(Um-)Wege des Verstehens

05.04.2019 ⋅ von Concha Puente Pueblas Larocque

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Lina Atfah liest aus ihrem Gedichtband *Das Buch von der fehlenden Ankunft*, Hellmuth Opitz liest die Übersetzung. (Foto: Sabrina Richmann)

“ كأن الخرائطَ وهمٌ وحصَّتَهم في الحياةِ هروبٌ”

sagt Lina Atfah und schaut dabei mit durchdringendem Blick ins Publikum. Sie steht auf und liest ihr Gedicht unter dem Titel Am Rande der Rettung - على هامشِ النجاة auf Arabisch vor. Ihre Hände bewegen sich zaghaft durch den Raum, mit treibendem Rhythmus und lebhafter Mimik versucht sie, Bedeutung zu vermitteln, die in den Klängen der mir fremden Sprache zunächst verborgen bleibt. Gebannt hören ihr die Teilnehmer*innen der Denkfabrik zu. Aus dem Zusammenspiel aus Mimik, Gestik und Atfahs suchendem Blick lassen sich erste Bedeutungsfetzen erahnen.

“ als seien die Landkarten Illusionen
und als sei ihr Anteil am Leben die Flucht“

liest Hellmuth Opitz. Fast klingt noch ein Echo Atfahs Stimme durch den Raum und aus den Klängen wird plötzlich Bedeutung. Übersetzung und Original sind sich hier ganz nah, überlagern sich im Gartensaal des Haus Rüschhaus. Die Übersetzung spricht dabei nicht für sich, ist keine abgeschlossene Entität. Vielmehr ergibt sich erst durch den Rückgriff aus Atfahs besonderen Vortrag, die Melodik ihrer Stimme, die suchenden Bewegungen ihrer Hände und ihr wissender Blick, ein klares Bild.

Übersetzung funktioniert an dieser Stelle nicht länger nach dem Hierarchiegefälle von Norden nach Süden, das Prof. Dr. Richter am Vorabend in ihrer Key Note Lecture zur Übersetzung vorstellte. „Sprache ist Luxus“ heißt es in dem Gedicht Das Buch von der fehlenden Ankunft von Atfah, und es ist schwer, in diesem Moment nicht die Schwere dieser Feststellung zu spüren. „Wer seid ihr eigentlich? Was wollt ihr?” werden Geflüchtete in Atifahs Gedicht gefragt. Wie oft berichten Menschen, die kein Deutsch sprechen, noch immer von der Selbstverständlichkeit der an sie gerichteten Sprach-Erwartungen und dem abfälligen Unverständnis, sollten diese nicht erfüllt werden. Sprache ist Luxus, Sprache ist Macht. Konfrontiert mit einer uns fremden Sprache, sind wir vereint in unserem Unverständnis. Für 20 Minuten erleben wir die Barrieren, die sich für diejenigen auftun, die ihre Heimat verlassen müssen und in ihrer neuen Heimat – weder Wahl- noch Wunsch- sondern Not-Heimat – Unverständnis (er-)leben. Nur, dass von uns keiner den Tod fürchten muss. Oder Hunger. Oder Ablehnung. Für die Dauer eines auf Arabisch gesprochenen Gedichts halten wir die Ungewissheit aus – so gerade eben. „Ich möchte nicht unter Zwang lernen” sagt das lyrische Ich und ich verstehe was gemeint ist.

Atfah hat in Damaskus arabische Literatur studiert und erzählt in ihrem ersten Gedichtband Buch von der fehlenden Ankunft von der immerwährenden Flucht. Von Menschen die Grenze um Grenze überqueren und doch nicht ankommen. In dieser besonderen Art des Vortrages fordert sie ihre Zuhörer*innen haraus – es scheint als würde die Poetin sagen: lasst Mehrdeutigkeiten zu, nimmt Unklarheiten hin, übt euch in Geduld. Dabei wird die Gleichzeitigkeit zweier Orte vermittelt: das Hier in dem Atfah ihre Gedichte vorträgt und das Dort, das immer in ihren Worten mitschwingt.

Dort ist Heimat. Dort ist Verbundenheit. Dort ist: all jene Dinge, die vor der Flucht in dem Koffer verstaut werden, zu dem das Herz vor dem Abschied werden muss.

Soundtrack dazu:


Concha Puente Pueblas Larocque
Concha ist Master Studentin in ihrem letzten Semester an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Als Migrantin dritter Generation durfte sie sich dank ihrer fünf Namen – ja, einen zweiten Vornamen gibt es auch – bereits unzählige Male der Gretchenfrage „Wo kommst du eigentlich her?“ stellen. Erste Schreiberfahrungen konnte sie während ihrer achtjährigen Tätigkeit für eine Lokalzeitung sammeln. Mittlerweile schreibt sie nicht mehr über die Generalversammlungen wahnwitziger Kleinstadtvereine, sondern über Bücher: Auf #bookstagram rezensiert sie ihre Lieblingsschmöker unter minutiös inszenierten Buchfotos (Stichwort flatlay). Ihre Masterarbeit schreibt sie trotzdem lieber in Film Studies zur Repräsentation von Transfrauen.