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Blogging on Heaven's Door

Cuando desvías la mirada… Perspektiven junger Menschen in Chile auf die Menschenwürde

11.06.2020 ⋅ von Lea Wahode

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Die Revolution der 30
Seit dem 18. Oktober 2019 protestieren Menschen in Chile gegen die soziale Ungleichheit im Land und fordern unter den Hashtags #ChileDespertó sowie #RenunciaPiñera staatliche, verfassungsrechtliche und gesellschaftliche Neuerungen. Ausgehend vom Aufbegehren der Schüler_innen in Santiago breiteten sich die Proteste innerhalb weniger Tage auf das ganze Land aus. Denn auch 30 Jahre nach Ende der Diktatur wurde die unter Augusto Pinochet eingeführte Privatisierung von Bildung, Gesundheit, Rente und Wasserversorgung nicht reformiert. Der Zugang zu diesen Menschenrechten ist für viele Chilen*innen erschwert oder sogar unmöglich.

Die Regierung unter dem aktuellen Präsidenten Sebastián Piñera reagierte auf die Proteste mit massiver Polizeigewalt, verhängte eine Ausgangssperre, rief den Ausnahmezustand aus und schickte das Militär samt Erlaubnis zum Schusswaffengebrauch auf die Straße. In den folgenden Wochen verzeichnete das unabhängige Instituto Nacional de Derechos Humanos Menschenrechtsverletzungen wie seit Ende der Diktatur Pinochets nicht mehr.
Seit Beginn der Proteste wurden min. 3838 Menschen verletzt – davon 460 mit Augenverletzungen durch Tränengasbomben oder Schusswaffen – 257 Fälle sexualisierter Gewalt registriert, 1083 Anzeigen wegen Folter erstattet und min. 6 Personen durch staatliche Akteur_innen getötet (Stand 19. März 2020, https://www.indh.cl).

Einordnung der Stimmen
Mit einigen meiner Freund_innen aus Santiago habe ich in den letzten Tagen über ihre Perspektive auf den Begriff Menschenwürde gesprochen – und darüber, wie sie sich während der Proteste verändert hat. Sie alle haben protestiert, politische Versammlungen organisiert und die gewalttätigen Polizei- und Militäreinsätze auf den Demos mit Backpulverwasser und Zitronen (gegen das Pfeffer- und Tränengas) abzuwehren versucht.

Wichtig ist, mitzudenken, dass sie sich in ihrem Alltag in den privilegierten, akademischen Kreisen Santiagos bewegen und größtenteils aus Familien der Oberschicht stammen, die zumindest von der Polizeigewalt fernab der Demos weniger betroffen sind. Sie demonstrierten vor allem aus Solidarität mit den Menschen, die das neoliberale und gesellschaftliche System von den ihnen zugänglichen Privilegien ausschließt.

Kursiv stehen jeweils die Originaltexte auf Spanisch.
Weitere Informationen zum Kontext gibt es nach den Statements.

Gedanken über Menschenwürde
"Als Erstes frage ich mich, warum sich die Frage auf Menschenwürde und nicht Würde an sich bezieht.
Ich glaube daran, dass Menschen soziale Wesen sind. Und es gibt einige Bedingungen, damit das Leben in Gemeinschaft machbar und angenehm für alle ist. Als Teil dieser Bedingungen sehe ich das Verständnis, dass alle verdienen, gerecht, mit Respekt und ohne Diskriminierung oder Gewalt behandelt zu werden; dass die Handlungsfreiheit nicht der Integrität anderer schadet; dass alle Zugang zu Bildung, Gesundheit, Trinkwasser, Nahrung und einer Umwelt ohne Verschmutzung haben. Ich glaube, dass all dies ist, was ich unter Menschenwürde verstehe in einer Gesellschaft wie der, in der wir heute zusammenleben."

„Me pregunto primero por qué se dirige la interrogante a dignidad humana y no a dignidad a secas.
Creo en que humanos, humanas y humanes somos seres sociables, y la vida en sociedad requiere ciertas condiciones para que esta sea grata y viable para todes quienes la componen. Dentro de estas condiciones reconozco el entender que todes merecen un trato de respeto, justo, sin discriminaciones ni violencias, que todes merecen ser escuchades, que la libertad de las acciones no dañe la integridad del resto, donde todes tengan acceso a educación, salud, agua potable, comida y un ambiente sin contaminación. Creo que todo esto es lo que entiendo por dignidad humana en una sociedad contemporánea como la que cohabitamos hoy."

„Ich verstehe die Würde nicht aus einer politischen Perspektive, sondern eher einer spirituellen, als etwas dem Menschlichen Innewohnendem. Ich denke, dass alle Menschen mit Menschenwürde geboren werden und die Natur des Menschen sich inmitten dieser Würde befindet.“

„La forma en la como yo veo la dignidad, no es desde una perspectiva política, sino que más bien espiritual e intrinseca del ser humano. Pienso que todas las personas nacen siendo seres dignos y que la naturaleza del ser humano se encuentra justamente en esa dignidad.“

„Gleichzeitig beobachte ich eine Verschiebung in Richtung eines anderen Würdekonzepts in der heutigen Gesellschaft, die sich einem kapitalistischen Wirtschaftsmodells unterwirft. Dadurch fokussieren die Menschen ihren Blick und ihre Ziele auf externe Stimuli, die mit Erfolg und Konsum zusammenhängen. Manchmal denken wir dann, das die Menschenwürde sich in unseren Lebensbedingungen widerspiegelt und nicht in die Art, wie wir mit unserer intrinsischen Würde umgehen und unser Leben leben. Deshalb gibt es den Gedanken, Menschen mit weniger (finanziellen) Ressourcen würden „unwürdiger“ leben als solche mit mehr Zugang zu Privilegien.
Für mich geht Würde aber auf etwas viel Essentielleres zurück und hat damit zu tun, sich als genauso würdig anzusehen wie andere Personen. Ich habe das Gefühl, dass das globale Bewusstsein sich enorm vergrößern würde, wenn die Menschheit sich das klarer vor Augen führen wurde. Und dass dies zu vielen Veränderungen führen würde, für die heute in vielen Teilen der Welt gekämpft wird.“

„Pero bueno algo que puedo ver, es una desviación hacia otro concepto de dignidad, especialmente en la sociedad contemporánea que se rije bajo un modelo economico capitalista, el cual hace que las personas depositen su mirada y objetivos en estimulos exteriores vinculados al exitismo y al consumo. Esto repercute en que en ocasiones pensemos que la dignidad se encuentra entonces en nuestras condiciones de vida y no en la forma en cómo decidimos vivirla, por lo mismo, se piensa que personas con menos recursos se encontrarían viviendo más "indignamente" que otros con más acceso a los bienes. Pero no, la dignidad para mí se remonta a algo mucho más esencial y tiene que ver con poder verse a uno digno de igual forma que a un otro, siento que si la humanidad pudiese percatarse de esto, se ampliaría enormemente la consciencia planetaria y se generarían muchos cambios por los cuales hoy mismo se están luchando en distintas partes del mundo.“

„Eine andere Idee, die ich habe, ist, dass sich niemand über die Würde einer_s anderen stellen kann. Sondern, dass die Würde in dem Moment verloren geht, in dem man selbst aufhört, sich als würdig zu betrachten. Über die eigene Würde hat also jeder Mensch selbst die Macht. Und wenn jemand die Würde einer anderen Person verletzt, verletzt er*sie immer erst seine_ihre eigene Würde.“

„Otra idea que se me viene a la mente, es que no hay nadie por sobre la dignidad de otro, sino que la dignidad se pierde en el momento en que uno mismo se deja de ver digno, por lo cual, esto sería un poder que solamente uno tiene. Y además que en el caso de que alguien atente contra la dignidad de otro, hay que destacar que estaría atentando la suya primero.“

"Ein Teil von mir denkt, dass Menschenwürde intrinsisch ist, ein anderer Teil, dass sie nur ein Konzept, eine Annahme darstellt.
Ich fühle Würde, wenn es keine Angst gibt sich in die Augen zu schauen; wenn wir nicht den Impuls haben, den Blick abzuwenden.
Aber ich bezweifle, dass alle die Würde auf diese Weise empfinden – wenn ich Leute im Fernsehen sehe zum Beispiel, die mit uns sprechen wollen und dabei auf ihre Füße schauen.“

„Una parte de mí piensa que la dignidad humana es intrínseca, otra que es solo un supuesto.
Siento la dignidad cuando no hay miedo de mirar a los ojos, cuando no se sienten ganas de desviar la mirada.
Pero dudo de que todos la sintamos cuando veo personitas en la tele hablándonos, mirándose la punta de los pies.“

„Dieser feste Blick, ein Blick ohne Scham. Und es bleibt Annahme: wenn ich annehme, dass eine andere Person Würde hat, dann respektiere ich sie als Mensch, kann ihr in die Augen blicken und weiß, dass sie im Grunde ist wie ich. Für nichts mehr als ihr Menschsein verdient sie meinen Respekt.“

„Esa mirada firme, esa mirada sin vergüenza.
Queda un supuesto: cuando yo supongo que la otra persona tiene dignidad, la respeto como tanto, le puedo mirar a los ojos porque sé que es una persona igual que yo soy una persona y porque el hecho de ser persona merece mi respeto.“

„Wenn Leute auf der Straße einen obdachlosen alten Mann sehen, blicken sie ihn nicht an, sie würdigen ihn nicht, blenden ihn aus. Wenn jemand aber hingeht und mit dieser Person spricht, dann spüre ich die Würde.“

„Cuando la gente anda en la calle y ve a un abuelito vagando en la calle no lo mira, no lo dignifica, lo pasa por alto. Y cuando uno va y puede conversar con esta persona, siento que existe ahí la dignidad.“

„Es ist nicht so, dass Würde für sich selbst steht, aber wenn man an sie glaubt, dann erleichtert das den zwischenmenschlichen Umgang – ob physisch oder intellektuell. Es ist so, als wäre sich mit und in Würde wahrzunehmen eine Bedingung für menschlichen Austausch.“

„No es como si la dignidad fuese algo en sí mismo pero cuando uno la cree presente, los tratos entre personas se hacen mucho mas fáciles – físico, intelectual, todo eso. Es como verse en dignidad es una condición de alguna forma."

Die Proteste und Corona
Besonders in Zeiten von Corona zeigt sich die Unentbehrlichkeit der Forderungen der Protestierenden. Nur sehr wenige Menschen können sich eine Versorgung im privaten Gesundheitssystem leisten, die staatlichen Krankenhäuser können die Menschen nicht ausreichend behandeln. Aufgrund des schwachen Rentensystems sind viele ältere Menschen darauf angewiesen, ihre minimale Rente durch Tagesjobs, z.B als Straßenverkäufer*innen, aufzustocken – Tätigkeiten, denen sie und viele andere nun nicht mehr nachgehen können.
In Mittel- und Nordchile, wo das Grundwasser u.a. aufgrund des extensiven Avocadoanbaus schon seit Jahren knapp ist, gibt es in mehren Regionen keine Möglichkeit, die Hygienemaßnahmen einzuhalten, weil die Wasserleitungen trocken liegen.

Ort der Kontraste
Diese Missstände stehen in Kontrast zu dem Bild, das innerhalb Lateinamerikas und auch in Europa verbreitet ist: eine funktionierende Demokratie, weniger Armut und bessere Bildung als in anderen Ländern der Region; Chile hat Argentinien als „Vorzeigestaat“ Lateinamerikas in der globalen Wahrnehmung schon vor einige Zeit abgelöst.

Zu Beginn meines Auslandssemesters in Santiago war ich erstaunt über die wenigen Unterschiede zwischen meinem Studienleben in Deutschland und dem Alltag, in den ich mich an der Uni in Santiago langsam einlebte.
Später dann verstört von den enormen Kontrasten im Land, die scheinbar alle Lebensbereiche durchdrangen und sichtbar unsichtbare Grenzen zwischen die sozialen Klassen zogen. Nach und nach erschienen diese Risse in meiner Wahrnehmung der chilenischen Gesellschaft – in kleinen Gesprächspausen, an Bushaltestellen, in alltäglichen Fragen, den Straßenzügen Santiagos, dem Blick auf die Stadt vom Campus in den Anden aus.
Mit Ausbruch der „Revolution der 30“ – einer der vielen Bezeichnungen für die Proteste, die auf die 30 Jahre Neoliberalismus nach Ende der Diktatur anspielt und gleichzeitig der Aussage widerspricht, die Proteste hätten sich „nur“ an den Erhöhung der Metropreise um 30 pesos chilenos entzündet – war ich beeindruckt von der politischen Kraft, der utopischen Motivation und unglaublich schnellen, effizienten Selbstorganisation der jüngeren Generationen, die im Laufe der Proteste alle Altersgruppe miteinschloss.