Jetzt nicht – oder jetzt erst recht?

06.04.2019 ⋅ von Hannah Essing

2019-04-06-denkfabrik-sabrinarichmann-fotografie-8
Orsolya Kalász, Copyright: Sabrina Richmann

Orsolya Kalász ist Lyrikerin, aber sie ist auch Übersetzerin von Lyrik, der "fragilsten Gattung der Literatur", wie sie es nennt. Sie übersetzt aus dem Ungarischen ins Deutsche und war schon als Herausgeberin an mehreren Anthologien beteiligt. Inzwischen, erklärt sie, wird es jedoch schwerer, Lyrik aus Ungarn in Deutschland herauszugeben. Denn die meisten erwarten, dass jeder Europagedanke in Ungarn der Vergangenheit angehört.

Ungarisch ins Deutsche zu übersetzen ist eine komplizierte Angelegenheit, sind beide Sprachen doch grundsätzlich verschieden. "Ungarisch ist die die aufdringlichste Geheimsprache der Welt," zitiert Orsolya Kalász und erklärt, dass eigentlich niemand Ungarisch lernt, bis auf die Ungaren – und diejenigen, die sich in eine Ungarin oder einen Ungarn verlieben. Im Ungarischen kann beispielsweise ein Wort so konjugiert werden, dass gar keine Person genannt werden muss – das "Ich" in der deutschen Übersetzung kann daher ungewohnt für den/die Autor*in klingen.

Oder die Wörter – so viele Wörter! Ein ungarisches Wort kann die Dauer, Intention und Art einer Tätigkeit beschreiben. So kann man zum Beispiel sagen, dass man isst: aber nicht aus Hunger, sondern aus Lust und dass dabei pausiert wird und man selbst noch nicht weiß, wie lange man noch essen wird. Alles in einem einzigen Wort.
Sind wir viel in unserer eigenen Sprache unterwegs, verlieren wir manchmal die Sicht dafür, dass unsere Sprache auch zeigt, wie wir unsere Welt wahrnehmen. Wenn ich sage, dass ich esse, dann esse ich eben. Warum mache ich direkt klar, warum und für wie lange? Ein Ausflug in eine andere Sprache kann uns zum nachdenken bringen über die Welt um uns herum und auch über die Welt in uns drin.

Ungarisch kann Lösungen anbieten, erklärt Orsolya Kalász. Die Diskussion um gegenderte Sprache, die sich in Deutschland manchmal im Kreis zu drehen scheint, gibt es in Ungarn nicht. Es kann sie gar nicht geben, denn im Ungarischen gibt es keinen grammatikalischen Genus, keine bestimmten Artikel, kein er, kein sie, kein es. Das bringt feministische Diskurse in ungarischer Poesie auf eine andere Ebene, meint Orsolya Kalász. Aber es ist kompliziert zu übersetzen. Deshalb sieht sie sich nicht nur als Übersetzerin, sondern auch in der Rolle einer Vermittlerin.

Wenn wir wegkommen von unseren Vorurteilen oder Erwartungen, ermöglichen wir es uns vielleicht, das Potential in dem zu sehen, was ganz anders ist als das, was wir kennen. Und das brauchen wir – jetzt erst recht.


Hannah Essing
Hannah Essing, ursprünglich aus Essen, hat es zum Studium in die weite Welt gezogen: nach Zypern, Armenien – und Bayern. Inzwischen ist sie zurück in Nordrhein-Westfalen und macht ihren Master in „National and Transnational Studies“ in Münster. Danach hat sie vor, so viele Ecken dieser Welt wie möglich zu sehen, ein Buch zu schreiben und sich einen Hund zuzulegen. Sie schreibt als freie Autorin, spricht gerne im Radio und manchmal macht sie Videos und bloggt. Ihre Lieblingsthemen sind intersektionaler Feminismus, Pop Culture und alle Themen, bei denen beides aufeinander trifft, soziale Gerechtigkeit und Chancengleichheit – dafür schlägt ihr Ruhrpottherz nun schon seit einem Vierteljahrhundert.