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Blogging on Heaven's Door

Für mich ist Gott ganz klar ohne Geschlecht

19.06.2020 ⋅ von Sophie Stroux

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Tabea studiert in Tübingen evangelische Theologie und Germanistik auf Lehramt und ist Stipendiatin des Evangelischen Stifts Tübingen. Sie engagiert sich im kirchlichen Klimaschutz und für die Durchsetzung der Ehe für alle in der evangelischen Kirche.

Hi Tabea, willst du kurz erzählen, was du so machst – was studierst du zum Beispiel?
Ich studiere Theologie, weil mir selbst der Glaube ein wichtiger Bestandteil in meinem Leben ist und viele sehr wichtige Aspekte für mich kombiniert und auch ein stabiler und solider Begleiter war. Ich habe mit dem Theologiestudium auf Lehramt angefangen, weil es zum Einen ein Thema ist, was viele Menschen immer wieder aufs Neue beschäftigt – auf ganz unterschiedliche Art und Weise, aber oft viele Vorurteile auf beiden Seiten herrschen und viel Unwissenheit. Und ich finde es schwierig, was manche Menschen über den Glauben sagen, sowohl Menschen, die glauben, als auch Menschen, die nicht glauben. Und genau da kommen wir auch zu meiner Richtung oder den Richtungen, in die ich mich innerhalb der Theologie bewege.

Es gibt eben sehr viele konservative – und hier in Tübingen sind es pietistische – Bewegungen, die bestimmt ihre Überzeugungen und Gründe haben, aber oftmals sehr radikal ihre Art als das einzig richtige darstellen und das auch so unterrichten, wenn sie im Lehramt landen. Ich möchte da gerne eine Gegenposition zu eröffnen, von der mir auch wichtig ist, dass sie eine laute Stimme hat, gerade weil Glaube ja eigentlich sehr inkludierend sein sollte – zumindest in meinem Verständnis – und nicht exkludierend.

Wen genau meinst du mit "inkludierend"? Wirklich alle Menschen?
Tatsächlich alle, ja. Ich denke auch, dass sich eine Glaubensgemeinschaft oder ein Gespräch nicht daran aufhängen sollte „ich kann nur über meinen Glauben mit dir reden, wenn du ihn teilst”, sondern gerade dann, wenn du ihn nicht teilst. Ich will auch – so ganz persönlich – in meinem Religionsunterricht später für genau diese Fragen Raum finden.

Wenn du von einem inkludierenden Glauben sprichst, meinst du also immer erstmal den christlichen Glauben? Oder meinst du, dass man mit allen Religionsrichtungen in den Dialog treten sollte?
Interreligiöser Dialog ist super wichtig. Im Lehrplan ist ja auch vorgesehen, dass man unter anderem zum Beispiel über den Islam lernt und da würde ich später dann auf jeden Fall eine Person einladen, die sich als muslimisch bezeichnet – und in dem Moment auch klarstellen, das hier ist eine Sichtweise, genauso wie das Christentum ist auch der Islam sehr vielfältig und man kann ihn nicht auf einen Punkt bringen. Es gibt aber einige Kernsätze, denen alle einer Religion zustimmen, meine ich. Im Christentums glaubt man an Jesus Christus, den Kreuzestod und zum Beispiel das Doppelgebot der Liebe. Ich glaube, dem könnten so alle Christ*innen zustimmen. So ist es in vielen Religionen. Und das Gespräch ist unglaublich wichtig, auch innerhalb einer Religion. Aber genauso wichtig ist es, zum Beispiel auch mit einer Person zu reden, die Agnostikerin ist – auch das würde ich im Religionsunterricht besprechen wollen.

Meinst du, dass es etwas gibt, das alle Religionen teilen?
Ja, es gibt den Glauben an etwas Höheres, der alle Religionen verbindet. Bei vielen bekommt das eben den Titel „Gott”. Der kann in manchen Naturreligionen eine sehr gestaltliche Form haben wie zum Beispiel „dieser Baum, das ist Gott.” Im Christentum hingegen ist Gott nicht greifbar und der Titel, der Name, ist nur eine Umschreibung, weil es keinen gibt, deswegen im Hebräischen dann auch „Jahwe” genannt. Ich glaube, es ist in vielen Religionen so, dass Gott etwas größeres ist als der menschliche Verstand begreifen kann.

Trotzdem wird ja in der deutschen Bibel dann doch von „der HERR” geredet und dass der Mensch ihm ähnlich sei. Wie stellst du dir denn Gott vor?
Also das Problem…naja, was heißt Problem… der Glaube ist natürlich immer beeinflusst von der Umgebung. Und der christliche Glaube, die christliche Religion befindet sich auch in einer patriarchalen Gesellschaft und ist von der stark geprägt worden. Dementsprechend sind die meisten wichtigen Persönlichkeiten männlich oder haben einen männlichen Titel.
Für mich ist „Gott” aber ganz klar ohne Geschlecht. Und Gottes Ebenbildlichkeit kann ich verstehen, weil wir noch nicht wissen oder ich denke zumindest, dass es für Tiere keinen Gott gibt. Und ich glaube, die Tatsache, dass wir Religion haben, begründet diese Annahme der Ebenbildlichkeit. Wir sind da durch unseren Verstand vielleicht ein winziges Stückchen näher, aber das ist auch wirklich nur ein Millimeter.
Durch diesen Verstand haben wir aber auch die Verantwortung bekommen – wenn man nach dem Schöpfungsglauben geht – die Erde zu bewahren. Die Tiere haben diese Verantwortung nicht, die machen das automatisch, die Menschen müssen sich bewusst dazu entscheiden – dafür haben wir aber auch den freien Willen.

Das heißt, Klimaschutz ist für dich Teil deines Glaubens?
Ja, das ist fester Bestandteil meines Glaubens. „Bewahrung der Schöpfung”, da gibts ganz viele Richtungen und da bin ich gerade auch aktiv. „Bewahrung der Schöpfung” ist im Prinzip ähnlich wie „Fridays for Future” – wir sehen die Argumente, die Fridays for Future bringt und ergänzen nur, dass uns die Welt zur Bewahrung und nicht zur Zerstörung übertragen wurde von Gott und dass es ein ganz klarer Auftrag ist, dass wir das tun.

Kooperiert ihr dann mit Fridays for Future oder kann ich mir das eher so vorstellen, dass ihr euch manchmal zusammentut, aber eigentlich unabhängig voneinander arbeitet?
Es gab jetzt bei den Demos die Untergruppe „grüner Gockel”…
Cooler Name!
(lacht) …das steht für den Hahn, der oft auf Kirchtürmen ist, der eben grün sein sollte. Das fängt an beim Kirchenkaffee – dass Fairtrade-Bohnen besorgt werden, die möglich grün nach Deutschland transportiert wurden, und dass beim Kuchen darauf geachtet wird, dass es im tiefsten Winter keine Erdbeertorte gibt, sondern dass dann vielleicht lieber ein Marmorkuchen gebacken wird. Es bedeutet aber auch, dass – sollte eine neue Heizanlage in die Kirche gebaut werden – es vielleicht keine Ölheizung, sondern eine umweltfreundliche Alternative wird.
Richtig gut!
Der „grüne Gockel” ist da nur eine Bewegung – es gibt sehr viele verschiedene.

Zu vorhin noch – meine religiöse Haltung gilt hier im Haus, aber auch ganz generell zu den liberaleren. Ich würde mich jetzt nicht als extrem sehen, da gibt es sicher radikalere Auslegungen. Aber für mich für mich gibt es keine Diskussion darüber, ob irgendwelche Gesetze aus Leviticus jetzt noch aktuell sein sollten und deshalb Homosexualität nicht mit Glauben vereinbar sei.

Das heißt, du bist auch nicht für Steinigung?
Tatsächlich nicht. (lacht) Es gibt dafür eine sehr schöne Erklärung; Es gibt Moralgesetze wie das Doppelgebot der Liebe und dass man keinen weiteren Gott neben Gott verehren soll – und auch keine andere Göttin – sondern eben nur diesen einen Gott oder diese eine Gottheit. Das sind Gesetze, die zeitlich überdauern.
Genauso steht zwei Sätze später, dass ich kein Schweinefleisch essen dürfte und nur geschächtetes Fleisch – daran halte ich mich auch nicht. Und tatsächlich steht da sogar, dass man ganz auf Fleisch verzichten soll – daran halte ich persönlich mich dann schon wieder eher, aber nicht deshalb.
Meine Theologie ist die sogenannte historisch-kritische Theologie, die eigentlich an allen Universitäten vertreten ist. Das bedeutet, dass man die Bibeltexte in den historischen Kontext einordnet, die Texte kritisch in die heutige Zeit überträgt und nicht eins zu eins danach lebt – was meiner Meinung nach sowieso nicht möglich ist, da die Bibel sich an mehreren Stellen widerspricht und ich nicht weiß, wie man das dann machen sollte. Die Bibel ist ja auch kein Gesetzbuch, sondern ein Zeugnis von Gott und Jesus. Und ich glaube nicht an die Bibel, sondern ich glaube an Gott und an Jesus.

Es ist ja auch von verschiedenen Personen geschrieben worden – auch deshalb widersprechen sich ja manche Passagen.
Genau, das ist ja auch ein großer Unterschied zum Islam. Der Koran ist Gottes Wort, ganz direkt, und die Bibel ist nicht direkt, sondern indirekt Gottes Wort.

Was würdet du denn sagen, was ist… nein, was bedeutet für dich „glauben” im Alltag für dich? Wie begleitet dich das?
Glauben ist für mich schon auch dieser typische „Anker” – etwas, nach dem ich versuche, mich und meine Taten auszurichten. Glaube hängt für mich sehr stark mit Liebe zusammen, die Nächstenliebe ist für mich auch eine der wichtigsten Punkte. Viele würden da jetzt sagen, dass das dasselbe sei wie Moral. Ja, das schon, nur dass für mich da auch Gott reinspielt. Also es ist wichtig, einen moralischen Kompass zu haben, oder wie auch immer man das nennen will. Aber für mich ist das eben auch eine gottgegebene Vorstellung, die ja mir nicht schadet, sondern mir dient. Das mag oftmals schwer sein, gerade die Feindesliebe. Ich muss auch gestehen, dass ich natürlich nicht direkt irgendwelche Feinde habe… bei Menschen, die ich unsympathisch finde, frage ich mich, weshalb, und ob ich das mit mir als Christin verhandeln kann, jemanden deshalb schlecht zu behandeln – gerade wenn mir die Person irgendwie blöd kommt. Selbst wenn das erstmal gerechtfertigt wäre – darum geht es nicht, sondern darum, dass man auch da Liebe findet.
Für mich bedeutet Glauben aber auch, zu wissen, dass da jemand ist, dem es nicht egal ist, wies mir geht und wer ich bin. Das ist auch ein riesiges Vertrauen. Dazu gibt es natürlich auch sehr viele Bilder und Bibelzitate, aber es bedeutet für mich gerade dieses „man fällt nicht tiefer als in Gottes Hand.” Gerade in den Momenten, in denen es sich anfühlt, als wäre man definitiv schon tiefer gefallen, gerade da kommt dann natürlich auch oft der Zweifel auf. Aber für mich ist das auch eine Zusage, den Mut zu finden, etwas zu tun, was ich mir sonst vielleicht nicht zugtraut hätte.

Würdest du sagen, dass der Zweifel für dich ein Element ist, das immer wieder auftaucht und auch zum Glauben gehört?
Ja, das würde ich genauso unterstreichen und das will ich auch meinen zukünftigen Schüler*innen genauso sagen, dass Glaube eben nichts ist, was ich heute unterschreibe und dann ist es für den Rest des Lebens so und nicht anders, sondern dass es bedeutet, sich immer wieder neu danach auszurichten und immer wieder zu zweifeln. Mich persönlich bestärkt das paradoxerweise im Glauben, denn nach dem Zweifeln habe ich auch wieder das Gewissen.

Es gibt ja auch in der Bibel sehr viele Stellen, in denen es um Zweifel an Gott geht, oder?
Genau, eigentlich sind die Psalme zu einem Drittel Klagepsalme. Dann gibt es noch die Lob- und Dankpsalme, aber bei den Dankpsalme geht es auch immer erstmal darum, dass irgendwas sehr schrecklich war und man sich dann bedankt, dass es letztendlich gar nicht ganz so schrecklich war. Zweifel und Glaube sind schon immer eng verbunden.

Teil 2 zu Gleichstellung (auch in der evangelischen Kirche) folgt!

Bildrechte: Sophie Stroux

Sophie Stroux
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