(c) Dario Damiano

Themen

Das Center for Literature auf Burg Hülshoff widmet sich Themen, die unsere Gegenwart und Zukunft bestimmen und uns oft auch von der Vergangenheit her prägen – in der festen Überzeugung, dass Literatur und die anderen Künste neue Gedanken, Perspektiven, Visionen auf den Tisch bringen können. Elf thematische Fokusse werden die Arbeit des Center for Literature in den kommenden Jahren begleiten.

Fokus World Wide World

Die Welt schrumpft zusammen. Globalisierung und Digitalisierung haben sie verändert: Manche Menschen haben, obwohl sie tausende Kilometer voneinander entfernt sind, auf einmal miteinander zu tun. Manche Menschen haben nichts miteinander zu tun, obwohl sie Tür an Tür wohnen, die Ferne zwischen ihnen wächst.

Wie können wir diese Welt beschreiben, die für die einen weltweit ist und für die anderen am Gartenzaun endet, oder am Anfang der Wüste, oder jenseits von ihr, am Mittelmeer? Und wie die Wanderungen der einen und der anderen in dieser Welt fassen? Ist durch das Web eigentlich eine zweite Welt dazugekommen? Oder hat sich die bestehende nur verändert? Und sind wir, wenn wir das Smartphone in der Hand haben, in einer Zwischenwelt?

Im Fokus World Wide World denken wir im Center for Literature darüber nach, was diese Prozesse bedeuten, wie Literatur sie – in ihrer Unverständlichkeit – zu greifen bekommen kann.

Was heißt digitales Denken und Handeln fürs Schreiben? Wenn geschriebene Poesie sich aus dem Sprechen und Singen entwickelt hat, wie kann sie sich dann heute wieder verändern, in einem Medium (dem Netz), das Hören, Sehen, Lesen zusammenbringt? Oder entfernt sich die Lyrik von ihrem Ursprung im Mündlichen und flirtet lieber mit Programmiersprachen? Die erschaffen zumindest Welten.

Oder sind all diese Überlegungen gar überflüssig, da Fotos auf Instagram längst die neue, durch und durch konkrete Poesie sind? Sicher ist nur: Die weltweite Welt ist weder real noch virtuell, sie befindet sich dazwischen.

Mohsin Hamid, der pakistanische Romancier, trifft es genau, wenn er über seine Figuren schreibt: „Die Geräte verfügten über winzige integrierte Antennen, und diese Antennen kundschafteten wie durch Magie eine unsichtbare Welt aus, eine Welt, die überall um sie herum war und zugleich nirgendwo, und versetzten sie an ferne und nahe Orte, und an Orte, die es nie gegeben hatte und es nie geben würde.“*

Wie können diese Orte wieder zu utopischen werden?

* Mohsin Hamid: Exit West, aus dem Englischen von Monika Köpfer, Köln: DuMont Buchverlag 2017, Seite 39.


Fokus Stadt/Land im Fluss

Stadt und Land: In den vergangenen Jahren sind beide als große Kontraste zurück ins kollektive Bewusstsein gekommen. Während die Städter*innen sich in ihren sanierten Altbauten oder Fabriklofts, in den Capuccino-Cafés mit Industrielampen, in den Gemeinschaftsgärten und den Yoga-Studios eingerichtet haben, zieht es die Landbewohner*innen ins Countryhouse, mit Kamin, Gartenzaun, Rotwein und einem guten Buch.

Beide Klischées verfallen, sobald Autor*innen anfangen, Romane zu schreiben, die in Dörfern spielen, oder wenn sie Ländliches und Städtisches in lyrische Zeilen pressen.

Gehen wir also dorthin. Zeichnen wir komplexere Bilder von städtischem und ländlichem Zusammenleben als die, die in Magazinen dargestellt werden.. Wo sind die Gegensätze stark? Wo verschwimmen sie? Wo ist der städtische Kiez viel mehr Dorf als das Dorf? Wo ist der Marktplatz in der Kreisstadt städtisch? Wer geht morgens vom Land in die Stadt? Und wer – umgekehrt – für die Ruhe aufs Dorf, nur um abends, nach Feierabend, an der Hauptverkehrsstraße zu stehen und den Lärm und Staub des Urbanen zu genießen? Wie verbindlich oder verlogen oder kompliziert sind Gemeinschaften hier wie dort? Vermittelt die Stadt die modernen Ideen ans Dorf? Und ist das Land dafür immer bodenständiger und – ja! – authentischer?

Zum Glück befinden sich Burg Hülshoff und das Rüschhaus genau in der Zwischenzone zwischen Stadt und Land. Genau deshalb können sie Forum sein, um in den Austausch zu kommen; weil hier Menschen zusammentreffen werden, für die Stadt und Land längst ineinanderfließen. Bis ein Dorf sagt: „Wir sind städtisch für die Umgebung.“*

Im Oktober 2018 gibt es zum Beispiel ein Literatur-Double-Feature zum Thema Dorf. In VOR DEM FEST: GEGEN DIE WELT lassen sich Saša Stanišic und Jan Brandt auf ein Experiment ein und werden Teil cross-disziplinärer Lesungen aus ihren eigenen Texten. So vermessen sie gemeinsam mit künstlerischen Kolleg*innen das Dorf. Wie bestimmen dort die Generationskonflikte – selbst wenn sie ausbleiben – das Leben? Wie sehen Freund- und Feindschaften aus? Wie greifen absichtlich Vergessenes und erfunden Erinnertes ineinander? Wie bestimmen sie den ländlichen Raum – der am Ende doch über all das hinausgeht?

* Saša Stanišic: Vor dem Fest, München: Luchterhand Literaturverlag 2014, Seite 275.


Fokus Zwischensprachen

Burg Hülshoff bewegt sich – so fest sie auch steht – schon seit langem in Zwischenzonen: zwischen Stadt und Land, zwischen privat und öffentlich, zwischen Altem und Neuem.

Der Fokus Zwischensprachen erinnert daran, dass die Grenze DAZWISCHEN eben nie nur zu der einen oder dem anderen gehört, sondern zu beiden. Also, ist eine Grenze dann überhaupt Grenze?

Das trifft zum einen auf die Trennung zwischen den Künsten zu. Und hier setzt das Center dezidiert darauf, starke Literatur vor allem dort zu finden, zu inszenieren oder mit entstehen zu lassen, wo Autor*innen, einzeln oder im Kollektiv, über den Rand der Disziplin hinausschauen, wo sie sich mit Tänzer*innen, Performer*innen, Musiker*innen, Orchestern oder Chören, mit Bildenden Künstler*innen, Video Artists, Aktivist*innen, sozialen Projekten verbinden und verbünden.

Neben dieser Zwischensprache von Künsten und Gesellschaft aber möchte das Center for Literature auch unsere diverse, mehrsprachige Gesellschaft abbilden. Nie wurde nur eine Sprache gesprochen. Aufgabe für eine Literaturinstitution der Zukunft muss es also sein, Angebote in mehreren Sprachen zu machen. Hier folgen wir Texten und Autor*innen und nehmen das auf, was schon entsteht, oder unterstützen beim Entstehen neuer Konzepte und setzen sie mit um.

Ein Hörspiel mit Übertiteln in drei Sprachen? Ein kollektives Schreibprojekt mit sechs Menschen aus mindestens sechs Ländern und sechs Sprachen? Oh ja, bitte! Ein Abend mit Lyrik in Gebärdensprache? Überfällig, um die einen überhaupt an Lesungen teilhaben zu lassen – und die anderen an der Schönheit eines Hilde Domin-Gedichts in Gebärdensprache. Wieviel konkreter wird Dichtung durch Gebärden? Und wo ist eine Geste im Raum poetischer als die Poesie im Wort? Oder konkurrieren sie sowieso nicht, sondern ergänzen sich und treffen sich eben dort, in der Zwischensprache?

Mit solchen Fragen sind wir beim Themenfeld „Übersetzung“ angekommen. Und die Übersetzung ist ja der Paradefall der Zwischensprachen: Wie oft könnten wir ein gutes Gedicht allein in eine einzige Sprache übersetzen? Jedes Mal würde es sich wieder verändern. Und wie können wir durch Übungen im Übersetzen von Wörtern auch wieder die gesellschaftlichen Positionen einer Gruppe an eine andere und in deren Sprache vermitteln?

Also: WHY WAIT? TRANSLATE!


Fokus Anbauen!

Für die einen ist dieses Zeitalter noch das Holozän (das Nach-Eiszeitalter), für andere schon das Anthropozän (das Zeitalter des Menschen). In jedem Fall haben die Menschen seit ihrem Erscheinen auf der Erde nicht nur Tiere gejagt, Beeren gesammelt, Feuer gemacht und Pflanzen kultiviert, sondern auch Hütten gebaut – und hören damit nicht auf. Zugleich verändern sie mit ihren groben Setzungen das Klima.

Unter dem Fokus Anbauen! beschäftigt sich das Center for Literature mit unterschiedlichen Prozessen des Bauens, Umbauens und Anbauens.

Erstens also der Frage, wie Menschen ihre Vorstellungen in architektonischen Formen ausdrücken. Oder – andersrum gedacht: Wie beeinflussen uns Gebäude - Burgen, Hochhäuser, Doppelhaushälften, Kirchen, Museen, Schulen? Wie handeln wir angesichts der Bauten, die uns umgeben? Aber auch: Wie lassen sie uns handeln? Und: In welcher Sprache sprechen wir über diese Architekturen?

Zweitens thematisieren wir den konkreten Umbau, der auf Burg Hülshoff in den kommenden Jahren vonstatten gehen wird. Die Vorburg und weitere Gebäudeteile werden umgebaut und erweitert. Ist die Burg damit selbst wieder temporär, Provisorium? Ja. Und während sie materiell umgebaut wird, bauen Team und Publikum zusammen eine neue und neuartige Institution auf. Es besteht keinen Grund, vor diese Umbauprozesse einen Vorhang zu ziehen und zu sagen: Dahinter wird gebaut. Schauen wir doch lieber gemeinsam beim Bauen zu.

Drittens fällt unter Anbauen! auch der Anbau von Pflanzen, der auf Hülshoff in verschiedenen Formen mindestens seit dem frühen 19. Jahrhundert betrieben wurde, und der uns zur Ökologie überhaupt bringt. Was genau ist der Mensch eigentlich noch in einem Zeitalter, in dem die Natur sich mit Katastrophen wieder als eigentliche Königin des Planeten zu erkennen gibt? Und was bedeutet das für Dichtung? Müssen wir in der Natur sitzen und mit ihr sprechen? Oder gar, wie der Lyriker Daniel Falb fordert, eher die Klimakonferenzen, Politikergipfel, NGO-Aktionen begleiten, also „an Orte gehen, an denen die eigentliche Ökologie stattindet“?*

* Daniel Falb: Anthropozän. Dichtung in der Gegenwartsgeologie, Berlin: Verlagshaus Berlin 2015 (= Édition Poeticon #09), Seite 39.


Fokus Poetik des Publikums/Poetics of the public

Unter diesem Stichwort startet Burg Hülshoff – Center for Literature eine Langzeituntersuchung, an der alle beteiligt sind, die kommen oder uns aus der Ferne, über das Netz, begleiten.

Absichtlich falsch übersetzen wir diesen Fokus mit Poetics of the public. „Publikum“ wäre im Englischen eher „audience“. „The public“ ruft das Öffentliche auf, also die Frage, wie es mit den öffentlichen Räumen heute überhaupt aussieht.

Publikum verändert sich. In den vergangenen zwanzig Jahren hat sich die sogenannte KLASSISCHE Zuschauer*innenschaft aufgelöst, die vielleicht nur für eine relativ kurze Zeit in der noch jungen Bundesrepublik bestand – und schon in der DDR ganz anders aussah.

Keinesfalls verfällt hier etwas. Im Gegenteil. Zuschauer*innen sind anspruchsvoller geworden, sie sind oft besser gebildet als vor Jahrzehnten noch, sie haben nicht mehr alle DENSELBEN Background – und sie wollen nicht nur zum Zuhören und Zuschauen geladen werden.

Burg Hülshoff – Center for Literature forscht, wie Literatur im öffentlichen Rahmen verhandelt werden kann. Dafür muss sie anders präsentiert werden als über Wasserglaslesungen, bei denen der allwissende Dichter mit einem Vertreter des Feuilletons auf dem Podium sitzt.

Das CfL erfindet gemeinsam mit Künstler*innen, Partner-Institutionen und Besucher*innen Formate, die von vornherein anders funktionieren, die keine Dialoge scheuen: weder die zwischen Künsten und gesellschaftlichen Sphären noch zwischen den daran beteiligten Menschen.

So startet 2018 das Projekt Lesebürger*innen: eine Gruppe von Menschen aus Münster und Münsterland, die regelmäßig zusammenkommt – mal im Rüschhaus, mal auf der Burg. BÜRGER*IN kommt ja ursprünglich auch von BURG. Vor der Lesung einer Autorin liest die Gruppe in ihren Roman hinein und spricht über Text und Biografie. Die Lesebürger*innen begleiten dann auch die Veranstaltung in unterschiedlichen Rollen.

So werden Fragen aufgeworfen: Wie kann durch Literaturveranstaltungen ein öffentlicher Raum entstehen? Und wie ein Gespräch über die Qualität dieses Öffentlichen? Und – nicht zuletzt: Wo und wie sind wir heute öffentlich? Auf dem Marktplatz? Oder auf Facebook? Sind unsere Daten öffentlicher, als wir es selbst sein wollen? Sind wir dort, wo wir ganz öffentlich sind, gleichzeitig privat? Oder nur Fiktion?


Fokus Erlösung

Seit dem 11. September 2001 ist der Glaube mit voller Wucht zurück und hat die Grenze zwischen Privatem und Öffentlichen erneut durchschlagen. Seitdem wird Religion von verschiedenen Seiten wieder instrumentalisiert.

Erlösung ist der Fokus, unter dem sich Burg Hülshoff – Center for Literature um Fragen der Religion kümmert.

Das betrifft mal den eigenen Glauben – so auch bei Droste-Hülshoff, in deren Gedichten sich ihr Zweifel kraftvoll niederschlägt.

Mal geht es um den Glauben anderer. Wer, wenn nicht die Literatur könnte das Gespräch zwischen verschiedenen Religionen als offenes führen? Ein Gespräch jedenfalls, das nichts mit der identitären Abgrenzung zu tun hat, die unsere derzeitige gesellschaftspolitische Debatte bestimmt.

Im literarischen Sprechen werden solche fiktiven Grenzen wieder als Fiktion erkennbar – und damit fließend: „Was glaubt ihr denn, wer ihr seid? Was glaubt ihr denn, wer wir sind? Warum wir Bärte tragen, Locken, Hüte, Tücher, Hosen, Röcke, Ringe, Kreuze, Bänder um den Arm, Tattoos? Warum wir den Kopf bedecken? Warum wir den Kopf nicht bedecken? Warum wir die Schuhe ausziehen? Warum wir die Schuhe nicht ausziehen? Warum wir euch bitten, die Schuhe auszuziehen?“*

Das CfL nutzt auch im Fokus Erlösung seine transdisziplinäre Kraft. Denn Religion lebt von Ritualen. Wie können Künstler*innen mit vorhandenen religiösen Praktiken spielen? Wie sie sezieren? Und wie verwenden? Welche Messen und Gebetsstunden entstehen, wenn Schriftsteller*innen die Predigten schreiben, singen, flüstern? Wenn das Weihrauchpendel durch ein Glitzerpendel ersetzt wird und die Ikonostase bewegte Bilder zeigt? Und wenn der Priester eine Priesterin ist – und die wiederum Drag Queen-Poetin?

Mit Hilfe der Kunst werden schwierige ethische-religiöse Fragen durchgespielt. In einer 1:1-Performance, in der jemand mir im Bett gegenüber sitzt und über das eigene Leiden spricht, fange ich anders an, über Sterbehilfe nachzudenken. Wie kommen wir danach anders ins Gespräch? Und wofür leben wir als Gesellschaft? Für die Schöpfung? Die Erlösung? Beides?

* Björn Bicker: Urban Prayers, Hörspiel, Produktion: Bayerischer Rundfunk Hörspiel und Medienkunst 2014.


Fokus Re: Reading Droste

Annette von Droste-Hülshoff hat umfassend gedacht und gearbeitet: Glaube und der Zweifel an Gott – Männlichkeitsmythen und Emanzipation der Frau – Krieg und Frieden – Heimat und Fremde – Tote und Lebende – Spuk und Krimi – Freiheit und Enge. Das sind nur einige der von ihr aufgeworfenen Sujets. Dafür ist sie immer wieder über die Grenzen von Gattungen, Stilen und damit verbundenen Regelwerken hinausgegangen.

Die Arbeit des Center for Literature auf Hülshoff steht in diesem Geiste: Sie bringt das Erbe der Schriftstellerin zur Geltung, indem sie die Droste nicht musealisiert. Vergleichbar einer Exegese von Texten aus der Bibel, der Torah oder des Koran, geht das Center for Literatur dafür mal näher an ihre Texte und ihr Leben heran, mal bleibt es weiter weg; im Wissen, dass auch der Abstand eine Nähe ist.

Re: Reading Droste meint also eine beständige und vielstimmige Re-Lektüre, die die Dichterin nicht „behandelt wie eine Hülse, die man nur auf alle Art drücken und brechen darf um zum Kern zu gelangen“.*

Die Droste-Tage werden, wie schon seit 2013, jährlich stattfinden und sich mit je einem spezifischen Komplex aus dem Werk der Droste oder ihrer Biografie beschäftigen. 2018 ist das zum Beispiel das Überschreiten von Grenzen, 2019 die Emanzipation der Dichterin als Dichterin, 2020 der Glaube.

Die Themen greifen dabei in die Formen über: Zum Beispiel, wenn das Team der Burg, das Publikum und Künstler*innen über ein Jahr Dinge sammeln, wie es die Droste gern tat, und zusammentragen, daraus eine disparate Kollektion bilden –und auf dieser Basis Wissenschaftler*innen in einem Kolloquium über Sammlungskonzepte allgemein und das Sammlungskonzept eines zukünftigen Literaturmuseums auf Hülshoff diskutieren.

Auch das bereits existierende Droste-Museum spielt in diesem Themenfokus eine entscheidende Rolle: Zum einen erlaubt es einer fünfstelligen Zahl von Besucher*innen im Jahr, visuell und akustisch in die Welt der Droste-Hülshoffs und speziell der Dichterin einzutauchen. Zum anderen soll das Museum, sollen seine Objekte im Fokus Re: Reading Droste lebendig werden. In experimentellen Führungen, Konzerten, Lecture Performances blicken einzelne Exponate zurück, blicken die Besucher*innen an. Damit erscheinen Perspektiven in den biedermeierlich geprägten Familienräumen, die dort sonst nicht vorkommen. Hier liegt eine Querverbindung zum Fokus Blinde Flecken/Blind Spots.

* Annette von Droste-Hülshoff in einem Brief an Anna von Haxthausen, zitiert nach: Barbara Beuys: Blamieren mag ich micht nicht. Das Leben der Annette von Droste-Hülshoff, 3. Auflage, Berlin: Insel Verlag 2015, Seite 174.


Fokus Care/Sorge

Die jüngst verstorbene Schriftstellerin Silvia Bovenschen schreibt in ihrem letzten Roman Lug und Trug und Rat und Streben: „Sagte die gute Tante: Das musst du wissen: Alleine bist du verloren. / Das musst du lernen: Es gibt eine Teilung der Arbeit, der Beschaffung, der Fürsorge. / Die musst du ehren: die, die mit dir sind.“*

Kaum ein Thema überdauert die Zeiten vielleicht wie dieses: Fürsorge. Unter dem Stichwort Care umkreist das Center for Literature sie; von der individuellen Pflege über die gesellschaftlichen Dimensionen bis hin zu weltweiten Care-Verhältnissen – Stichwort „Entwicklungshilfe“.

Ein Ansatzpunkt in diesem Fokus ist also die Frage, wie es mit der Daseinsfürsorge in einer Gesellschaftsform aussieht, die Verantwortung zunehmend den Einzelnen zuschiebt. Wer pflegt wen? Die jüngere Generation die ältere? Die starken Mitglieder der Gesellschaft die schwachen? Die Nicht-Behinderten die Behinderten? Die billigen Pflegekräfte die reichen Kranken und Alten? Der globale Norden den globalen Süden? Oder andersrum?

Unterschiedliche Schicksale und Lebenswege kann gerade Literatur scharfsinnig und mit viel Humor nahebringen. Das CfL wird unterschiedliche Positionen zu Care diskutieren und andere, solidarischere Modelle finden.

Zum Beispiel, wenn Gruppen wie das Volxtheater aus Bethel oder dorisdean aus Bochum/Düsseldorf hier arbeiten, die sich, mal explizit, mal implizit damit beschäftigen, was Körper mit und ohne Behinderungen eigentlich unterscheidet.

Zum Beispiel, wenn in einer zwölfstündigen Dauerperformance die Rolle von Frauen in unserer Gesellschaft und damit auch in der Care-Arbeit erkundet wird – in Aufführung, Diskussion und gemeinsamen Plakat-Aktionen.

Zum Beispiel, wenn in einem Festival Künstler*innen und Publikum in der Wundenkammer sitzen und kollektiv schreiben: das Wörterbuch der Fürsorge, den Katalog der Viren oder den Atlas der Abtreibung.

Am Ende offenbart sich im Fokus Care auch das Perfide des Liebens. Denn wer immer jemanden pflegt, der wird an ihn gebunden. Oder, wie Nancy Folbre, die US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftlerin, schreibt: „Care workers become, in a sense, prisoners of love.“**

* Silvia Bovenschen: Lug und Trug und Rat und Streben, Frankfurt/Main: S. Fischer 2018, Seite 23.
** Nancy Folbre: Reforming Care, in: Politics & Society 36(3), Seiten 373-387, hier: 376, zitiert nach: Gabriele Winkler: Care Revolution. Schritte in eine solidarische Gesellschaft, Bielefeld: Transcript 2015, Seite 77.


Fokus Blinde Flecken/Blind Spots

Burg Hülshoff – Center for Literature arbeitet dezidiert daran, das Sprechen über Literatur zu demokratisieren. Um dies mit literarischen Mitteln zu unterstützen, ruft das Center im Fokus Blinde Flecken/Blind Spots eine Reihe von Projekten ins Leben, die sich mit den blinden Stellen unserer Gesellschaft beschäftigen. Andersrum gesagt: Zu den blinden Flecken gibt es immer auch sehende Ecken. Es gibt sie ja, die Stimmen, die für eine nicht nur weiße, nicht nur heterosexuelle, nicht nur männliche, nicht nur mittelständische, nicht nur christliche Literatur stehen.

Aber gut, wenn es schon um blinde Flecken geht, fangen wir bei uns selber an: Das Droste-Museum auf Hülshoff stellt exemplarisch den westfälischen Biedermeier aus. Rufen wir doch ein paar Kompliz*innen dazu, um zu testen, was uns der Biedermeier zu sagen hat – und wo sich dort Blickwinkel verstecken, die bisher keine oder keine große Rolle spielten. In experimentellen Führungen, Lectures und anderen Formaten wird das Center for Literature einzelne Objekte aus der Ausstellung neu herausstellen.

Was für ein globaleres Verständnis können wir so entwickeln? Denn das kulturelle Erbe, auf das wir uns berufen, kann immer nur unvollständig sein. Was kann uns zum Beispiel die Geschichte eines Mannes, der im 17. Jahrhundert in Ghana verschleppt, als Sklave nach Europa verkauft wurde und schließlich auf Burg Hülshoff als „Leibmohr“ landete, über Kolonialismus vor dem offiziellen Kolonialismus erzählen? Und wer erzählt uns so eine Geschichte heute? Was verändert sich, wenn People of Color sie erzählen? Welche Perspektiven schwirren dabei durch den Raum, und wie kann er genau dadurch ein gemeinsamer Raum werden?

Damit positioniert sich das CfL auch gegen Übermacht von Markstatistiken. In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat der Druck der Zahlen die Verlagslandschaft ausgehöhlt. Mehr und mehr ist es der Markt, der den Verlagen diktiert, welche Texte gedruckt werden sollen und welche nicht.

Jenseits von Buchpremieren, Buchpreisen, Buchmessen tastet das Center for Literature blinde Stellen des Betriebs und auch der in ihm entstandenen Literatur ab, von Marktgläubigkeit über Kolonialismus, Rassismus und Klassismus bis hin zu Hass auf Homosexuelle, Transgender und Menschen mit Behinderung.

Hier ist noch eine Menge aufzuholen. Packen wir es an. Mit allem, was wir zur Verfügung haben: Raum, Licht, Ton, Bild, Tastsinn, Geruch, Geschmack, Erinnerung, Glaube, Hoffnung, Liebe, Worte.

Denn „Worte können lösen – gut geölte Türen, die sich öffnen und schließen zwischen Absicht und Geste. Der Puls im Hals, die Wendigkeit der Hände, ein unwillkürliches Blinzeln, die Gespräche, die deine Augen führen, übersetzen alles und nichts.“*

* Claudia Rankine: Citizen, übersetzt von Uda Strätling, hg. von Jörn Dege und Mathias Zeiske, Leipzig: Spector Books 2018, Seite 79.


Fokus Bibliodiversität

Wie bei Biodiversität, ihrem Pendant in der Natur, geht es auch bei Bibliodiversität um Artenvielfalt. Der Begriff entstand übrigens als „bibliodiversidad“ im lateinamerikanischen Sprachraum der 1990er.

Literatur ist ein Ökosystem. Eines, in dem dynamische Gemeinschaften aus Büchern statt aus Pflanzen bestehen, aus Lyrikerinnen und Übersetzerinnen statt aus Tieren, aus Verlagen, Blogs und Magazinen statt aus Mikroorganismen – und ihre Umwelt wiederum besteht aus ISBN-Zahlen, Buchhandlungen und Buchhändler*innen, aus Anliegen und Wünschen, aus Schreibweisen und Stimmen derjenigen, die gesellschaftlich nicht unbedingt im Mittelpunkt stehen.

Das Center for Literature fühlt sich der bibliodiversidad, dem Artenschutz, verpflichtet. Es schlägt sich klar auf die Seite der Kleinen, jener, denen die Worte und Sätze am Herzen liegen, nicht Gewinnmargen. Schauen wir nur in die Geschichte: Ein Buch mit 50 verkauften Exemplaren kann Weltliteratur werden, während das mit 50.000 verschwindet.

„Die einheitlich aussehenden Tomaten im Supermarkt sind wie die gleich aussehenden Bücher, die aus riesigen Verlagshäusern kommen,“ schreibt die Australierin Susan Hawthorne über die mangelnde „Ökologie des Verlegens“. Und: „Sich als Lesende/r nur in den vorderen Bereich eines Buchladens zu wagen, ist ähnlich wie ein/e TouristIn, die/der Europa, Asien oder Afrika in fünf Tagen besucht!“*

In einer laufenden Serie wird das CfL sich also mit der Praxis des Verlegens und des Magazinmachens beschäftigen, mit dem Buch als Kunstwerk, nicht als Produkt, damit, in welchen Biotopen die Literatur der Gegenwart gedeihen kann – auch wenn sie zunächst als Unkraut oder eine andere Form des Scheiterns erscheint. Das heißt: Unabhängige Verlage, Zeitschriften, Initiativen stellen sich auf Burg Hülshoff oder im Rüschhaus vor.

Die große Frage, wie in Zeiten von Amazon und Digitalisierung Bücher und die Texte in ihnen aussehen können, findet in der Arbeit des CfL so viele unterschiedliche Antworten, wie es Projekte gibt. Vom feministischen Magazin über die mehrsprachige Edition bis hin zu Webblogs mit Lyrik in leichter Sprache oder Gedichtbände, die daherkommen wie Programmiercodes. Und es sogar sind!

* Susan Hawthorne: Bibliodiversität. Manifest für unabhängiges Publizieren, übersetzt von Doris Hermanns, Berlin: Verbrecher Verlag 2017, Seiten 91 und 93.


Fokus Dark Magic

Das 21. Jahrhundert ist da, und doch scheint die Aufklärung noch immer nicht vollendet. Ist sie es je? Vielmehr schlägt sie Volten. Die Mystik schien eine Weile verschwunden und kehrt wieder zu uns zurück.

Im Bereich Dark Magic stellt sich das Center for Literature den dunklen, magischen Kräften, die uns mal unsichtbar, mal sichtbar leiten. Und oft genug die Kehrseite des Lichten sind.

Nicht zuletzt auch durch Technologien: Unsere Smartphones, Tablets, Uhren verbinden uns mit einer Sphäre, die wir gar nicht sehen können. Daten werden übertragen, erspäht, ausgewertet/umgewertet und kommen zu uns zurück – als SPAM-Mail, Einkaufsempfehlung, Hass-Posting. „Dem Web, einem körperlich-affektiven und telepathischen Raum, haftet etwas Okkultes an, das an die spiritistischen Bewegungen erinnert“, schreibt Kenneth Goldsmith.*

Folgerichtig werden Séancen des 19. Jahrhunderts und Tarotspiele mit Motiven der Weimarer Republik zu den Formaten auf Hülshoff gehören.

Die Toten scheinen uns in unserem individuellen Alltag und in unseren Träumen immer nah, manchmal fast näher als die Lebenden. Doch immer waren Spuk und Horror in Literatur, Film und anderen Künsten auch Kristallisation gesellschaftlicher Ängste.

In künstlerischen wie wissenschaftlichen Forschungsprojekten beschäftigt sich das Center for Literature mit dem Gespenstischen der Gegenwart. Wie ist unser kulturelles Erbe, das zuletzt im European Year Of Cultural Heritage re-inszeniert worden ist, ohne seine Schattenseiten, die vielen Toten, den Kolonialismus, die Kriege, die Konzentrationslager, überhaupt zu verstehen? Wie können wir mit den Toten sprechen? Und wieso sollte ein Gespräch mit den Toten ausschließen, dass wir unser Leben feiern können?

In partizipativen Schreibprojekten, hauntologischen Musikworkshops und dem Remake von Stumm- und sonstigen Gespensterfilmen werden diese Fragen uns mehr Antworten entlocken, als wir haben. Wie bitte? „Ist es möglich, zu geben, was man nicht hat?“**

Unter den Fokus Dark Magic fallen aber auch die Einsamkeit und – mit ihr verbunden: Depressionen. Wie taucht Literatur in die Ängste, in den Tunnelblick von depressiven Menschen ein? Zuletzt gelang dies zum Beispiel Thomas Melle mit dem Roman Die Welt im Rücken eindrücklich. Und wie kann so ein Text, der im stillen Lesen die Beklemmung des Erzählers auf die Leserin überträgt, in einer öffentlichen Veranstaltung dazu beitragen, dass wir uns kollektiv über diese andere Form dunkler Magie verständigen? Können wir sie so gar enttabuisieren?

* Kenneth Goldsmith: Uncreative Writing. Sprachmanagement im digitalen Zeitalter, übersetzt von Hannes Bajohr und Swantje Lichtenstein, Berlin: Matthes & Seitz 2017, Seite 305.
** Jacques Derrida: Marx’ Gespenster. Der Staat der Schuld, die Trauerarbeit und die neue Internationale, Berlin: Suhrkamp Verlag 2004, Seite 45.