"Das Mitgefühl hat einfach keine Lobby" - Mitgefühl als Aktivismus?

06.04.2019 ⋅ von Annika Reketat

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Copyright: Sabrina Richmann

Gewisse Dinge sind nun mal Sache der Profis (weiß nicht nur Herr Lindner), sprich: Regierungssache. Und ihrer wird sich dann offiziell-professionell-bürokratisch-effizient in Ministerien angenommen. Die üblichen Verdächtigen im Ressort-Repertoire sind Finanzen, Gesundheit, Wirtschaft, Arbeit und Verkehr. Nun zeichnet sich aber seit Kurzem eine Entwicklung ab, die stutzig macht. Es entstehen neue Ministerien. Unübliche Ministerien. Ministerien, die irgendwie näher dran am Menschen erscheinen.

So gibt es seit 2018 ein Ministerium für Einsamkeit in Großbritannien. In Indien kümmert sich ein Minister um Yoga. Ein Ministerium für Zufriedenheit in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Und in Japan sorgt sich eine Ministerin um Toiletten. Handelt es sich hierbei um Fälle übergriffiger werdender Staaten, um Staatlichkeit, die noch weiter einfällt in das körperliche, kollektive Leben der Bürger*innen? Oder ist die Entstehung solcher Ministerien die Konsequenz einer Bewusstwerdung, dass es gewisse gesellschaftliche Tendenzen gibt, die Handeln, und zwar offiziell-professionell-bürokratisch-effizientes Handeln, erforderlich machen? Als das Einsamkeits-Ministerium etabliert wurde, begründete Theresa May diesen Schritt damit, dass es sich bei Einsamkeit um eine "traurige Realität des modernen Lebens" handele. Die Politik nimmt sich jetzt also tatsächlich der traurigen Realität des modernen Lebens an?

Das Mitgefühl ist eine vom Aussterben bedrohte Art. Das Mitgefühl hat einfach keine Lobby.

Wenn dem so wäre, gäbe es schon längst ein Ministerium, das sich der traurigen Realität sozialer Kälte annimmt. Doch Mitgefühl ist offiziell noch keine Regierungssache.

Trotzdem gibt es in Deutschland das Ministerium für Mitgefühl. Dabei handelt es sich um ein Kollektiv von Autorinnen und Künstlerinnen, das mitfühlenden Widerstand leisten möchten: gegen die Verrohung der Sprache und soziale Kälte.

Sprache und Mitgefühl, das gehört untrennbar zusammen, sagt Özlem Özgül Dündar, einer der Ministerinnen, während der Vorstellung ihres Ressorts. Im Umgang miteinander bestimmt Sprache den Tenor des Miteinanders. Verrohte Sprache hingegen ist eine Sprache, die den Tenor des Gegeneinanders schafft. In den Medien verroht Sprache, wenn es statt Migration "Flüchtlingswelle" heißt, oder wenn "Identität" in der rechts-politischen Rhetorik zu einem Synonym für Herkunft wird.

Das Ministerium für Mitgefühl sieht seine Hauptaufgabe im literarisch-politischen Aktivismus. Doch wie aktivistisch kann Mitgefühl sein? Wie effektiv ist mitfühlende Sprache für den Widerstand? Reicht es, eine empathische Rede anlässlich der Europawahl zu schreiben? Plenarsitzungen abzuhalten, in denen über Mitgefühl geredet wird, es aber nie zu irgendwelchen rechtsgültigen Beschlüssen kommt?

Das Aktivistische am Ministerium für Mitgefühl ist wohl, dass es die Verantwortung für Mitgefühl nicht zur "Profisache" macht, sondern, dass es aufzeigt, wie jede/r im Namen des Mitgefühls das Wort ergreifen kann, wenn sie/er dazu bereit ist. Für Mitgefühl bedarf es eben keiner Erlasse von oben, weil Mitgefühl etwas ist, was sich zwischen dir und mir in einer Sprache des Miteinanders manifestiert. Sprache schafft Realitäten, und eine Sprache des Mitfühlens kann vielleicht eine Alternative zur "traurigen Realität des modernen Lebens" schaffen. Und würde so ein Ministerium für Einsamkeit überflüssig machen.


Annika Reketat
Annika Reketat (Bachelor in Kultur- und Sozialanthropologie & Anglistik/Amerikanistik; zurzeit Master-Studentin der National and Transnational Studies) hat sich während ihres Studiums kaum thematischen Grenzen gesetzt, bis die Grenze selbst zum Thema wurde in ihrer Abschlussarbeit über die Territorialisierung literarischer Landschaften. Inzwischen widmet sie sich Fachgebietsgrenzen überschreitend den Verbindungen zwischen (öffentlichem) Raum, politischem Protest, Gedächtnisforschung und künstlerischem/literarischem Aktivismus. Sie würde gerne Zeit- und Raumgrenzen sprengen können, um einmal mit ihren akademischen und literarischen Idolen Margaret Atwood, Gloria Anzaldúa, Doreen Massey und Octavia Butler zusammen an einem Tisch zu sitzen. *Auch berufsbezogen fährt sie keine durchgehende Linie: Als freiberufliche Autorin gibt sie online Nachhaltigkeits-Ratschläge und am Centrum für Hochschulentwicklung arbeitet sie für den Monitor Lehrerbildung.*