Logo Center for Literature
Blogging on Heaven's Door

Hier gibt's was auf die Augen - Filmtipps zum Tagesthema

19.06.2020 ⋅ von Andrea Heming

filmtipp_kunst
(c) Andrea Heming

Im vergangenen Jahr bevölkerte anlässlich seines bevorstehenden 500. Todestages das Universalgenie Leonardo da Vinci häufiger die Zeitung. Jedes Mal erzeugt die reine Aufzählung einiger Werke bei mir fassungsloses Kopfschütteln darüber, wie ein einziger Mensch zu dieser Zeit trotz schlechter Voraussetzungen so viel Fortschrittliches ersinnen und gestalten konnte. Am Rande amüsierte mich die dargestellte Konkurrenz zwischen Italien und Frankreich, die den Mann gerne beide für sich beanspruchen wollen. Im kleineren Maßstab geht das auch zwischen dem Münsterland und Meersburg am Bodensee. Jede Region hätte die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff gern für sich allein. Auch sie war ihrer Zeit als schreibende Frau deutlich voraus, »wär ich ein Mann doch mindestens nur« klagt sie in einem ihrer bekannteren Gedichte über ihre eingeschränkten Möglichkeiten. Dabei stammt sie aus einer wohlhabenden und privilegierten Familie. Die Hauptperson in dem Film ist arm wie eine Kirchenmaus. Gäbe es nicht den großzügigen Bruder Theo, hätte Vincent gar nichts.

 

Filmtipp der Lesebürger*innen.

Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit heißt das ambitionierte Werk von Regisseur Julian Schnabel. Er hat versucht, den labilen Geisteszustand des Malers mit filmischen Mitteln auszudrücken. Die Kamera wackelt, dreht sich um, schwankt, nimmt merkwürdige Perspektiven ein. Oft wird die Leinwand schwarz und der Zuschauer hört nur die Stimme des Künstlers. Das begleitende Klavier ist ziemlich laut und teilweise sehr dominant. Ganz hervorragend ist das Casting. Willem Dafoe spielt den Maler mit einer Überzeugungskraft, als sei er der wiedergeborene Van Gogh selbst.

In einer der besten Szenen sieht man Mads Mikkelsen als Pastor im Gespräch mit dem verrückten Maler. Der Geistliche versucht ehrlich zu ergründen, warum sich jemand als Maler bezeichnet, der ganz offensichtlich nicht malen kann, dessen Bilder verstörend und überaus hässlich sind. Van Gogh erklärt ihm, er vermute, dass er zur falschen Zeit geboren sei. Die Menschen, die seine Kunst verstehen könnten, müssten wohl erst noch geboren werden. Empfehlung: Einen Museumsbesuch mitplanen und die Bilder Van Goghs nach dem Film noch einmal neu auf sich wirken lassen.

 

Filmtipp, die Dritte!

Ein weiterer Film mit der Kunst in der Hauptrolle: In der Vorlesung hält der Professor ein im wahrsten Sinne des Wortes flammendes Plädoyer für die Freiheit der Kunst und fackelt Wahlplakate ab. Ein Künstler wähle nicht. Die Kunst wird zum Heilsbringer hochstilisiert, sie soll nicht dienstbar sein. So so, denke ich, und mir fällt mein letzter Rundgang durch das Landesmuseum ein. Dort beginnt man mit sakraler Kunst, Gemälden, Skulpturen, Stickereien. Kunst, die sich ganz zweifelsfrei in den Dienst einer Sache gestellt hat. Ist das dann noch wahre Kunst? Ist eine Madonna mit Kind künstlerisch mehr oder weniger wertvoll als die berühmte Fettecke? Um den Auftrag des Künstlers und um seine Entwicklung geht es in Werk ohne Autor. Der Film dauert üppige 189 Minuten. Langeweile? Keine Minute!

Die Geschichte, die Figuren hatten mich gepackt. Die verdrehte und verquaste Führung durch die Ausstellung »Entartete Kunst«, das Bomben-Inferno über Dresden, die Kunstschule im sozialistischen Realismus, eine pathologische Vater – Tochter – Beziehung, alles sehr fesselnd. Dabei gibt es an dem Film eine Menge auszusetzen. Es ist ein Film über den Chauvinismus in der Politik und in der Kunst, gedreht aber von einem Mann, der sich davon nicht freisprechen kann. Zu viele zu schöne nackte Menschen, besonders junge Frauen, tummeln sich unnötig auf der Leinwand. Auch das seichte Ende kann nicht überzeugen. An Das Leben der Anderen kann der bemühte Regisseur, der sich Biographien von Beuys und Richter zum Vorbild nahm, nicht heranreichen.

Trotzdem sehenswert! findet Andrea