Pferde/Erde/Herde: Wer ist meine Herde?

05.04.2019 ⋅ von Hannah Essing

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Ich weiß nicht besonders viel über Pferde.
Ich saß mal auf einem. Ich hab mal eines gestreichelt.
Ich habe noch nie eines gegessen.

In der Schule waren Pferdemädchen immer seltsam für den Rest von uns, die ganz normal Diddl-Blätter austauschten oder Gummitwist spielten statt wie die Pferdemädchen wiehernd durch die Pause zu rennen oder dann, etwa zehn Jahre später, Pferdephotoshoots auf Facebook zu posten.

Fahren wir mit dem Auto an einer Pferdeherde vorbei, lehne ich mich trotzdem aus dem Fenster und rufe, fröhlich wie eine Grundschülerin, „Schaut mal, Pferde!“.

Eine Pferdeherde gibt nicht nur einen wunderbaren Binnenreim, sondern zeigt auch ein Gefühl von Zusammengehörigkeit. Das habe ich aus den Pferdefilmen gelernt, die ich mit meiner damals pferdebegeisterten kleinen Schwester schauen musste. Höre ich die Anfangsmelodie des Films, bei dem ein Pferd von seiner Herde getrennt wird und viele Abenteuer erleben muss – um zu seiner Familie zurückzukehren, tritt bei mir immer noch Angstschweiß auf. Man kann einen Film eben nicht zweihundertmal sehen, ohne dass es Spuren zeigt. Ich hoffe, noch mehr große Schwestern da draußen fühlen mit mir.

Was ich aber auch gelernt habe: bei einer Hitzeperiode wurden 60 tote Pferde im australischen Hinterland aufgefunden, verdurstet. Das Performancekollektiv dorisdean hat sich darauf die Frage gestellt: Wer gehört zur Herde? In ihrer Sound-Installation Pferde/Erde/Herde, in der eine alte Kutsche aus dem Jahr 1848 neben den Klängen von verschiedenen Stimmen das Hauptaugenmerk ist, kommen in Interviews die verschiedensten Menschen zu Wort und berichten. Nicht nur von Pferden. Auch vom Dazugehören.

Davon verstehe ich vielleicht mehr als von Pferden, denke ich mir zuerst. Wer ist meine Herde?, frage ich mich. Eine ganz einfache Antwort. Meine Familie. Meine Freunde. Verteilt in verschiedensten Ecken Deutschlands geben die allerdings eine eher unpraktische Herde ab. Gemeinsam dramatisch durch die Prairie reiten ist damit ausgeschlossen.

Was ist also mit den Menschen, mit denen ich mich verbunden fühle, die aber nicht unmittelbar da sind? Oder von denen es zu viele gibt, um eine optimal funktionale Herde zu bilden (Ich habe es gegooglet. Eine durchschnittliche Pferdeherde umfasst etwa sechs bis acht Tiere. Vergleicht man das beispielsweise mit einem Wolfsrudel, sind die Zahlen ungefähr ähnlich, es sind etwa acht bis 15 Tiere. Also lässt sich vermutlich davon ausgehen, dass eine Herde eine überschaubare Größe haben sollte? Ich hoffe, jeder Wissenschaftler, der etwas auf sich hält überspringt diesen Absatz gerade). So ist ein Teil meiner Identität beispielsweise meine Klasse, mein Alter oder etwa, dass ich mich als Frau identifiziere und Feminismus ein wichtiger Teil meines Lebens ist. Gehört also jede Frau zu meiner Herde?

Ich weiß nicht viel über Pferde. Aber ich weiß, dass Blauwale immer nur so schnell schwimmen wie der langsamste Wal der Gruppe. Daraus kann ich vermutlich keinen so lyrischen Titel machen wie dorisdean mit Pferde/Erde/Herde (außer vielleicht Wale/Male/Schale? Oder Wale/Aale/Zahle, was nach einem dubiosen Fischrestaurant klingt). Aber eine Frage kann ich vielleicht trotzdem stellen: sollten wir nicht dafür sorgen, dass niemand aus unserer Herde vergessen wird? Haben wir als Gesellschaft nicht die Verantwortung, für jeden zu sorgen? Sind wir es uns nicht schuldig, niemanden zurückzulassen? Vielleicht sollten wir sein wie Blauwale.


Hannah Essing
Hannah Essing, ursprünglich aus Essen, hat es zum Studium in die weite Welt gezogen: nach Zypern, Armenien – und Bayern. Inzwischen ist sie zurück in Nordrhein-Westfalen und macht ihren Master in „National and Transnational Studies“ in Münster. Danach hat sie vor, so viele Ecken dieser Welt wie möglich zu sehen, ein Buch zu schreiben und sich einen Hund zuzulegen. Sie schreibt als freie Autorin, spricht gerne im Radio und manchmal macht sie Videos und bloggt. Ihre Lieblingsthemen sind intersektionaler Feminismus, Pop Culture und alle Themen, bei denen beides aufeinander trifft, soziale Gerechtigkeit und Chancengleichheit – dafür schlägt ihr Ruhrpottherz nun schon seit einem Vierteljahrhundert.