menschenrechte dafür sorgt, dass auch allen anderen Menschen ihre Menschenrechte zuerkannt werden?
Wir werden durch die Unbewältigbarkeit dieser Maxime ständig beschämt. Der Umstand, dass wir diese Beschämung nicht merken, bzw. dass wir sie vergessen, lässt uns zuversichtlich bleiben.

Jetzt wird es richtig bedrückend! Ich stimme zu. Ich finde im Moment keine Worte mehr.

Zurück zur Etymologie: Wenn die Menschenwürde als Wert interpretiert wird, den jede und jeder einzelne sich selbst und anderen Menschen gleich zumisst, gelingt vielleicht diene sinnvolle Eingemeindung all dieser Würdebegriffe...

»Eingemeindung« von Begriffen. Das finde ich ziemlich abstrakt. –

Könnte eine Eingemeindung vielleicht so aussehen, dass Recht und Pflicht und Denken und verantwortliches Tun zusammenkommen und die Beschämenden sich ihrer Scham bewusstwerden?

... und damit liegt es in unseren Händen...

Wenn es in »unseren Händen« liegt, dann müssen wir etwas TUN. Der »Faust« liegt hier noch auf meinem Schreibtisch. War da nicht diese Unzufriedenheit mit der Bibelübersetzung? »Im Anfang war das Wort«, diese Formulierung ließ den Heinrich nicht ruhen, zumal der griechische Begriff durchaus mehrdeutig ist. Der alte Professor, der zwar zwei Seelen, ach, in seiner Brust hat, aber die Finger von sehr jungen Frauen nicht lassen kann, ringt sich durch zu »Im Anfang war die Tat«. Die Tat als solche erscheint mir auch zu wenig, genau wie das Wort allein nicht genügt. Insofern gefällt mir der Ausdruck, dass etwas »in unseren Händen« liegt, denn da schwingt eine Verantwortung mit, die der Tat schon fehlt.
Aber was bedeutet das in Bezug auf Menschenwürde?
Und was heißt das für mich?

... und für mich?
... und für Dich?
... für Sie*Ihn, Es, Uns, Euch?