#vonhier: Über Namen, Adjektivliteratur und ungewollte Sauerlandgeschichten

05.04.2019 ⋅ von Concha Puente Pueblas Larocque

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Autor Max Czollek sprach in seiner Key Note Lecture in der Baracke in Münster über die Entstehungsgeschichte des Volksgedankens und der resultierenden Verantwortung für Autor*innen. (Foto: Sabrina Richmann)

Als meine Klassenlehrerin in der allerersten Stunde am allerersten Tag meiner Grundschulzeit mit monotoner Stimme die Namensliste vorliest, stockt sie nach mehreren vertrauten Hendrik-Anna-Lisas plötzlich. „Oh das ist aber ein sehr langer Name“, kündigt sie an und reißt die anderen Mitschüler*innen aus ihrer Monotonie. Die Reaktionen, die sich als Konsequenz aus dieser ersten Erfahrung jahrelang in vielen folgenden solcher Situationen einstellen - ein krampfhaftes Zusammenziehen im Bauch, das blitzschnelle Abwägen meiner Optionen (korrigieren oder akzeptieren?) und ein sich wappnendes Schlucken, weil ein Kommentar in jedem Fall unausweichlich ist – kenne ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Nachdem Frau W. einen Namen nennt, der mit viel Fantasie wohl meiner sein könnte, folgt Gelächter von den Mitschüler*innen, ein Tränenausbruch von mir und die Frage, „Woher kommst du denn?“ Brennenden, verwirrten Scham empfinde ich damals (wieso eigentlich?). Fremdgemacht, würde ich das heute nennen. Bis zu diesem zukunftsweisenden Moment war mir nie in den Sinn gekommen, dass ich, aufgewachsen in einer Kleinstadt Westfalens, die den Dorfstatus noch nicht lange hinter sich gelassen hatte, nicht „deutsch“ genug (was auch immer das heißt) sein könnte.

Unter dem Hashtag #vonhier wurde auf Twitter kürzlich genau diese Thematik hitzig diskutiert. Muss die Frage „Woher kommst du?“ bei Menschen mit Migrationshintergrund als selbstverständliche, gutgemeinte Neugierde verstanden werden, darf sie als fortwährende, unangenehme Erinnerung an das Nicht-Dazu-Gehören abgelehnt werden oder handelt es sich dabei etwa schon um Rassismus? Auslösend war der Auftritt der kleinen Melissa aus Herne bei „Das Supertalent“, die in ein (mutmaßlich) traditionelles thailändisches Gewand gekleidet auch auf mehrmaliges Nachfragen eines Dieter Bohlen nur recht hilflos wiederholen konnte, dass sie aus Herne sei.

Als Mensch mit Migrationshintergrund, stellt sich die Frage, muss ich mich und meine Identität fortwährend gegenüber (fremden) Menschen rechtfertigen? Lehnt man es ab, an der Kasse, beim Arzt, als Mitarbeiterin im Callcenter oder beim Kennenlernen auf Partys die Fragen nach der Herkunft zu beantworten, trifft man auf Empörung, Unverständnis und Rechtfertigungsversuche. „War nicht böse gemeint“, „Wir fahren jedes Jahr nach Mallorca in den Urlaub“, „Ich esse richtig gerne Tapas“, „Oh, eine temperamentvolle Frau“ und „Das klingt halt so exotisch“ sind die Äußerungen, die folgen. Wie mit vielen Dingen, ist es auch bei der Frage nach jemandes Herkunft die Menge, die das Gift macht. Ich unterstelle den Fragenden keine böse Absicht. Wohl aber ein Mangel an Empathie und die offenbar tief verankerte Fehlvorstellung, dass es ihr gutes Recht sei, als eine der ersten Fragen in einem Gespräch, jemandes persönliche Familiengeschichte – und das ist sie ja per se – einzufordern.

Journalistin Vanessa Vu meint in ihrem Kommentar für Zeit Campus dazu, sie sei „keine Antwort schuldig“ und Ferda Ataman nennt diese Praxis in ihrer Kolumne für den Spiegel eine „verbale Ausbürgerung“. Max Czollek, der in seiner Key Note Lecture für die literarische Denkfabrik unter dem Titel Gegenwartsbewältigung - Kunst als Symptom und Heilung! die Entstehungsgeschichte des Volksgedanken rund 250 Jahre bis Herder zurückverfolgt, erkennt in der Frage „Wo kommst du her?“ neovölkisches Denken. Integration als politische (Ein-)Ordnungskategorie entlarvt er in diesem Zusammenhang als schein-offenes Modell der Zugehörigkeit. Dies werde in der Diskriminierung von Migrant*innen zweiter und dritter Generation deutlich.

Bis vor einiger Zeit, habe ich mir nicht eingestehen wollen, dass die Tatsache, dass mein Chef mich an meinem ersten Arbeitstag im Callcenter einer der „20 führenden Erstversicherungsgruppen“ darum bat, am Telefon nur einen und bitte den am wenigsten fremd klingenden Nachnamen zu verwenden (,um ältere Leute „nicht zu beunruhigen“) eine Form der Diskriminierung ist. Etliche Male habe ich mich für die „Umstände“ entschuldigt die mein unbequemer Name mit seiner Tabellen-Spalten-sprängenden-Länge den Menschen in meiner Umgebung verursacht und für die Tatsache, dass ich kein Spanisch spreche (nein, ehrlich nicht). Dieser Diskurs geht nicht spurlos an einem vorbei. Es beschämt mich zuzugeben, dass ich in einer Mieterselbstauskunft schon mal darauf verzichtet habe, meinen ersten Vornamen anzugeben und mich stattdessen mit meinem zweiten Vornamen Maria auf sichererem Terrain wähnte (Maria nach meiner Oma-Maria, die sich in Deutschland über 40 Jahre lang Maria nannte, obwohl sie eigentlich Lopecina hieß, was ich erst mit 18 Jahren herausgefunden habe – wie krank, bzw. wie verinnerlicht ist das bitte?).

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Maria Milisavljevic arbeitet international als Dramatikerin. Aufgewachsen ist sie in einem Dorf im Sauerland. (Foto: Sabrina RIchmann)

Maria Milisavljevic, die in einem Dorf im Sauerland aufgewachsen ist, berichtet in der Podiumsdiskussion zum Thema „Transcultural Society“ unter der Moderation von Johanna-Yasirra Kluhs ebenfalls von Diskriminierung, die sie, so sagt sie selbst, ungern als solche akzeptieren möchte. Verleger nehmen sie aufgrund ihres Namens in einem bestimmten Kontext war. Schreibt die Dramatikerin Stücke über vier junge Geflüchtete oder Krieg, sind diese anschließend auf der Bühne zu sehen. Ihre Stücke über Katholizismus im Sauerland oder Totalitarismus will man nicht sehen – zumindest nicht hier und nicht unter ihrem Namen, so scheint es. Jaja, Namen sind ein zweischneidiges Schwert und passend zur Frage der Podiumsdiskussion (What’s Art Got To Do With It?) führt Max Czollek an dieser Stelle das Beispiel der Adjektivliteratur an. So schaffe die Zuschreibung bestimmter Adjektive für zu veröffentlichende Texte, zum Beispiel „jüdisch“, „queer“ oder „migrantisch“, zwar einen Referenzrahmen, der in manchen Fällen sogar als Akt der Selbstermächtigung verstanden werden könne, gleichzeitig diene diese politische Verortung aber auch der besseren Vermarktung der Texte.

Am Ende des Abends frage ich mich: Kann ich mich dagegen wehren, in Kontexte eingeordnet zu werden, in denen ich mich nicht sehe und lohnt es sich, darüber nachzudenken? Wie viele Generationen müssen Menschen in einem Land aufgewachsen sein, bis sie aufhören zu migrieren und endlich wirklich #vonhier sind? Darf ich deutsch sein? Möchte ich das überhaupt? Wieso macht es mich so wütend, durch diese Fragen ausgegrenzt zu werden, obwohl mein Deutsch-Sein und alle sonst wie National-Sein mir doch eigentlich gar nicht wichtig sind? Wie kann ich diese widersprüchlichen Bedürfnisse in Einklang bringen? Kann ich mich selbst diesem fast intrinsischen Zwang des Denkens in Kategorien nicht nur als sein Objekt, sondern auch als denkendes, sprechendes Subjekt am Ende entziehen, wenn ich es nur genug will?

Soundtrack dazu:

*leider nach 24 Jahren immer noch brandaktuell


Concha Puente Pueblas Larocque
Concha ist Master Studentin in ihrem letzten Semester an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Als Migrantin dritter Generation durfte sie sich dank ihrer fünf Namen – ja, einen zweiten Vornamen gibt es auch – bereits unzählige Male der Gretchenfrage „Wo kommst du eigentlich her?“ stellen. Erste Schreiberfahrungen konnte sie während ihrer achtjährigen Tätigkeit für eine Lokalzeitung sammeln. Mittlerweile schreibt sie nicht mehr über die Generalversammlungen wahnwitziger Kleinstadtvereine, sondern über Bücher: Auf #bookstagram rezensiert sie ihre Lieblingsschmöker unter minutiös inszenierten Buchfotos (Stichwort flatlay). Ihre Masterarbeit schreibt sie trotzdem lieber in Film Studies zur Repräsentation von Transfrauen.