Wohin gehen Texte, wenn sie wandern?

04.04.2019 ⋅ von Concha Puente Pueblas Larocque

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Prof. Dr. Sandra Richter verbindet Frankenstein, Werther und die literarische Praxis der Übersetzung in der ersten Key Note Lecture. (Foto: Sabrina Richmann)

Prof. Dr. Sandra Richter stellt Übersetzung als literarischen Schaffensprozess vor

„Why are texts travelling in translation?” fragen Jörg Albrecht, Thomas Köck und Gerhild Steinbruch am zweiten Tag der Denkfabrik in ihrer halb fiktionalen Rückschau auf den Eröffnungsabend im Format „Finding Documents/Missing Documents“. Damit knüpfen sie an die Ausführungen von Prof. Dr. Sandra Richter, Leiterin des deutschen Literaturarchivs in Marbach an, die am Abend zuvor über das Übersetzen von Literatur als Schaffensprozess gesprochen hatte.

„who was I
where did I come from
whence did I come”

Das fragt sich das fiktionale Monster in Mary Shelleys Gothic-Klassiker Frankenstein, als es Die Leiden des jungen Werther liest. Diese Fragen sind nicht nur tonangebend für die Denkfabrik und ihre Leitfrage „to belong or not to belong?“, sondern werfen im Hinblick auf Literatur auch die Frage nach Originalität auf, findet Richter. „Gibt es überhaupt Originale?“ fragt sie nachdem sie Shelleys ikonisches Monster als „radikalisierten Werther“ entpuppt hat. Am Beispiel von Goethes klassischem Briefroman und seinem tragischen Protagonisten (ein „toxischer männlicher Emo“ meinen Nazis & Goldmund) zeigt Richter auf, wie Texte sich gegenseitig bedingen und wie Übersetzungen nie nur den Austausch zweier Sprachen darstellen, sondern sich immer in einem Spannungsfeld aus Kultur, Politik und Zeitgeist bewegen. So ist eine Übersetzung selten eine Kopie des Ausgangstextes, sondern häufig das Resultat eines interkulturellen Transfers. Im Falle des Werthers, zensierte die erste Übersetzung (ins Französische) etwa den Suizid des namensgebenden Protagonisten und ließ ihn am Ende des Romans einfach verschwinden. Diese Übersetzung wurde wiederrum ins Englische übersetzt, die von weiteren solcher „künstlerischen Freiheiten“ geprägt war. Was heißt das für Übersetzungen im Allgemeinen? Müssen Übersetzungen dem Ausgangstext treu bleiben? Oder wandern vielleicht nicht nur Texte und ihre Autor*innen, sondern auch Inhalte in Zeiten der Globalisierung und schaffen so eine Art Intertext und Intersprache, deren transformierte Form ihre eigene Daseinsberechtigung haben?

Dass auch Übersetzungen beim Überqueren von Grenzen nicht wertungsfrei und vor allem nicht unpolitisch bleiben, zeigt Richter anhand einer Weltkarte auf. Auf der Internetseite German Literature Global wertet sie die Migration deutschsprachiger Literatur empirisch aus. Dabei fällt besonders im Falle des Werthers auf, dass zahlreiche Übersetzungen zwar im Westen und Osten erfolgt sind, jedoch nur wenige auf der südlichen Halbkugel. Lässt sich diese geografische Ungleichverteilung auf ein geringeres Interesse an deutscher Literatur im Süden zurückführen? Wohl eher nicht. Vielmehr scheinen die fehlenden Übersetzungen auch in post-kolonialen Zeiten für den fortwährenden Einfluss der ehemaligen Kolonialmächte zu sprechen.

Die großzügige Auslegung des Begriffs „künstlerische Freiheit“ betrifft nicht nur die erste und viele der folgenden Werther-Übersetzungen. Insbesondere im postkolonialen Diskurs ist die kulturelle Übersetzung von Literatur in vielen Fällen von Auslassungen und Umdichtungen geprägt, die einen Mangel an Respekt für den inhärenten kulturellen Wert der Ausgangstexte entlarven. So war es eine häufige Praxis von Übersetzer*innen Texte aus ehemaligen Kolonien nach Gutdünken „lyrischer“ oder „literarischer“ zu übersetzen – aber in jedem Fall konform mit westlichen Vorstellungen. Können Texte Grenzen also unversehrt überqueren?

Ausgangstext und Übersetzung gehören irgendwie zusammen. Eine Einheit bilden sie nur manchmal. Der Preis einer globalen Existenz scheint in vielen Fällen ein (Teil-)Verlust der ursprünglichen Identität zu sein, meint Richter und spricht dabei wohl nicht nur über Literatur.

“why are texts travelling in translation?
travelling and travelling and travelling and travelling
until they are lost in transformation”


Concha Puente Pueblas Larocque
Concha ist Master Studentin in ihrem letzten Semester an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Als Migrantin dritter Generation durfte sie sich dank ihrer fünf Namen – ja, einen zweiten Vornamen gibt es auch – bereits unzählige Male der Gretchenfrage „Wo kommst du eigentlich her?“ stellen. Erste Schreiberfahrungen konnte sie während ihrer achtjährigen Tätigkeit für eine Lokalzeitung sammeln. Mittlerweile schreibt sie nicht mehr über die Generalversammlungen wahnwitziger Kleinstadtvereine, sondern über Bücher: Auf #bookstagram rezensiert sie ihre Lieblingsschmöker unter minutiös inszenierten Buchfotos (Stichwort flatlay). Ihre Masterarbeit schreibt sie trotzdem lieber in Film Studies zur Repräsentation von Transfrauen.