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Blogging on Heaven's Door

Gött*innen: eine kurze Internet-Recherche

16.06.2020 ⋅ von Claudia Fiedler

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(c) Andrea Heming

Die Stichwortsuche zum Thema »Gött*in« macht schnell klar, wie der moderne Gött*innen-Begriff der breiten Masse besetzt ist und zu Geld gemacht werden kann.

Vor allem auf Youtube finden sich etliche Kanäle, die mit Anleitungen zur Selbstoptimierung per Affirmationen wie »Ich bin eine Göttin«, Seminaren »Bist du eine inkarnierte Göttin?«, »Lerne manifestieren wie eine Göttin« und Tutorials wie »Werde eine Göttin für ihn – so wirst du zu seiner Nummer 1« unsere Gottwerdung in Aussicht stellen.

Eine Frau mit langen roten Haaren und stark geschminkten Katzenaugen übermittelt die Botschaft der »Großen Mutter« für das Jahr 2020: 20 Minuten lang, von der Katzendame in einem schläfrigen Singsang vorgetragen, lautet die Botschaft: »Sei doch einfach du selbst! Alles wird gut!«

So einfach hatte ich mir das mit den Gött*innen gar nicht vorgestellt.

Da ich momentan aufgrund der Corona-Krise in Kurzarbeit bin, überlege ich, ebenfalls einen Youtube-Kanal einzurichten und frohe Botschaften zu verlesen. Ich übe den Schlafzimmerblick und die monotone Flüsterstimme - Das krieg ich auch hin.

Ich könnte meine Botschaften auch tanzen. Ein anderer Youtube-Clip zeigt eine Laienspielgruppe bei einer Tanztheater-Vorstellung, in der die Darstellung diverser heidnischer Gött*innen aus allen Kulturen und Jahrhunderten zu sehen sein soll. Die Vorführung ist irritierend: Lauter junge Mädchen in Pluderhosen und bauchfreien Tops mit langen Ketten um Taillen und Dekolleté führen eine Art Schleiertanz auf. Alle sind jung, schlank und haben sehr lange Haare. Merke: Göttinnen sind weder alt noch dick!

Ich weiß nicht, ob ich die Vorführung oder die Zuschauer irritierender finde, die sich das alle ansehen, ohne den Saal zu verlassen. Aber vielleicht war‘s draußen kalt und es hat geregnet.

Da es auch im Gött*innen-Business zu sein scheint wie überall und die Verpackung wichtiger ist als der Inhalt, feile ich zuerst an meinem Styling: Ich würde meine Locken rot färben, lange Ohrringe und Ketten tragen, die Fingernägel würde ich mir lang wachsen lassen und spitz zurichten. Aber wahrscheinlich wäre das eher hexenähnlich.

Ich recherchiere »Hexen« und finde tatsächlich ein Hexencamp in Deutschland. Dort herrscht allerdings Drogen- und Alkoholverbot und Sex ist auch nicht erlaubt. Ich bin enttäuscht. Was sind das für Hexen?

Aber ich suche wohl sowieso am falschen Ort.

Das nächste Mal gehe ich gleich ins Darknet.