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Blogging on Heaven's Door

Interview mit dorisdean

24.06.2020 ⋅ von Elisabeth Klempnauer

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19.6.2020, 9 Uhr 07:

Liebe Miriam,
danke, dass du bereit bist, mit mir ein Mail-Gespräch über die Beiträge der Performance-Kompanie dorisdean, der ja du angehörst, zum Droste-Festival 2020 mit dem Titel Believe (in) us. zu führen.
Ich bin Lesebürgerin beim Center for Literature und begleite dieses Festival, zusammen mit vier anderen Lesebürgerinnen aus der Sicht eines interessierten und engagierten Publikums.
In unserem Blog zum Festival Blogging on Heaven’s Door posten wir unsere Gedanken, Bilder und kreativen Aktionen rund um die Festival-Inhalte.
So begleite ich zum Beispiel mit meinen »Notizen einer Lesebürgerin« die dorisdean-performances.
Bevor wir jedoch in Details einsteigen, möchte ich mit einigen allgemeinen Fragen an dich/euch beginnen:

• JESUS CRIES SUPERSTAR, ist der Titel eurer Performance in 4 Teilen. Zwei davon sind bereits online. Beide spielen im und um das Rüschhaus herum. Ich vermute, die anderen beiden Teile sind ebenfalls im Rüschhaus angesiedelt?

• Wie kam es zu dem Titel JESUS CRIES SUPERSTAR?

• Gibt es da eine Verbindung zur Droste und/oder zum Rüschhaus?

• Wer verbirgt sich hinter dorisdean? Und was bedeutet der Name?

• Wen und was möchte dorisdean mit den performances erreichen?

Herzliche Grüße
Elisabeth


22.6.2020, 11 Uhr 43:

Hallo Dorisdean, liebe Miriam,

jetzt weiß ich nicht, ob meine Mail vielleicht im Spam gelandet ist, daher sende ich sie noch einmal. Ich freue mich sehr auf unseren Dialog, der ja im laufenden Blog erscheinen soll.
Herzliche Grüße
Elisabeth


22.6.2020, 11 Uhr 59:

Liebe Elisabeth,
danke für deine Mail und eure/deine Fragen.
Wir sind gerade dabei sie zu beantworten ;-) als kollektiv dauert das etwas länger, weil wir alle gemeinsam über die antworttexte entscheiden. Aber im laufe des heutigen Tages bekommst du was von uns.
Herzlich,
Miriam + dorisdean


22.6.2020, 12 Uhr 48:

Liebe Elisabeth,
hier die Antworten auf deine Fragen. Wir hoffen es ist verständlich. Falls nicht, gerne nachfragen.
Liebe Grüße
Miriam + dorisdean

JESUS CRIES SUPERSTAR, ist der Titel eurer Performance in 4 Teilen. Zwei davon sind bereits online. Beide spielen im und um das Rüschhaus herum.
Ich vermute, die anderen beiden Teile sind ebenfalls im Rüschhaus angesiedelt?

Ja genau, wir haben die ganze Serie in und um das Rüschhaus gedreht. Wir sind wirklich froh, dass wir diesen tollen Ort nutzen konnten. Fast das ganze Haus und auch die Umgebung, der Garten, der Wald haben es in unsere kleine Serie geschafft.


Wie kam es zu dem Titel JESUS CRIES SUPERSTAR?

Der Titel ist auf Anregung und im Dialog mit Jörg Albrecht entstanden. Die Idee war, dass wir für die Droste 2020 zum Thema Glauben eine 'Überschreibung', das heißt eine freie Bearbeitung oder eine Aneignung des Musicals (eigentlich heißt es 'Rock Oper') »Jesus Christ Superstar« von Andrew Lloyd Webber erarbeiten. In diesem wirklich sehr bekannten und erfolgreichen Stück von 1971 werden die letzten Tage im Leben von Jesu Christus erzählt, in Anlehnung an die Bibel und mit ganz toller Rock-Musik. Das Musical war ein riesiger Erfolg, hat aber damals auch Kritik christlicher Gruppen auf sich gezogen. Es wird darin auch eine Parallele zwischen Jesus und dem Phänomen Superstars gezogen. Die jubelnde Menge, die Jesus an einem Tag noch in Jerusalem empfängt will ihn wenige Tage später ans Kreuz genagelt sehen. Vielleicht nicht unähnlich zu den Begeisterungsstürmen, die Pop- oder Rockstars auslösen und die dann beim nächsten Skandal in Empörung oder heute eben in einen 'Shitstorm' umschlagen. Was uns an der Veränderung des Originaltitels gut gefallen hat ist, dass er zwar schon ganz klar die Verbindung zum Musical aufmacht - im ersten Moment merkt man vielleicht gar nicht, dass da ein, zwei Buchstaben verändert sind - aber trotzdem ganz andere Assoziationen und Übersetzungen ermöglicht. Da gibt es ja auch einen Text zu in der zweiten Folge. Man kann ihn frei übersetzt z.B. als Jesus der weinende/schreiende Superstar, Jesus schreit: »Superstar!« oder Jesus weint. Superstar. verstehen.


Gibt es da eine Verbindung zur Droste und/oder zum Rüschhaus?

Also ich würde sagen vielleicht eher auf den zweiten Blick. Einerseits ist es natürlich der Anlass, der uns verbindet: Die Droste-Tage 2020 und, dass es um verschiedene Formen des Glaubens gehen sollte. Wir sind ja jetzt schon zum dritten Mal zu Gast hier im Center for Literature, sodass wir uns also sowieso schon ein bisschen verbunden fühlen mit diesem Ort und seiner Geschichte und mit Annette von Droste Hülshoff.

Das Musical selbst hat an sich wenig mit von Droste oder dem Rüschhaus zu tun. Wir haben aber ja keinen Musical-Film gemacht, sondern uns im Bezug auf dieses Musical mit Fragen des (christlichen) Glaubens und dem Verhältnis zu so einer Idee oder Figur des Super-Stars beschäftigt. Und wir haben den Ort und seine Geschichte da auch schon sehr mitgedacht.

Einerseits beziehen wir uns ein wenig auf die Zeit in der Annette von Droste zu Hülshoff hier lebte. In jeder Folge gibt es eine 'Gastgeber*in' im Biedermeierkleid, die die Zuschauer*innen und vielleicht auch uns dorisdeans hereinbittet - wir sind hier ja sozusagen bei von Droste Hülshoffs zu Gast. Neben unseren eigenen Zugängen und Fragen an unsere Glaubens-Erfahrungen, daran was man glaubt oder vielleicht auch welchen Glauben man verloren hat, wie wichtig Ikonen und Formen des 'Star-Seins' z.B. für den christlichen Glauben sind, haben wir uns aber auch mit Annette von Drostes Zugang zum Glauben beschäftigt. Wir haben einige Glaubens-Gedichte von ihr gelesen und über ihr Leben gesprochen. Wenn ich es richtig verstehe war sie ja eine sehr gläubige Person...was wohl bis zu einem gewissen Grad auch mit einem Skandal zusammenhing, den sie in jüngeren Jahren erlebt hat und in Folge dessen sie Trost in ihrem Glauben gesucht hat. ich glaube das passt eigentlich ganz gut zu dieser oben erwähnten Erfahrung des Superstars/Jesus, dass man auf einmal von sehr weit oben tief fallen kann.

Viele von diesen Gedichten sind ja ziemlich ernst, einige düster und traurig. Wir wollten gerne mit Literatur von ihr arbeiten und haben schließlich das Gedicht Glaube. in ein eigenes kleines Musical-Stück verwandelt. Wir haben uns ein paar Freiheiten bei der Interpretation erlaubt. Es ging uns darum Dinge, die zunächst weit voneinander getrennt zu sein scheinen und vielleicht auch in Spannung zueinander stehen zusammen zu bringen. Und so gibt es jetzt eben eine Musical-Version von Glauben, auf selbst arrangierter und eingesungener Musik und dazu eine verrückte Choreographie im Garten des Rüschhaus mit Kick-Line und Nebel! Das Ganze hat großen Spaß gemacht - sowohl das arrangieren des Gedichtes auf Musik, als auch das Singen und Tanzen. Uns geht es da nicht drum irgendwie etwas zu veralbern, sondern diese verschiedenen Elemente ernst zu nehmen, aber mit Spaß und auf unsere Weise zu kombinieren.


Wer verbirgt sich hinter dorisdean? Und was bedeutet der Name?

dorisdean sind momentan sechs Personen: Anna Júlia Amaral, Christopher Bruckman, Philipp Hohmann, Patrizia Kubanek, Miriam Michel und Charis Nass.

Der Name ist eine Erfindung von Miriam, die die Gruppe 2006 gegründet hat - in der Konstellation in der wir jetzt sind arbeiten wir aber eigentlich erst so seit 2012/13 zusammen. Er verweist einerseits auf James Dean und andererseits auf Doris Day. Auch wenn beides Hollywood-Schaupieler sind vereint der Name damit doch zwei sehr verschiedene Menschen, Geschichten, Rollenbilder, vielleicht sogar Lebensarten. Die wunderschöne perfekte (Haus)Frau, die übrigens ja erst vor kurzem gestorben ist, andererseits der draufgängerische...auch wunderschöne...und mythisch verklärte junge Superstar. Die Beschäftigung mit Stars gibt es also sozusagen schon in unserem Namen. Sie stehen beide für die Suche nach Identifikation, nach Authentizität und für uns sehen wir in jedem Menschen diese Anteile…mal mehr mal weniger.

Wir sind aber weder das eine noch das andere. Der Name ist für uns ein bisschen ein Alias geworden, wie eine eigene Person, die sich aus uns allen zusammensetzt. Wir sind ein Kollektiv und fällen alle Entscheidungen - so gut es geht - gemeinsam, sind ständig im Austausch und in Abstimmung miteinander. Wir sind also alle dorisdean - in einigen unserer Arbeiten sprechen wir auch auf der Bühne als dorisdean, berichten über Dinge die uns passiert sind, unseren Blick auf die Welt und auf die Normen, die sie durchziehen...die es einigen von uns schwerer machen als anderen. Vielleicht ist dorisdean also auch ein Resonanzraum in dem wir unser aller Erfahrungen und Perspektiven auf die Welt sammeln und versuchen in unseren Arbeiten für andere Menschen sichtbar werden zu lassen.


Wen und was möchte dorisdean mit den Performances erreichen?

Hm das ist eine schwierige Frage. Alle. Also alle die Lust haben sich anzuhören was wir zu sagen und zu erzählen haben. Wir haben keine klare Zielgruppe oder einen pädagogischen oder (wo wir über Glauben sprechen) missionarischen Auftrag. Wir versuchen - auch hier: So gut wir können - in unserer Arbeit einen Raum der Achtsamkeit für verschiedene Zustände, Körperlichkeiten und Wahrnehmungen der Welt zu schaffen.

Für uns Kollektivmitglieder, aber auch für unser Publikum. Das ist natürlich durch ein Video nochmal eine andere Sache, als bei einer Live-Performance... Wir hoffen und wir freuen uns, wenn wir diese Idee der Achtsamkeit, des Offen-seins für andere Perspektiven und Weisen in der Welt zu sein an Menschen weitergeben können. Die Welt ist eine andere für jede*n von uns. Das kann besonders deutlich werden, wenn z.B. ein gehender Mensch mit der Erfahrung einer Rollstuhlfahrerin konfrontiert ist und sich zum ersten Mal Gedanken über Fragen wie Barrierefreiheit oder so macht. Das ist auch gut so. Uns geht es aber eher darum, dass die Welt für uns alle eine verschiedene ist - egal ob wir im Rollstuhl sitzend, depressiv, hypersensibel, sind, ob wir eine traumatische Kindheit hatten, hören oder sehen können, ob wir reich sind, als Frau oder Mann sozialisiert wurden oder von Rassismus betroffen sind.

Uns geht es nicht darum die verschiedenen Erfahrungen zu bewerten, sie etwa einfach gleichzusetzen und wegzuwischen. Vielmehr wollen wir auf eine Erfahrung der fundamentalen Verschiedenheit, die wir jedenfalls erlebt haben hinweisen und diese Verschiedenheit dann als Basis dafür nehmen für die Erfahrungen, Gefühle und Gedanken der anderen offen zu sein.

Teil 2 dieses Mail-Interviews folgt in Kürze.