Logo Center for Literature
Blogging on Heaven's Door

Die Gött*innen-Schreibwerkstatt

23.06.2020 ⋅ von Burg Hülshoff

lesebuerger_innen-blog-14

Im Anfang war ein GÖTT*INNEN-Bild.

Es war in einem gemeinsamen Malprozess auf miro entstanden.

Das Bild erzählte Geschichten. Aber welche?

Und so kam es, dass wir es mit vielstimmigen Schreiben versuchten, um dem Bild seine Geschichten zu entlocken.
Die Überschrift sollte sein:

Im Anfang war...

Die nächsten Zeilen lauteten:

E. noch alles offen…
A. aber das war auf Dauer ganz schön langweilig.
C. Also machte ich mich zurecht und rückte erst einmal meine neuen rot-violetten Himmelsscheiben gerade.

So ging es weiter, ein paar Runden lang. Dann stockte der Schreibprozess etwas.
Wie sollten wir nun all diese unterschiedlichen Stränge zusammenbringen?
Es entstand die Idee, dass jede von uns das Material für eine eigene Geschichte nutzen könne. Und so kamen, mit viel Freude beim ko-kreativen Schaffen, in etwa 7 Tagen diese 3 Gött*innen-Geschichten zur Welt.

elisabeth-im-anfang-bild-320x240-q92
(c) Elisabeth Klempnauer, entstanden auf der Plattform miro

Im Anfang war…
... noch alles offen,
aber das war auf Dauer ganz schön langweilig.
So begann der Weg vom Nichts zur Vielfalt und zur schöpferischen Unvollkommenheit der Welt.
Eigentlich war es purer Zufall, dass SIE das sogenannte Schöpfen entdeckt hatte.
Weil es IHR zu dunkel war, wünschte SIE sich den Gegensatz.
Und so entstand aus der Nacht der Tag.
Und weil Tag und Nacht ihr auf die Dauer langweilig wurden, schuf SIE Himmel, Sonnen, Monde, Sterne und Erden.
SIE war begeistert und dachte sich in schneller Folge Wasser, Luft, Steine, Pflanzen, Tiere und Menschen hinzu.
Und SIE staunte über diese IHR innewohnende Kraft.
Ob SIE zum Schöpfen Hände hatte und wie viele, ist nicht bekannt.
Alles erfand sich wie von selbst in IHRER luftigen Stirn. Gedanke folgte auf Gedanke.
Was SIE damals nicht wissen konnte, weil ja noch nichts sich entwickelt hatte:
Einen Gedanken wie einen Blitz in die Welt zu schleudern war eine lustige Sache, jedoch:
ein halber oder Dreiviertel Gedanke war voller unbekannter Variablen.
Nach 7 Tagen intensiven Denkens und Schaffens also, legte SIE die Hände, von denen man nicht weiß, ob sie existierten, in ihren Schoß und betrachtete ihr Werk.
Was SIE sah, gefiel ihr und weil ihr das Schöpfen so viel Freude machte, schuf SIE noch dies und das, Großes und Kleines, Starkes und Schwaches, Sinnvolles und Verrücktes.
Ach, wie SIE die Gegensätze liebte! Und die Paare!
Es war ein Spiel, von dem SIE nicht lassen konnte.
Doch es kam ein Zeitpunkt, da SIE merkte, wie erschöpft SIE war.
SIE lehnte sich zurück und fiel in einen tiefen Schlaf.
Als SIE wieder aufwachte und die Augen öffnete, fühlte SIE sich erfrischt und betrachtete noch einmal in Ruhe ihr Werk.
Alles war so, wie SIE es in die Welt gestellt hatte und in jeder Beziehung bunt.
Schnell wurde jedoch auch dieser Zustand ihr langweilig, weil, ja weil - noch alles unbewegt war.
In IHREM Denken, das nun komplizierter geworden war, formte sich ein weiterer Gedanke:
»Ich will allem etwas von meiner Schöpfungs-Kraft und meiner Freude am Spiel eingeben.«
Und so schuf SIE eine allumfassende Kreativität und hauchte sie dem Kosmos, den Elementen, der Natur und nicht zuletzt den Menschen ein.
Einen kurzen Moment lang überlegte SIE, ob sie allem auch die Vollkommenheit mit auf den Weg geben sollte. Aber das schien IHR, der Verspielten, zu langweilig.
Und so beließ SIE es dabei und nahm sich fest vor, von nun an nicht mehr in die Schöpfung einzugreifen.
Ob SIE noch immer dort oben in luftiger Höhe sitzt und das Geschehen auf der Welt beobachtet oder längst wieder in göttlichen Schlaf verfallen ist, niemand weiß es.
Was wir jedoch mit Gewissheit sagen können ist dies:
das kreative Schöpfen nimmt seinen Lauf, in all seinen Facetten, den schönen und den schrecklichen und was am Ende das Spiel gewinnen wird, niemand weiß es.
Elisabeth



Im Anfang war...
noch alles offen, aber das war auf Dauer ganz schön langweilig gewesen. Dann hatte sie jede Menge zu tun mit diesem Schöpfungsprojekt, aber danach wurde es wieder öde.
Also machte sie sich zurecht und plante einen Besuch auf der Erde, denn auf diesem Planeten war sie nun schon mehrere Ewigkeiten nicht gewesen. Es war an der Zeit, sich eines ihrer Werke wieder aus der Nähe anzusehen.
Menschen waren ihr einst ganz sympathisch gewesen, so ängstlich und ehrfürchtig. Ein Blitz, ein Vulkanausbruch, eine Sonnenfinsternis oder ein Erdbeben hatten gereicht, und sie waren flehend und klagend auf die Knie gesunken. Viele große und prächtige Bauten waren ihr zu Ehren entstanden, man hatte Menschen geopfert, später Blumen und Früchte, Bilder gemalt, Lieder komponiert, Gold geschmiedet, und sich gegenseitig auf sehr einfallsreiche Arten umgebracht, alles ihr zu Ehren. Äußerst schmeichelhaft, wenngleich sie das selbstverständlich nicht davon abhielt, weiterhin Blitze oder auch Heuschreckenplagen und Hurricans loszulassen. An guten Tagen konnten es natürlich auch Schäfchenwolken sein.
Inzwischen dachten viele Menschen, sie sei ein »Er«. Das ärgerte sie nicht so wie die Tatsache, dass viele den Glauben an sie zugunsten der sogenannten Wissenschaften aufgegeben hatten. Was absolut lächerlich war, wenn man bedachte, wie wenig die Menschen wirklich wussten. Desinfektionsmittel war jetzt das neue Weihwasser. Und Vernunft statt Glaube stand hoch im Kurs.
Sich allmählich materialisierend landete sie in einem hübschen Barockgärtchen auf einer Bank in der Sonne. Sie beobachtete zwei Frauen, die sich mit einem Handy aufnahmen. »Ich glaube an die Vernunft«, sagte die eine und die andere »An die Vernunft glaube ich auch, mit voller Überzeugung“. Das konnte ja wohl nicht wahr sein, direkt vor ihrer Nase!
»Gott ist eine menschliche Konstruktion«, sagte die eine. Die andere nickte.
Frechheit! Sie würde es den beiden schon zeigen. Konstruktion, pah! Sie schnippste mit den Fingern. Nichts. Sie schnippste ein zweites Mal und fühlte sich merkwürdig. Plötzlich standen die Frauen vor ihr. »Geht es Ihnen nicht gut? Können wir behilflich sein?«
Andrea


claudia-im-anfang...bild-320x156-q92
(c) Claudia Fiedler, entstanden auf der Plattform miro

Im Anfang war…
… noch alles offen,
aber das war auf Dauer ganz schön langweilig.
Ich musste dringend mal raus und etwas sehen von der Welt. Auch wenn Hestia - die Göttin des heiligen Herdfeuers - ständig sagte, dass Heim und Herd das Wichtigste seien. Sie mochte es überhaupt nicht, das Haus zu verlassen. Was wusste sie schon!
Ich hatte schon so viel von den Menschen gehört. Angeblich waren sie dumm, faul, habgierig, lüstern und streitsüchtig. Aber die Menschen kannten wohl auch die Liebe.
So erzählten die Gött*innen jedenfalls an langen Abenden.
Das hatte meine Neugier geweckt und ich musste mir unbedingt selbst ein Bild machen.
Ich stieg also hinab von unserem Himmelsschloss und begab mich auf die Erde.
Ich wanderte durch Parklandschaften, die von Wallhecken durchzogen und voller Grün, Vogelgezwitscher und Blumen waren.
Schließlich kam ich zu einer stattlichen Burg.
Dort saß ein Mädchen traurig an einem kleinen Weiher.
»Warum so traurig?«, fragte ich sie.
»Ach, ich würde so gerne wild und frei sein, wie die Pferde auf der Weide. Oder wenigstens das tun, was meine einfältigen Cousins tun dürfen, aber meine Eltern sagen, das würde sich nicht gehören für ein Mädchen!«
Ich fühlte mich sofort an Hestia erinnert und hatte Verständnis für das Kind.
Ich wollte ihr helfen.
»Ich schenke dir einen Schlüssel zur Freiheit: Es ist die Fantasie. Du kannst dir mit ihrer Hilfe und deiner Vorstellungskraft eine eigene neue Welt erschaffen. Dort bestimmst du, was passiert. Niemand hat ohne dein Wissen und Wollen Zutritt zu dieser Welt. Grenzen und Beschränkungen gibt es dort nicht. Nur die, die du für wichtig erachtest.«
Ich gab dem Mädchen einen Kuss auf die Stirn. Ihr Gesicht leuchtete auf und sie holte Kladde, Feder und Tintenfass aus einem kleinen Beutel, den sie bei sich trug, und fing an zu schreiben…
Claudia