Wir scharen uns um Wunden

06.04.2019 ⋅ von Annika Reketat

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Fabian Lettow und Mirjam Schmuck (kainkollektiv) Copyright: Sabrina Richmann

commūnitās, Lateinisch, feminin (Subst., kons. Dekl.): Gemeinschaft, Gemeinde, Gemeinschaftsgefühl.

Ein Gefühl, das entsteht, wenn sich Menschen über eine Gemeinsamkeit als zusammengehörig definieren. Nationalität, Heimatland, Sprache. Ich setze ein Häkchen hinter alle drei: deutsche Staatsbürgerin - check; in Deutschland geboren - ckeck; Deutsch als Muttersprache - check. Die communitas vergewissert sich ihrer Gemeinschaft unermüdlich, indem sie das Gemeinsame betont. Und wenn alle paar Jahre diese Zugehörigkeitsmerkmale in einer Zelebration der Selbstvergewisserung kulminieren (aka Fußballweltmeisterschaft), dann müsste ich mich doch eigentlich fühlen wie getragen auf einer La-Ola-Welle des Gemeinschaftsgefühls. Check check check check check check

Wann habe ich zuletzt Gemeinschaft gefühlt? Sicherlich nicht auf der Straße beim kollektiven Rudel-Johlen und Raunen.

In ihrem Beitrag Lecture zu Sprach-, Musik- und Körperarbeit zwischen zwei Kontinenten berichten Mirjam Schmuck und Fabian Lettow, die zusammen das kainkollektiv bilden, davon, wie eine andere Interpretation von communitas Gemeinschaft als etwas Verwundbares beschreibt. Sie beziehen sich dabei auf den Philosophen Roberto Esposito, der Gemeinschaft mit der etymologischen Herkunft von communitas verbindet

Communitas = cum munus.

Munus, Lateinisch, neutral (Subst., kons. Dekl.): Aufgabe, Bürde, Pflicht, Gabe, Amt

Gemeinschaft geht aus munus hervor, dem Erkennen eines Mangels, eines missing link, einer Lücke, die es zu füllen gilt.
Wir scharen uns um Wunden. Gemeinschaft entsteht nicht durch geteilten Besitz, sondern ist gelebte und geteilte Erfahrung von Verwundbarkeit und eine geteilte Last, Wunden zu schließen.

Kainkollektiv nehmen sich in ihren Projekten einer Wunde an, die wir nicht als solche erkennen, die wir verheilt glauben, weil wir ihr nie erlaubten, zu bluten. Eher ein Trauma, etwas Verdrängtes, ein blinder Fleck. Und sie nehmen den blinden Fleck von Kolonialismus im deutschen Bewusstsein zum Anlass, um mit Sprach-, Musik- und Körperarbeit zwischen Europa und West-Afrika eine communitas zu schaffen, die diese Lücke nicht unbedingt füllt, sondern verhandelt und überhaupt erst sichtbar macht.

Wir sind verletzbar, unsere Körper sind es, und so ist es auch die communitas. Gemeinschaft sollte keine Belohnung für die sein, die eh dazugehören, weil sie die "richtige" Sprache sprechen, die "richtige" Nationalität haben, oder im "richtigen" Land geboren sind. So eine Gemeinschaft ist ein passives, starres Konstrukt, eine Leere in sich, die auch nicht gefüllt werden kann durch Fahnenschwenken und Vuvuzela-Tröten. Gemeinschaft muss lebendig sein, und lebendig ist man, wenn man verletzbar ist. Unsere Verletzbarkeit ist das, was wir alle teilen.


Annika Reketat
Annika Reketat (Bachelor in Kultur- und Sozialanthropologie & Anglistik/Amerikanistik; zurzeit Master-Studentin der National and Transnational Studies) hat sich während ihres Studiums kaum thematischen Grenzen gesetzt, bis die Grenze selbst zum Thema wurde in ihrer Abschlussarbeit über die Territorialisierung literarischer Landschaften. Inzwischen widmet sie sich Fachgebietsgrenzen überschreitend den Verbindungen zwischen (öffentlichem) Raum, politischem Protest, Gedächtnisforschung und künstlerischem/literarischem Aktivismus. Sie würde gerne Zeit- und Raumgrenzen sprengen können, um einmal mit ihren akademischen und literarischen Idolen Margaret Atwood, Gloria Anzaldúa, Doreen Massey und Octavia Butler zusammen an einem Tisch zu sitzen. *Auch berufsbezogen fährt sie keine durchgehende Linie: Als freiberufliche Autorin gibt sie online Nachhaltigkeits-Ratschläge und am Centrum für Hochschulentwicklung arbeitet sie für den Monitor Lehrerbildung.*