Die Relativität der Abenddämmerung

05.04.2019 ⋅ von Concha Puente Pueblas Larocque

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"To Whom Belongs The Red Dusk Of The Southern Seas?", fragte die kroatische Schrifstellerin Ivana Sajko sich in ihrem gleichnamigen Text. (Foto: Sabrina Richmann)

„Alles eine Frage der Perspektive“, sagen wir häufig. Zum Beispiel, wenn es um die Frage geht, ob der neue Spiegel lieber links, rechts oder über dem Sessel hängen soll. Dass auch die Abenddämmerung eine Frage der Perspektive ist, macht die kroatische Schrifstellerin Ivana Sajko in ihrem Text To Whom Belongs the Red Dusk of the Southern Sea deutlich.

Zusammen mit ihrer Übersetzerin Alida Bremer hat sie sich für die deutsche Übersetzung auf den Titel „Wem gehört das Abendrot an den Meeresküsten im Süden unseres Kontinents?“ geeinigt. Noch bevor es nämlich an die eigentliche Übersetzung des Textes ging, stellte sich den beiden bereits im Titel die Frage nach der Perspektive. „Southern Sea“ lege in der Übersetzung „Südsee“ nahe berichten sie vor der Lesung. „Südlich von wo?“, fragt man sich da. Das Mittelmeer, das später Bezugspunkt für ihre verschiedenen Erzählerstimmen sein wird, liege aber nur für die wohlhabenden Menschen in Europa im Süden. Menschen weiter südlich des Gewässers, das in vielen Fällen Anfang und Ende unseres Empathievermögens zu sein scheint, würden das Meer unter Umständen sogar als „Nordsee“ empfinden, vermerkt Sajko trocken.

Dass Situationen, je nach geografischem Bezugspunkt, je nach Perspektive, völlig unterschiedlich erlebt werden, ist auch in ihrer Lesung ein wiederkehrendes Motiv. Über das Bild der untergehenden Sonne an den Meeresküsten im Süden „unseres“ Kontinents verdeutlicht sie die Ambiguität des Begriffes Zugehörigkeit. Auf einem „Fels auf der Insel, deren Name du nicht auszusprechen vermagst“ prallen Realitäten aufeinander und gehen eine eigentümlich widersprüchliche Zusammengehörigkeit ein. Die Abenddämmerung verbindet hier nicht nur den beseelten Touristen, der am Ende eines angenehmen Urlaubstages darüber sinniert, „wie wenig man zum Glück braucht“, mit der Frau, die versucht, das spektakuläre Farbenspiel auf ihrem Handy festzuhalten. Sie verbindet diese beiden in diesem Moment auch mit dem Geflüchteten, der von einem Ort ohne Strom, Lebensmittel, Wasser oder Medikamente an einen anderen Ort ohne Strom, Lebensmittel, Wasser oder Medikamente gelangt ist und den Sonnuntergang in eine goldene Folie gewickelt vom selben Felsen, auf der selben unaussprechlichen Insel der Mittelmeerküste verfolgt.

„Schrecklich“, wundern wir uns höflich:
„Wer könnte denn Waffen dorthin schicken, aber die Medikamente vergessen?“

Sajkos Prosa ist beißend ironisch, poetisch und zugleich schmerzhaft ehrlich. In einem Wechselspiel aus sprachlichem Feingefühl und Beispielen, die ihren Zuhörern diverse Bezugspunkte bieten, entlarvt sie die eurozentristische Perspektive, in der blinde Flecken passenderweise gerne ausklammern, dass Flucht eine direkte Konsequenz der eigenen Kolonialgeschichte ist. „Die Vision Europas gründet auf der Idee der Städte, die für unsere Suchen und unsere Rettung offen stehen“, heißt es später im Text. Zugehörigkeit ist nicht länger nur menschliches Grundbedürfnis, und Resultat zufälliger Begegnungen dreier Menschen, die den selben Sonnenuntergang betrachten, sondern zugleich auch ein Privileg derjenigen, die sich entscheiden können, nicht dazu zu gehören, sondern sich frei zwischen Städten, Grenzen und Kontinenten bewegen.

Dass dieses Bild der europäischen Willkommenskultur genauso ironisch ist, wie der Sonnenuntergang an griechischen und italienischen Küsten, lässt Sajko uns wenige Zeilen später wissen: Europa habe tausend Kilometer Mauern und Zäune auf der nördlichen Route der Migration errichtet, in denen langsam und qualvoll Wildtiere zu Tode kommen – eine Tatsache die in den Medien mehr Empathie auslöst, als das Ertrinken namen- und gesichtsloser Menschen in unserem Mittelmeer.

„Es ist nie gemütlich in Ivana Sajkos Texten“, meint Jörg Albrecht, kreativer Leiter der Denkfabrik nach der Lesung und scheint damit genau den Nerv des verstummten Publikums getroffen zu haben. Als ich mir die Gewölbedecken der Burg Hülshoff so ansehe und kurz sprachlos innehalte, als ich beim Rausgehen die vom leichten Nieselregen und Licht umspielte Burgkulisse erblicke, klingen in meinen Ohren noch Sajkos Worte nach. Privileg, Pflicht oder Verantwortung bringen uns Zuhörer an diesem Abend hier zusammen. Zugehörigkeit, Zusammenhalt, Zuhause? Alles eine Frage der Perspektive.


Concha Puente Pueblas Larocque
Concha ist Master Studentin in ihrem letzten Semester an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Als Migrantin dritter Generation durfte sie sich dank ihrer fünf Namen – ja, einen zweiten Vornamen gibt es auch – bereits unzählige Male der Gretchenfrage „Wo kommst du eigentlich her?“ stellen. Erste Schreiberfahrungen konnte sie während ihrer achtjährigen Tätigkeit für eine Lokalzeitung sammeln. Mittlerweile schreibt sie nicht mehr über die Generalversammlungen wahnwitziger Kleinstadtvereine, sondern über Bücher: Auf #bookstagram rezensiert sie ihre Lieblingsschmöker unter minutiös inszenierten Buchfotos (Stichwort flatlay). Ihre Masterarbeit schreibt sie trotzdem lieber in Film Studies zur Repräsentation von Transfrauen.