Logo Center for Literature
Blogging on Heaven's Door

Interview mit dorisdean, Teil 2

06.07.2020 ⋅ von Elisabeth Klempnauer

zdeqkbsq
(c) Nicholas Oswald

Elisabeth fragt am 22. Juni 2020, 17 Uhr 14
Dorisdean antwortet am 27.6.2020, 16.48 Uhr, von unterwegs

Liebe Miriam, liebe* dorisdean,

vielen Dank für eure ausführlichen und äußerst informativen Antworten. Eure Arbeit wird für mich jetzt noch viel (be-)greifbarer, mein Verständnis tiefer. Im Dialog zu sein, eigentlich in einem Polylog, ermöglicht mir eine größere Nähe zu eurem Schaffen. Vor allem auch vom letzten Satz eurer Mail fühle ich mich angesprochen:

 

... die Verschiedenheit als Basis dafür nehmen für die Erfahrungen, Gefühle und Gedanken der anderen offen zu sein.

Das ist sooo spürbar in euren Performances! Ich sehe dies auch als Einladung, euch einige persönliche Gedanken/Resonanzen anzubieten.

Das persönliche Hinein-gebeten-werden zu Beginn jeder Folge habe ich wahrgenommen, aber nicht bewusst. Ich merke erst jetzt, wie atmosphärisch stark diese einladende Geste auf mich gewirkt hat.

Das freut uns sehr!

Eine andere Geste sprach mich ebenfalls nachhaltig an: das „stille Beten“ von Patrizia in Folge 1 (Gebetsrituale im Barockgarten). Für mich sehr bedeutsam, dieses nach außen hin nicht wahrnehmbare Beten im Kontrast zu den anderen, die unterschiedliche rituelle religiöse Gesten in fließende Bewegung brachten. Alles schien in dieser ruhenden Gebetsposition zu kulminieren, auch visuell. Es würde mich interessieren, wie diese Resonanz bei euch ankommt, was ihr dazu sagen mögt.

Wir mögen diese Lesart sehr!
Das war für uns sehr wichtig, dass alle Performer*innen die Bewegungen auf ihre Weise machen. Darin sind wir ja alle gleich, in unseren Unterschieden.

In Folge 2 wurde ich auf die numerische Struktur aufmerksam. Ich machte 7 Sequenzen aus. Dann kam der Abspann. Und dann kam eine weitere, eine achte Sequenz. Warum nach dem Abspann? Beim ersten Anschauen des Videos hatte ich tatsächlich nach dem Abspann ausgeschaltet. Erst beim zweiten Anschauen merkte ich, dass da noch was war.

Die Idee kommt aus unserer Jugend, da gab es bei unseren Lieblingsbands oft „hidden tracks“ auf den Schallplatten zu finden. Für die „Fans“ :)

 

Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass wir oft auch wenn wir ein Kunstwerk fertig gestellt haben, weiter drüber nachdenken...und dann noch mehr zu sagen und sehen bleibt.

Ich machte mir Gedanken über das Warum, auch über die Zahlensymbolik. Was bedeutet die 7, was die 8?

Das ist sehr interessant!
War von uns nicht so direkt geplant. Ist aber spannend.

Dann ein neuer Gedanke: und was, wenn es als 7 + 1 zu verstehen wäre? Ist es nicht ein Neuanfang, den dieser Mensch mit seinem Glaubensbekenntnis (nach dem Abspann) macht, indem er zunächst Schicht um Schicht abträgt?

Diese Interpretation ist sehr spannend!
Wir sind froh, dass du so viel daraus lesen kannst. Und dass wir Raum lassen für Gedanken und Empfindungen!

Wie war es von euch gedacht?

Wir haben vor allem erstmal in Zeiträumen gedacht: 20-30 Minuten pro Folge!
Und dann haben wir anhand der Szenen die wir hatten jede Frage versucht zu beantworten, die über den Tagen stand: also glaubst du an - Gleichstellung, Gött*innen, Menschenrechte, Kunst?
Aber natürlich immer mit den entwickelten Szenen und den grundlegenden Fragen über Jesus... Und unser Verhältnis zu Glaube.

Und noch etwas: wie ist es für euch, kein direkt spürbares Publikum zu haben?

Es ist schon komisch nicht mit dem Publikum zusammen in einem Raum zu sein und kein direktes Gespräch nach den Folgen zu führen.
Deshalb ist es für uns ganz toll deine Gedanken zu hören und lesen! Davon wünschen wir uns mehr :)



Elisabeth am 28.6.2020, 10 Uhr 11

Liebe Miriam, liebe* dorisdean,

eure Antworten haben meine Sichtweise erweitert, die Pragmatik darin hat mich schmunzeln lassen.
Inzwischen konnte ich mir auch die Folgen 3 und 4 der Video-Serie „Jesus cries superstar“ sowie das „last supper“ ansehen und habe dazu ein paar Anmerkungen bzw. Fragen.


Dorisdean am 3. Juli um 9 Uhr 08:

Nun kommen endlich unsere Antworten!
Vielen Dank für deine Geduld!
Alles Liebe und bleib gesund
Dorisdean

Dorisdean will Verunsicherung und Achtsamkeit ausloten. Die Aufmerksamkeit gilt dem Defekt, dem Unperfekten, dem Stigma. Da wird Behinderung gezeigt, da wird Maria Magdalena aus Jesus Christ Superstar mit Froschgequake kontrastiert. Da wird in Erinnerung gerufen, dass die Ikone Jesus Superstar ein geschändeter männlicher Körper ist. Da gibt es ein „The END“ mit Holperer. Und da fällt für dorisdean der Begriff der „Achtsamkeits-Avantgarde“. Was ist damit gemeint? Wie hängt das alles zusammen?

Ich glaube der Begriff der Achtsamkeits-Avantgarde passt hier zu dem worum es in den letzten Fragen auch schon ging: Die Verschiedenheit in der wir uns versammeln. Wir sind wollen unser aller Perspektiven auf diese Welt zulassen und in unsere Kunst eingehen lassen. Diese Perspektive können natürlich für uns untereinander, aber auch für Menschen außerhalb der Gruppe überraschend, manchmal womöglich seltsam, oder auch irritierend sein. Gerade das Unerwartete, vielleicht etwas Schräge oder Seltsame bringen viele von uns auf die ein oder andere Weise mit. Wir versuchen damit untereinander umzugehen, uns zu akzeptieren und anzuerkennen wie wir sind und wann wir womöglich jemanden verletzen, aber wir wollen trotzdem sein wie wir sind und sagen was wir denken, tun was wir für richtig halten. Ich glaube darum passen diese sehr verschiedenen Sachen, dieser manchmal vielleicht etwas unkonventionelle Zugriff oder das Zusammenbringen von Dingen, die auf den ersten Blick nicht zueinander zu passen scheinen gut zusammen.

 

Avantgarde meint ja auch - ursprünglich in einem militärischen Sinne - die, die vorangehen, in der ersten Reihe laufen. Das heißt hier vielleicht auch: Darin voran schreiten sich zu zeigen, die eigene Perspektive, aber auch die eigene Verletzlichkeit sichtbar werden lassen.

In Folge 3 sagt Miriam: „Wer ein Künstler ist, hat damit zu tun, wieviel man das macht“. Wie steht dorisdean zu der Aussage von Beuys, dass jeder Mensch ein Künstler sei?

Lustig, dass du darauf kommst - es gibt eine Szene in der Miriam in dem Salon auch darüber spricht, aber die hat es nicht in die finale Version geschafft. Ich glaube wir haben da innerhalb der Gruppe auch durchaus verschiedene Meinungen zu. Es ist nicht so, dass alle von uns etwas 'Künstlerisches' studiert haben, im engeren Sinne ausgebildete Künstler*innen sind. Aber einige von uns schon. Das macht keinen Qualitätsunterschied zwischen uns aus, aber es sind verschiedene Fähigkeiten, die verschiedene Mitglieder von uns mitbringen. Miriam sagt ja auch, dass sie glaubt, dass manche Menschen Dinge besser können als andere. Das sehen wir, denke ich, alle so. Es gibt Möglichkeiten Kunst voneinander zu unterscheiden, vielleicht auch zu bewerten. Das interessiert uns aber gar nicht, so würde ich sagen. Es geht für uns mehr darum was wir interessant finden und warum. In Beuys Aussage ist ja noch nicht gesagt was die Kunst eines jeden Menschen ist oder sein sollte, oder, dass darum die Kunst aller Menschen gleich ist, weil sie ja alle Künstler sind.

 

Wenn ich mich richtig erinnere ging es Joseph Beuys ja auch viel um den erweiterten Kunstbegriff, um die Verbindung vom Ästhetisch/Künstlerischen und dem Sozialen/Lebensweltlichen...und auf die ein oder andere Weise auch um [christliche] Religion.

Ich bin beim Nachschauen nach dem Künstler-Zitat über diesen Artikel gestoßen, der vielleicht ganz interessant ist in dem Kontext: https://www.deutschlandfunk.de/joseph-beuys-und-die-religion-auferstehen-muss-der-mensch.886.de.html?dram:article_id=466086
Das ist ein Artikel, der jetzt von jemandem kommt der sich sehr für Beuys interessiert. Man kann das ganze sicher auch kritischer sehen...auch die ganze Beuys Rezeption...aber da machen wir jetzt mal lieber keine große Kiste auf...du siehst ja in unserer Serie schon, dass wir uns schnell in langen Diskussionen verstricken können ;).

In Folge 4 hat mich die Ich sterbe für...-Sequenz, kombiniert mit einem Kamera-Run durch das Rüschhaus, sehr beeindruckt. Sich bewusst zu werden und auszusprechen, woran man glaubt, ist ja schon nicht so ganz leicht. Wir Lesebürger*innen haben diese Übung für unser Blog-Intro gemacht. Aber sich bewusst zu machen, wofür man stirbt, das ist eine ganz andere Ansage. Es fällt mir schwer, dieses „ich sterbe für...“ für mich selbst auszuloten. Im Video haben dorisdean ihre „ich sterbe für...-Sätze“ nicht ausgesprochen. Stattdessen gab es beschriftete Schilder: Ich sterbe für: Weisheit, Begehren, Gerechtigkeit, sexuelle Selbstbestimmung, Wahrhaftigkeit, Toleranz, Gerechtigkeit. Mich interessiert, wie euer Findungsprozess hierzu war, was er bewirkt hat.

Wir sind dabei von der Idee ausgegangen, dass die Arbeit von Jesus von Narazeth auch als eine politische gesehen werden kann. Palästina stand der Zeit unter Römischen Besatzung und die Jünger waren eine Art Widerstandsbewegung. Jesus ist auch schließlich als Regimegegner gekreuzigt worden. Er ist also für seine Idee der Reformation des Glaubenssystems gestorben. Demonstrieren gehen kann auch heute in vielen Gesellschaften noch immer lebensgefährlich sein, wir sehen das täglich in den Nachrichten und Social Media.

 

Woran glauben wir so tief, dass wir lieber sterben als ohne dies leben wollen?

Diese Frage hat Miriam uns allen gestellt. Wir schrieben je einen Begriff und bekamen von Krista ein entsprechendes Pappschild. Die Schilder sind auch Verweis auf Demonstrationsplakate oder Werbebanner. Wir entschieden auch jede/r für sich, wo im Rüschhaus wir „sterben“ wollten. Der Rückwärtsgang durch das menschenleere Haus wo nur noch die Schilder übrig bleiben kann auf vielen Weisen gelesen werden. Wir würden das lieber nicht festlegen.

Sterben ist ein Prozess im Leben. Der Tod bringt eine Art ultimativer Gleichstellung. Oder doch nicht? Werden nicht noch nach dem Tode Unterschiede gemacht? Himmel, Hölle, Fegefeuer...? Gilt etwa auch hier: „The Show must go on”?

Das ist eine spannende Frage, denn sie führt uns ja wieder mal direkt zum Thema: woran glaube ich? Das wir alle sterben, das ist ja ein Fakt. Aber ob und wie es danach weitergeht, das wissen wir nicht. Vielleicht erwartet uns nach dem Tod so eine Art jüngstes Gericht vor das jede Seele tritt? Vielleicht ist aber auch jeder Tag im Leben eines Menschen so eine Art jüngstes Gericht, in dem mensch selbst alle Positionen einnimmt und über sich zu Rate sitzt. Und vielleicht ja auch gar nicht als tadelnder und böser Richtender, sondern mit einer gütigen und mitfühlenden Art und Weise. Nur so eine Möglichkeit.

 

Haben wir nicht direkt schon in unserem Leben immer und immer die Wahl für uns selbst zu entscheiden, wie „die Show“ weitergeht? Natürlich passiert sehr sehr viel, was sich unserem Einfluss entzieht. Was wir aber alle sozusagen gemeinsam haben, ist wie wir damit umgehen.

Sich mit der eigenen Sterblichkeit und dem Tod auseinander zusetzen halte ich für eine so essenziell wichtige Sache! Gerade auch mal wieder jetzt in diesen besondern Zeit, in der die Angst vor dem Tod so in den Fokus tritt. Sterben werden wir alle. Der Tod ist ein großer Lehrmeister. Er schaut uns immer über die Schulter und lehrt uns dadurch auch, aus vollem Herzen zu leben.

Elisabeth am 3. Juli um 10 Uhr:

Liebe Miriam, liebe* dorisdean,
das diesjährige Droste-Festival ist vorbei und der zweite Teil dieses Interviews erscheint mit Verspätung, könnte man sagen. Aber auch das liegt ja im Programm von dorisdean: dass es nach dem Abspann weitergeht, dass mit dem Ende nicht alles zu Ende ist.
Mit deinem letzten Satz hast du uns ein wundervolles Motto mit auf den Weg gegeben.

 

Der Tod ist ein großer Lehrmeister. Er schaut uns immer über die Schulter und lehrt uns dadurch auch, aus vollem Herzen zu leben.

Aus Unterhaltungen mit Freund*innen und anderen Lesebürger*innen weiß ich, dass sie mit großem Interesse dieses Interview verfolgen. Ihre Rückmeldungen sagen, dass sie dorisdean und ihrer Arbeit nähergekommen sind und sie sich auf einer tiefen Ebene angesprochen fühlen. Mir selbst hat es große Freude bereitet, mit euch zu ‚sprechen’ und ich weiß eure sorgfältigen Antworten sehr zu schätzen. Ich glaube, ich würde ein solches Schreibgespräch immer einem echten Live-Interview vorziehen, freue mich aber dennoch sehr, euch bei einer anderen Gelegenheit persönlich zu begegnen.
Habt herzlichen Dank!

Dorisdean am 3. Juli um 10.51 Uhr:

Liebe Elisabeth

Danke für diese Worte und die tiefgehenden Fragen!

Geantwortet haben insgesamt Alle :)
Und der letzte Satz kommt von Charis Nass!
Die Antworten heute waren von Philipp, Chris und Charis als Ursprungsverfasserinnen :) falls das interessiert.

Wir haben immer ausgehend von dem was eine Person geantwortet hat, aufgebaut was wir dir schicken wollen!
Das beschreibt eigentlich auch unsere Arbeitsweise ganz gut...wir gehen von uns aus in die Welt!

Herzlichen Dank und hoffentlich ganz bald einmal in körperlich anwesend.

Herzlichst, Miriam + Alle von dorisdean