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Blogging on Heaven's Door

Etymologie des Glaubens

11.06.2020 ⋅ von Sophie Stroux

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„Glaubst du an Menschenwürde?” – was genau bedeutet das, dieses „glauben“ in diesem Zusammenhang? Woher kommt das Wort, in dem fürRaul Krauthausen der Zweifel mitschwingt?

Das Digitale Wörterbuch der Deutschen Sprache (dwds) schreibt zu der Etymologie von „glauben“:
ahd. gilouben (8. Jh.), mhd. g(e)louben, […] aengl. gelēfan, gelīefan, (mit anderem Präfix) belȳfan, belēfan, engl. to believe, got. galaubjan ist ein Präfixverb mit Ablaut zu dem unter lieb (s. d.) behandelten Adjektiv im Sinne von ‘lieb halten, lieb nennen’.

Ursprünglich bedeutet glauben also „lieb halten, lieb nennen“. Ein bisschen findet sich das auch noch heutzutage in der Verwendung von glauben im Sinne von „an jemanden glauben“ – ich vertraue jmd, und/oder meine, dass die Person etw. gut machen kann. Ich glaube an dich, ich halte dich lieb. Ebenso bei „jemandem glauben” – ich traue dir, ich „nenne dich lieb“ also traue ich dir.

Spannend ist dabei, dass das „lieb nennen, lieb halten” in dem englischen Worte believe noch sichtbar ist, auch wenn „lieb/lief/liev” im Englischen nicht mehr alleinstehend verwendet wird (im Gegensatz zum Niederländischen, wo zb. „meine Liebe” „mijn liefste” heißt). Der Titel „believe (in) us” ist also tatsächlich näher am „lieb” als das Glauben im Deutschen.

Umgangssprachlich wird „glauben” auch stellvertretend für „nicht (sicher) wissen” verwendet, aber der Satz „Ich glaube an Menschenwürde“ funktioniert anders als ein „ich glaube dir/an dich”, weil er im Gegensatz zu einem angesprochenen Du nicht auf etwas Reales verweist, sondern auf einen abstrakten Begriff. Bei einem „ich glaube dir, ich glaube an dich“ spreche ich zu jemandem. Es sagt etwas über meine Einschätzung einer anderen Person, über unsere Beziehung, und ja, auch über die andere Person aus. Es ist direkte Kommunikation.

„Ich glaube an Menschenwürde“ ist vor allem Aussage über mein eigenes Mindset. „Menschenwürde“ ist etwas, das für mich wichtig ist, das ich „lieb halte“, das für mich ein grundlegender Begriff ist, auf den ich vertraue. Vertrauen, das ist vielleicht ein gutes Synonym für glauben. Ich setze Vertrauen in einen abstrakten Begriff, ich vertraue, dass Menschenwürde allgemeingültig ist und auch mich beschützt“.

Sobald „glauben“ mit einem abstrakten Begriffen zusammensteht, wird aus einem „lieb halten“ ein „auf etwas vertrauen“ und „das Leben nach Aspekten dieses Begriffs ausrichten“. Wenn ich beispielsweise an eine Gottheit glaube, dann vertraue ich auf diese und richte mein Leben nach Glaubensgrundsätzen aus. Wenn ich an Menschenwürde glaube, vertraue ich darauf, dass mir und allen anderen Menschen eine allgemeingültige Würde zukommt und handle dementsprechend. Glauben bedeutet hier also ein Konzept übernehmen und danach handeln.

Vermutlich werden nur wenige Menschen sagen, dass sie nicht an Menschenwürde „glauben”. Vielmehr wird zwar von einer Würde des Menschen ausgegangen – aber nicht alle Menschen werden als „Menschen” wahrgenommen. Oft wird argumentiert diese oder jene seien weniger zivilisiert und/oder teilten nicht dieselben Werte. Anders gesagt wird zwar eine Menschenwürde anerkannt, aber gleichzeitig werden Bevölkerungsgruppen entmenschlicht, um ebenjene Würde abzusprechen. Der anfangs noch so universelle Begriff der Menschenwürde kann dann einfach wie mit einer „Aussetzen”-Karte von UNO weitergeleitet werden.
Wenn Raul Krauthausen meint, dass für ihn der Glaube immer mit Zweifel verbunden sei, spielt das auch auf diese Art des Absprechens von Menschenwürde an.

Eine Utopie wäre, dass nicht nur alle an Menschenwürde glauben, sondern dass die Definition des Menschseins genauso unantastbar ist, wie die Würde des Menschen. „Ja, ich glaube an eine wirklich allen zustehenden und unveränderliche Menschenwürde,” sollte es heißen und nicht, „Ja, ich glaube, aber…”

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Sophie Stroux
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