Event

Das Biedermeier-Phantasma #1: Spuk von Drinnen

Blinde Flecken/Blind Spots, Dark Magic

26. April 2019 – 17:00 o clock
26. April 2019 – 20:00 o clock

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© Anna Zett

Mit Lina Krüger und Anna Zett

Ein Gespenst geht um in Deutschland, das Neo-Biedermeier.

Im 19. Jahrhundert war das Biedermeier eine Reaktion auf das Ende der Napoleonischen Ära. Was machte diese Epoche aus? Der Rückzug ins Heim, ein intensiviertes Familienleben, Kammermusik, Sticken, Nähen.

Auch heute führen Globalisierung, Kriege und Flüchtlingsmigrationen zu einer zunehmenden Erschütterung der prästabilen politischen Landschaft. Das Krisengefühl ist permanent. Was folgt? Die Furcht vor der Geschwindigkeit des Lebens (wir werden überrannt), vor der Ohnmacht gegenüber globalen Dynamiken (wir werden überlaufen) und vor dem Verlust unserer Privatsphäre aufgrund der Digitalisierung der Welt (wir werden überwacht).

All das führt wieder zu einer Flucht in das Bewährte – ins private Zuhause. Die Eichenschrankwand ist wieder in, ebenso wie Handarbeit. Die Welt steht in Flammen, und die Menschen spinnen sich ein in ihren Kokon. Die Serie Das Biedermeier-Phantasma klopft mit dem Stimmhämmerchen an diese heile Welt. Samt aller geblümten Tapeten und dekorativen Biedermeiermöbel, aller Ritterrüstungen und überdimensionierten Wappen öffnet sich Burg Hülshoff einer Befragung der eigenen Geschichte, der eigenen Prämissen und der eigenen Phantasmen.

Und Phantasma heißt zwar im Denken Europas »inneres Vorstellungsbild«. Woanders aber (etwa in México) ist das Phantasma ganz einfach – ja! –: Gespenst.

 

My home is your castle.

— Annette von Droste-Hülshoff

In Teil 1 des Biedermeier-Phantasmas wird dann auch heimgesucht – von Stimmen, das heißt vor allem von der eigenen Stimme. Die feudalen Referenzen des Tarots treffen auf die revolutionären Mythologien der Moderne. Das Tarot-Kartenspiel Industrie und Glück, das die Künstlerin und Autorin Anna Zett entworfen hat, spielt mit Motiven – nein, nicht des Biedermeiers –, sondern der Weimarer Republik, also einer Zeit, die einen echten gesellschaftlichen Bruch bedeutete: den hin zur Demokratie. Der letze Rest Biedermeier verschwand aus den Städten. Und wie immer in turbulenten Zeiten verdichten sich auch die Widersprüche: Was bedeutet es, politisch und emotional, seine Stimme abzugeben? Wer hat keine Stimme, und wieso? Wie finde ich meine eigene Stimme, und wozu?

Begleitet von der Musikerin und Performerin Lina Krüger, legt Anna Zett die Karten ihres Decks in einer partizipativen Gruppensitzung. Die Stimmen aller Teilnehmenden werden aktiviert, um gemeinsam herauszufinden, was Karten wie »Der Rat der Nerven«, »Die Persona« oder die »Die Fünf der Papiere« bedeuten könnten. Hinhören, Einstimmen, Abstimmen, Widersprechen. Was stimmt? Was nicht?

In the series The Biedermeier Phantasm, we examine how we react to changes in the world: do we retreat to the private sphere or do we come to terms with things? To kick things off, the media artist Anna Zett and the musician Lina Krüger will read your tarot cards. The motifs on the cards do not come the repertory of castles and nobility, but instead from the Weimar Republic. What do votes and voices have to do with each other?


Die Reihe Das Biedermeier-Phantasma wird kuratiert von Jörg Albrecht und Manuel Gogos und ist eine Produktion von Burg Hülshoff – Center for Literature. Die Konzeption der Reihe wurde ermöglicht durch eine Förderung des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW.

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