willkommen beim karneval der wirklichkeit: eine utopie (fast) für jeden

05.04.2019 ⋅ von Hannah Essing

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miroslava svolikova, copyright: sabrina richmann

miroslava svolikova trinkt ein glas milch. sie trägt mickey-mouse-ohren und roten lippenstift. alles teil der performance. aber viel wichtiger: miroslava svolikova spricht über europa. sie liest. sie erzählt.

in ihren texten europa flieht nach europa und diese mauer fasst sich selbst zusammen und der stern hat gesprochen, der stern hat auch was gesagt spricht sie über europa. europa personifiziert. europa, die die gäste des "karnevals der wirklichkeit" mit kuchen bewirft. sollen sie doch kuchen essen, kommt einem in den sinn. europa, die sich entblößt und ihre unzähligen zitzen zeigt. "jeder muss selber schauen", sagt sie trotzdem "wer sich nicht bemüht, bekommt auch keine milch. ich habe nichts zu verschenken. ich kann nicht alle adoptieren".

und auch wenn das publikum lacht darüber, wie miroslava svolikova spielt mit

den worten
und bedeutungen
und den bildern in unserem kopf
und über die rollen in dem stück

europa
ein kind als hexe verkleidet
kleine könige mit plastikschwertern und mc-donalds-kronen
ein gelehrter (oder ist er ein conquistador?)
und ein priester, der weisheiten von sich gibt wie

"wir müssen das salz der erde sein, und es den blinden in die augen reiben"
und
"eher geht ein vollbeladenes kamel durchs nadelör, als ein hungerndes kind, sage ich immer"

ein weinendes und ein lachendes auge, letztendlich. denn die klugen wortspiele und die absurden szenarien, die das publikum zum lachen bringen, klingen ein wenig zu vertraut, oder?

ein wenig zu vertraut, wenn europa spricht.
ein wenig zu vertraut, wenn sie sagt

"gerechtigkeit für alle. wann? bald. also wirklich, bald."
und
"für wen? für alle. also prinzipiell, für alle. also nicht, für alle, sofort, für alle. also schrittweise für alle. schritt-weise."

ein wenig zu vertraut, wenn sie sagt
"alles renkt sich ein, wenn man auf der richtigen seite steht."
und
"es haben nicht alle platz unter meinem rock. wer seinen eigenen rock verbrennt, kann nicht zum nächsten laufen, wo es noch warm ist, und wo noch stoff dran hängt. das funktioniert so nicht."

einen spiegel vorgehalten zu bekommen kann schmerzhaft sein. frag mal medusa. zwölf goldene sterne, ein kreis. und doch nicht die vollkommenheit und einheit, für die sie stehen. was tun, wenn das bild von uns selbst nicht zur realität passt?

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miroslava svolikova reicht die gelesenen seiten ins publikum. copyright: sabrina richmann

ist miroslava svolikova fertig mit dem vorlesen einer seite, reicht sie sie ins publikum. „gib das weiter,“ sagt sie zu der person, die am nächsten sitzt zu ihrem kleinen tisch mit dem milchglas. das publikum tut wie geheißen, nicht ohne verwirrung im gesicht werden die blätter mit dem kleingedruckten text weitergegeben. manche nehmen sie mit nach hause. so wie das bild von europa, das in den texten gemalt wurde. das sitzt tief.

"ich hab ja nur die ideen verteilt," sagt europa. "ich hab ja nur die utopien verteilt, es soll jeder eine haben". und sie ergänzt: "also mein gott, ja, fast. fast für jeden. ja. für die paar, die da sind, meinetwegen."


Hannah Essing
Hannah Essing, ursprünglich aus Essen, hat es zum Studium in die weite Welt gezogen: nach Zypern, Armenien – und Bayern. Inzwischen ist sie zurück in Nordrhein-Westfalen und macht ihren Master in „National and Transnational Studies“ in Münster. Danach hat sie vor, so viele Ecken dieser Welt wie möglich zu sehen, ein Buch zu schreiben und sich einen Hund zuzulegen. Sie schreibt als freie Autorin, spricht gerne im Radio und manchmal macht sie Videos und bloggt. Ihre Lieblingsthemen sind intersektionaler Feminismus, Pop Culture und alle Themen, bei denen beides aufeinander trifft, soziale Gerechtigkeit und Chancengleichheit – dafür schlägt ihr Ruhrpottherz nun schon seit einem Vierteljahrhundert.