Über Zuhause, Privilegien und Kultur: Warum wir einfach mal zuhören sollten

05.04.2019 ⋅ von Annika Reketat

2019-04-04-denkfabrik-sabrinarichmann-fotografie-17
Copyright: Sabrina Richmann

Dan Thy Nguyen, Theaterschaffender in der freien Szene, spricht über eigene Erfahrungen mit Verortungsschwierigkeiten (Verortungs-Unwilligkeit?), fragt sich, wer überhaupt sprechen darf, und warum Dekonstruktion das Prinzip der Konstruktion einer pluralistischen Gesellschaft ist. Autorin Annika Reketat nimmt seine Zitate zum Anlass, um über Zuhause, Zugehörigkeit und Kultur zu reflektieren.

„Wenn es um Zugehörigkeit geht, kann ich keine genaue Verortung benennen“

Wenn Zuhause der Ort ist, wo du nur schläfst, wenn du weißt, dass neben dem Bett ein Knüppel liegt, bereit von Angst-zitternden Händen gegriffen zu werden, falls/wenn…. Wenn Zuhause der Ort ist, wo Wind durch das steinwurfzerschmetterte Fenster weht. Wenn Zuhause der Ort ist, wo neben dem steinwurfzerschmetterten Wind-Fenster neben der verriegelten Guckloch-Tür neben dem zerkratzten Klingelschild „Ausländer raus!“ steht. Wenn Zuhause der Ort ist, wo du nicht sicher bist, weil die Polizei nicht kommt, wenn du sie rufst.

Wenn Zuhause so ein Ort ist, dann kommt vielleicht die Fähigkeit abhanden, sich zugehörig zu fühlen, meint Dan Thy.

Zuhause, das ist nämlich wieder so ein Diskurs eines linearen Lebens, in dem Zugehörigkeit eine Erfahrung ist, die als Ausschlussmechanismus funktioniert. Zuhause ist der fixe Dreh- und Angelpunkt eines Lebens, das nicht herausgerissen ist aus der Geschichte, das nicht zerrüttet ist durch Diskontinuitäten, zwischen hier und damals, dort und jetzt. Zuhause, das ist nur in einem linearen Leben Beständigkeit, Sicherheit, und bürgerliche Utopie und Möglichkeit zur Verortung.

Für Menschen, die ein nicht-lineares Leben führen, für Geflüchtete und immer-noch-im-Hier-und-Jetzt-Fliehende, für Wandernde, für Unbeständige, für Unverwurzelte (Entwurzelte?), für diese Menschen ist Zuhause niemals selbstverständlich, Verortung niemals selbstverständlich. Bedeutet das Existenzlosigkeit oder Freiheit?

„Ich spreche über alles, nur nicht Integration und Zugehörigkeit“

Zugehörigkeit, fragt Dan Thy, ist es eigentlich das, was Migrant*innen, Geflüchtete, People of Colour tatsächlich wollen? Zu etwas Bestehendem dazuzugehören, Teil davon zu sein? Sich einzufügen, sich zu integrieren? Wenn dieses Bestehende sich doch kontinuierlich erneuert und am Leben erhält durch Ausschluss eben jener, von denen erwartet wird, sich zu integrieren?
Wer spricht eigentlich über Integration und Zugehörigkeit? Wer erschafft diesen Diskurs, diese gesellschaftliche Realität? Ich bin das, und du vermutlich auch und so gut wie jede/r andere, für die/den Integration etwas ist, das andere – „die Anderen“ – zu tun haben. Für die/den Zugehörigkeit etwas ist, das nicht erst ausgehandelt werden muss, sondern das einfach so „da“ ist. Zugehörigkeit, das ist ein Privileg.

Ein Privileg, das erlaubt, sprechen zu können und gehört zu werden, Narrative eines linearen Lebens zu erschaffen und es dadurch zu normalisieren. Weil ich zugehörig bin, habe ich eine Stimme, die gehört wird. Weil ich zugehörig bin, sollte ich auch einfach mal schweigen, und zuhören.

Und wenn ich Dan zuhöre, dann spricht er nicht über Zugehörigkeit, so wie ich sie erfahre. Er spricht über etwas Eigenes. Eigene Narrative, die zerstören, zerrütten, aufbegehren gegen das Ordinäre, Ausdruck sind eines Nicht-Willen zur Integration. Stattdessen Aufruf sind zur Revolution – oder Reformation, wie ihr wollt. Denkmuster aufbrechen, darum geht es. Das Benennen von Rassismus reicht nicht – Strukturen müssen sich ändern.

„Dekonstruktion ist ein Prinzip der Konstruktion“

Dan war oft derjenige in Gremien, Jurys, und Kultur-Institutionen, den diese „empowern“ wollten: Geflüchtet, war er, Hunger, Armut, das nicht-privilegierte-Zuhause. Und nun würde man ihm die Gelegenheit geben, seine Stimme zu erheben. Sie würde ihm eine Stimme geben. Wir empowern dich, Dan. Doch das reicht nicht.

Kulturinstitutionen entscheiden darüber, wie wir uns kulturell identifizieren: mit welchen Texten, Bildern, Gedanken, Visionen. Und wenn wir nur die darin zum Wort kommen lassen, die ohnehin das Sagen haben, wie kann sich dann etwas ändern? Eine pluralistische Gesellschaft entsteht durch Dekonstruktion als Prinzip der Konstruktion – Altes aufbrechen, die gläserne Decke zerstören, und Hierarchien auflösen: „Die Anderen“ müssen es sein, die sprechen können zu ihren eigenen Bedingungen. Und wir, wir hören einfach mal zu.


Annika Reketat
Annika Reketat (Bachelor in Kultur- und Sozialanthropologie & Anglistik/Amerikanistik; zurzeit Master-Studentin der National and Transnational Studies) hat sich während ihres Studiums kaum thematischen Grenzen gesetzt, bis die Grenze selbst zum Thema wurde in ihrer Abschlussarbeit über die Territorialisierung literarischer Landschaften. Inzwischen widmet sie sich Fachgebietsgrenzen überschreitend den Verbindungen zwischen (öffentlichem) Raum, politischem Protest, Gedächtnisforschung und künstlerischem/literarischem Aktivismus. Sie würde gerne Zeit- und Raumgrenzen sprengen können, um einmal mit ihren akademischen und literarischen Idolen Margaret Atwood, Gloria Anzaldúa, Doreen Massey und Octavia Butler zusammen an einem Tisch zu sitzen. *Auch berufsbezogen fährt sie keine durchgehende Linie: Als freiberufliche Autorin gibt sie online Nachhaltigkeits-Ratschläge und am Centrum für Hochschulentwicklung arbeitet sie für den Monitor Lehrerbildung.*