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Blogging on Heaven's Door

Hier gibt's was auf die Augen - Filmtipps zum Tagesthema

27.06.2020 ⋅ von Andrea Heming

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(c) Andrea Heming

Was fängt man mit dem Frausein an, sofern man die Wahl hat? Annette von Droste litt zeit ihres Lebens unter den auferlegten Einschränkungen. Freiheit und Selbstentfaltung? Fehlanzeige. Ein privilegiertes Leben zwar, aber eine Schriftstellerin im gesellschaftlichen Käfig.

Die angehende Jungschriftstellerin Jo bekommt von ihrer reichen zynischen Tante klar aufgezeigt, welche Optionen sie als Frau habe, um finanziell unabhängig zu werden. Sie könne entweder ein Freudenhaus eröffnen oder ans Theater gehen, was faktisch gesehen das Gleiche sei. Die Heirat, ob gewünscht oder nicht, sei daher der einzig gangbare Weg. Der Verleger, dem sie ihre Romanidee vorlegt, sieht das ähnlich. Am Ende des Romans gebe es für die Heldin nur zwei Optionen, entweder verheiratet oder tot. Saoirse Ronan spielt die wütende junge Frau mit Wucht und so viel Überzeugung, dass sie im Kino-Blättchen fälschlich als die Älteste der vier Schwestern bezeichnet wurde, um die es in LITTLE WOMEN geht.

Dabei ist Meg die Ältere, die sich den Konventionen ergibt. Emma Watson ist in dieser Rolle aber nicht gut besetzt und geht etwas unter. Die drei älteren Schwestern mögen und lieben den reichen, aber einsamen Nachbarsjungen Laurie, eine kann ihn schließlich für sich gewinnen. In welcher Zeit sind wir überhaupt? Es ist kurz nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg. Außer der Wohltätigkeit bleibt Frauen nicht viel zur eigenen Entfaltung, haben sie erst Mann und Kind, fließen alle Energien in die Familie. Deswegen empfiehlt Tante March (köstlich von Meryl Streep) die sorgfältige Auswahl des Zukünftigen. Sie sei ja auch nicht verheiratet, wirft Jo ein. Tante March schüttelt missbilligend den Kopf. Das sei ganz etwas anderes, sie sei schließlich auch reich. Die Geschichte der Schwestern, von Louisa May Alcott auf autobiographischer Grundlage 1868 verfasst, soll schon oft verfilmt worden sein, diesmal von Greta Gerwig. Fazit : Bewegend und unterhaltsam.

 

Filmtipps der Lesebürger*innen, die Vierte!

Unterhaltsam geht es weiter, diesmal sogar animiert. Mit der Gleichberechtigung von Mann und Frau wird es nämlich nichts, so lange die Vereinbarkeit von Familie und Beruf nur eine fromme Wunschvorstellung ist. Ein Teil dieser Wünsche ist eine optimale aushäusige Kinderbetreuung. Ein anderer Teil wäre die exotische Vorstellung, dass selbstverständlich auch Männer die Verfolgung der eigenen Karriere hinten anstellen, um ihren Frauen die Chance auf einen Aufstieg zu geben. Einfach großartig wäre es zudem, wenn die Männer ihre Tätigkeit als Hausmann dann mit ebensolcher Selbstverständlichkeit und Gelassenheit ausfüllen, wie Frauen das schon seit Ewigkeiten machen, einschließlich der Betreuung von Babys, der Hilfe bei Mathehausaufgaben und… wie man lesen kann, hat der Corona-Lockdown der Emanzipation nicht gerade auf die Sprünge geholfen. Bevor man sich zu Recht darüber aufregt, vielleicht zuerst ein netter Abend mit Die Unglaublichen 2?

Ein perfekter Animationsstreifen, das Thema Gleichberechtigung wurde nicht gaaanz ernsthaft beleuchtet, die starken Figuren sind aber diesmal ganz eindeutig die Frauen, einschließlich der Bösewichte! Und Mr Incredible wusste mit seinen Superkräften nicht so richtig wohin, denn das bisschen Haushalt machte ihm ganz schön zu schaffen. Zugute halten muss man ihm wohl, dass ein Baby mit multiplen, unkontrollierten Superkräften eine besondere Herausforderung darstellt. Elastigirl dagegen kam richtig aus sich heraus und genoss sichtlich ihre neue Position. Zur echten Ehekrise kam es im Film nicht, statt dessen gab es den ultimativen Baby-Waschbär-Fight… in der Realität hätte der Ehemann vermutlich mehr rumgemault und die Frau ein schlechtes Gewissen bekommen. Aber wir sind im Disney-Traumland, da ist das Happy End garantiert.

Unorthodox
(deutsche, vierteilige Mini-Serie bei Netflix aus dem Jahr 2020)
Frauenleben in Unterdrückung und Entrechtung und eine Frau, die sich mit bewundernswerter Kraft und Konsequenz aus diesem Leben befreit. Wikpedia:
Unorthodox...erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die sich von der ultra-orthodoxen jüdischen Religionsgemeinschaft der Satmarer in New York befreit und ein neues Leben in Berlin anfängt. Die in Amerika spielenden Szenen basieren lose auf dem 2012 erschienenen Buch Unorthodox von Deborah Feldman, in dem sie Erlebnisse ihrer Kindheit und Jugend beschreibt. Der Handlungsstrang in Berlin ist hingegen fiktiv.
Geht unter die Haut!