Event

Insektometrie

Anbauen!

11. September 2019 – 19:00 o clock to 22:00 o clock

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(c) Natalie Lindner

Bildschirme zeigen Ameisen bei der Arbeit. Aus Laut-sprechern brummt Musik – ist es Drone Music oder das Summen von Bienendrohnen? Zwischen Hüpfen und Fliegen geht es hin und her und hin. Es krabbelt, kribbelt und chiffriert.Insekten machen Kunst. Aus allen Himmelsrichtungen eilen sie herbei. Termiten, Glühwürmchen, Libellen, Wespen, Flöhe übernehmen das Droste-Museum und den Rinderstall der Burg Hülshoff und stellen aus. Sie stellen sich aus – und sie stellen aus, was wimmelnde Natur im 21. Jahrhundert noch bedeuten kann. Von wegen »ein großer Seufzer die Natur« (Droste-Hülshoff)!

Zusammen mit den sechsbeinigen Mitbewohner*innen der Erde bauen fünf Künstler*innen ganz ohne Seufzen und Ächzen ein neues Museum der Natur.

Die Lyrikerin Monika Rinck tut es mit Poesie; der Musiker Phill Niblock mit Akkorden, die in die Ewigkeit reichen (und in die Magengrube); die Videokünstlerin Katherine Liberovskaya stellt Überwachungskameras auf und filmt das beflügelte und krabbelnde Leben; und von der Choreografin Rosalind Goldberg und vom Bil-denden Künstler Michael Graessner stammen riesige Insektenlarven aus Wachs.

Die Körper der Insekten sind in Sektionen aufgebaut. Daher haben sie ihren Namen. Doch was ist zwischen den Sektionen? Intersections? Und wie intersektional müssen wir denken, um Ökologie im Erdzeitalter namens Anthropozän zu begreifen?

»Dass wir die Perspektive ändern müssen, ist klar, denn der sogenannte Humanismus übervorteilt seit jeher sehr viele Lebewesen. Wo mit Humanismus in erster Linie das Recht des weißen Mannes gemeint ist, in einer Hierarchie der Gattung alles auf diesem Planeten zu verwerten, sind seine Tage gezählt. Nun, da er begonnen hat, sich selbst zu gefährden, treten seine jahrhunderte alten Anmaßungen mit aller wünschenswerten Deutlichkeit hervor.« (Monika Rinck)

Doch wie die Perspektive von Insekten einnehmen?

Wir leisten Starthilfe, also: Immer herein! In diesem Museum werden all diese großen Fragen mit allen Sinnen gestellt und beantwortet. Wir können schauen. Wir können hören. Wir können fühlen, riechen, schmecken, berühren. Wir können Dinge formen und zerstören. Wir können tanzen.

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Insektometrie will receive its world premiere during the festival Natur am Bau (Constructing Nature/Nature at Work). For a few days, you will experience the museum at Burg Hülshoff very differently: there, insects make art. The poet Monika Rinck and additional artistic col-leagues have invented a museum that brings together insections and intersectionality. After all, how else can we reflect upon the future of the planet? And where else if not in a museum that stimulates all of our senses?

 

FIKTIVER TIME-TABLE FÜR INSEKTOMETRIE

DAS PROGRAMM DER GROSSEN INSEKTOMETRISCHEN BEGEHUNG!
• Die Anpassung der Bemöbelung an das insektoide Maß
• Konturen einer antropofugalen Neuvermessung der Welt
• Neuigkeiten aus der Brutstube
• Life-Übertragung aus dem neuangelegten Bestäubergärtchen
• Wesen, die sich selber anbauen
• Bauhaus für Bienen
• Die Mädchen und die Maden (Ein Walzer)
• Verkommenlassen für Fortgeschrittene (ein Workshop)
• THE PILE: Die surrende Summe
• Eine Kantate für Etliche Extinkte Stimmen
• the slow smokeless burning of decay
• Ein Parasiten-Museum
• Die flüsternde Kammer
• Befallsanalyse
• Habitat und Reservat
• Die Vertreibung der Nützlinge
• und vieles mehr

 

Schon die Luft, die Drostes Gedichte atmen, ist belebt. Es flirrt darin, zirpt, lispelt, surrt, knistert, girrt, es murrt, rieselt, summt, ruschelt und knirscht. Doch hört man auch Astgestöhn und Windesklagen. Ein Vogelsang, von Sturmesflügeln hergetragen. Darunter, im dunklen Boden, ein Knirren, Rütteln, Bröckeln und Krimmeln.

— Annette von Droste-Hülshoff

Drostes Unerschrockenheit, was den Kreislauf des Lebens angeht, gebietet Respekt. Furchtlos bedichtet sie die Verwertung des Leichnams durch Insekten, offenbar ohne jede Angst, selbst einmal verzehrt zu werden. Tod, Moder, Pein und Zorn. Und der Trost des pochenden Holzwurms, noch leise zu hören, er wird lauter: the ongoing Vermicomposting of Life. Die Dichterin geht nah heran, als sei ihre Lupe das Gedicht. Kleinste Lebewesen füllen das ganz große Bild. Die Größenverhältnisse verändern sich: Wir betreten die insektometrische Welt. Aus dem Nichts ertönt das Summen längst ausgestorbener Arten. Ein beflügelter Spuk – ein ganzer Schwarm Gespenster. Historische Insekten haben die Polster dieser Ottomane befallen, sie vermehren sich in menschenunmöglichem Tempo. Sie überrunden die menschliche Gattung, mehrfach. Dennoch sterben sie aus. Ihre Geister bilden dunkle Wolken, als stellten sie einen invertierten Hügel nach – dem Nichts zum Verwechseln ähnlich.
Monika Rinck


Anbauen! wird gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes und die Kunststiftung NRW. Das Projekt ist Teil des Jubiläumsprogramms 100 jahre bauhaus im westen des Ministeriums für Kul-tur und Wissenschaft des Landes NRW, des LWL und des LVR.