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Blogging on Heaven's Door

Offener Brief an Maria 2.0

27.06.2020 ⋅ von Andrea Heming

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(c) Andrea Heming

Lesebürgerin Andrea liest Zeitung und schaut das »Last Supper«. Danach wird es Zeit für einen offenen Brief.

Liebe Frau Voß-Frick,

mit Vornamen heißen Sie Andrea, genau wie ich. Der Name stammt aus dem Griechischen und bedeutet »die Tapfere«. Diese Eigenschaft ist sicherlich eine besonders bedeutsame als Mitglied der Gruppe Maria 2.0.

Als von Ihrer Gruppe 2018 zu lesen war, habe ich das sehr begrüßt. In dem Gespräch mit Miriam Michel und Christopher Bruckmann vom Künstlerkollektiv dorisdean sagen Sie, der Tropfen, der damals das Fass zum Überlaufen gebracht habe, seien die Missbrauchsfälle und der Umgang der Kirche damit gewesen. Finden Sie eigentlich, dass die Kirche inzwischen verantwortungsvoller agiert?

Viele Gläubige tun das jedenfalls nicht, sie stimmen mit den Füßen ab. Am heutigen Samstag (27. Juni) lese ich in der Tageszeitung, dass allein im Bistum Münster im letzten Jahr 16.654 Katholiken ausgetreten sind (Katholikinnen wahrscheinlich auch...). Interessanter Weise forscht der Bischof von Münster, so steht es in diesem Artikel ebenfalls, nach den Ursachen. So kommt er auf die Idee, dass möglicherweise die Missbrauchsfälle dafür verantwortlich sein könnten. Stimmt. Als zweite Ursache benennt er, dass die Kirche angesichts der vielen Diskussionen um innerkirchliche Reformfragen sich als zerrissen darstelle. Falsch. Denn nur diese Diskussion ist, was engagierte und gläubige Frauen noch in der Kirche hält.

Was dagegen abstößt und mich rot werden lässt, weil ich immer noch Kirchensteuern für dieses mafiöse System bezahle, ist ein Kurzbericht aus der Allgemeinen Zeitung von gestern, Freitag (26. Juni). Bezeichnender Weise auf der Seite Politik sieht man einen gut gepflegten Alm-Öhi, der sich per Bildunterschrift als ehemaliger Bischof von Limburg erweist. Der Herr Tebartz-van Elst sitzt nicht etwa bei Wasser und Brot im Kerker, schließlich hat er 31 Millionen Euro Kirchengeld für den Auf- und Umbau seines Dienst- und Wohnsitzes ausgegeben. Nein, er hat seit 2015 gemütlich im Vatikan gesessen und ein Buch geschrieben. Etwa eine Selbstanklage unter dem Titel »Ich armer Sünder«? Nein, es handelt sich um ein »Direktorium für die Katechese«, ein Regelwerk für den Unterricht im Glauben. Denn als Mitglied im Päpstlichen Rat für Neuevangelisierung Zitat „kümmert er sich um die Verkündung des Evangeliums in Ländern, in denen der Glaube zwar verwurzelt ist, aber die Unterstützung für die Kirche schwindet.“ Zitat Ende
Damit ist wohl alles gesagt.

Liebe Frau Voß-Frick, Sie wünschen sich, so sagen Sie es in dem Gespräch, eine moderne katholische Kirche, die geschwisterlich ist und an deren Tisch alle Platz haben. Was für eine schöne Vorstellung! Liebe Frau Voß-Frick, als katholisch im schwärzesten aller münsterländer Dörfer aufgewachsene Frau kann ich Ihnen nur sagen: Eher wird sich die Sonne um die Erde drehen, eher wird ein Kamel durch ein Nadelöhr gehen, als dass die katholische Kirche ihre Hierarchien und Männerpriveligien aufgibt. Bleiben Sie tapfer!

Herzliche Grüße

Andrea Heming