How-To: Multi Lingual Reading Series Hafenlesung

05.04.2019 ⋅ von Concha Puente Pueblas Larocque

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Anika Donau, Lubi Barre, James Hugh, Tomás Cohen und Jonis Hartmann (von links nach rechts) vom Autor*innenkollektiv foundintranslation stellten am Freitag das Format ihrer Hafen Lesung vor. (Foto: Sabrina Richmann)

Anleitung in 9 Schritten

Die Hamburger Hafenlesung um das foundintranslation Kollektiv, ist eine multilinguale, internationale Lesereihe, die in einem besonderen Format Prosa und Lyrik aus aller Welt eine Plattform in der Hansestadt bietet. Zum Abschluss der literarischen Denkfabrik verlegt das Kollektiv ihre Hafenlesung ausnahmsweise vom Thalia Theater an den Münsteraner Hafen, Speicher 2. Am Freitag stellten Lubi Barre, Tomás Cohen, Jonis Hartmann, James Hugh und Annika Dorau ihr Format schon mal in den Inputs vor. Ich habe versucht das Erfolgsgeheimnis der Lesereihe, die unter anderem von der Hamburger Kulturstiftung gefördert wird, in 9 Schritten zusammen zu fassen:

  1. find the perfect venue:
    Angefangen in der Kultkneipe Golem, zog die Lesung nach deren Schließung in das Nachtasyl, die Dachbar des traditionsreichen Thalia Theaters um.

  2. be international:
    Organisiert wird die Lesung vom Autor*innenkollektiv foundintranslation, dessen Mitglieder kulturelle Hintergründe in Chile, Somalia, Neuseeland, Griechenland und Deutschland haben.

  3. have food:
    Sehr wichtig, findet James Hugh, der von sich meint, dass er eigentlich nicht zu „this kind of events“ gehen würde. Zu Essen gibt es bei den Hafenlesungen übrigens nicht einfach irgendwas. Vegane Köstlichkeiten am Anfang, in der Pause und hinterher, sind im schlappen Eintrittspreis von 5 Euro innbegriffen. Und das führt mich auch schon zum nächsten Punkt.

  4. be affordable:
    5 Euro für Essen und Literatur (Verzeihung, Literatur und Essen). FÜNF. EURO. Da lohnt es sich ja schon allein fürs Essen zu kommen, um dann, vielleicht schleichend und völlig ungeplant, doch literatur- oder lyrikbegeistert zu werden.

  5. challenge your audience:
    Die Texte der Hafenlesung, ob Prosa oder Lyrik, werden von den Autor*innen (pro Abend etwa sieben bis acht) immer zunächst in der Entstehungssprache (morgen etwa Englisch, Spanisch, Deutsch, ein bisschen Maori und ein bisschen Somali) vorgelesen. Dabei werden in jeder Lesung Texte aus mindestens vier verschiedenen Sprachen vorgestellt. Die Präsentationen sollen nicht länger als zehn Minuten dauern (sonst bleibt ja keine Zeit zum Essen und beim Kauen hört es sich so schlecht - Stichpunkt Kino und Nachos, sehr schwierige Kiste). Erst nach der Lesung im Original hört das Publikum die Texte übersetzt – entweder auf Englisch oder auf Deutsch. Die Übersetzungen bringen die Verfasser*innen selber mit, gelesen werden sie dann von dem Kollektiv. Dieser Zweischritt - erst Originalsprache, dann Übersetzung - fordert das Publikum heraus, neue Arten des Zuhörens zu entdecken, erklärt Tomás Cohen. Es gilt, dem Zusammenspiel aus Mimik, Gestik und vielleicht der Melodie der Sprache neue Bedeutungsformen zu entlocken. Außerdem erfüllt so eine mehrsprachige Lesung einen weiteren Zweck:

  6. provide visibility:
    Lubi Bare ist Schriftstellerin nicht-fiktionaler Kurzgeschichten. In Deutschland wurde sie allerdings noch nie veröffentlicht. Um englischsprachige Literatur zu veröffentlichen, würden sich Herausgeber oft in London oder anderen Metropolen „umsehen“. Dass viele talentierte, multilinguale Schriftsteller praktisch im eigenen Vorgarten wachsen, würde in der Regel übersehen werden. Durch die Vorstellung von Texten in mindestens vier verschiedenen Sprachen ermöglicht das Kollektiv somit auch jungen, internationalen Schrifsteller*innen eine Bühne und Sichtbarkeit.

  7. create an open atmosphere:
    Nach und zwischen den Lesungen treffen Nachwuchsautor*innen auf Verleger, Literaturkritiker, andere Schriftsteller*innen und ihre zukünftigen Leser. Dabei herrscht eine Atmosphäre der Offenheit, die nicht selten zu Verbundenheit und einem Zugehörigkeitsgefühl führt, heißt es vom Kollektiv. Dr. Jörg Albrecht, der kreative Leiter des Center for Literature stimmt zu. Er hat auf einer der letzten Lesungen Bekanntschaften geschlossen, mit denen er mittlerweile bereits eine Kooperation geplant hat (top-secret).

  8. attract a stable audience:
    Die Hafenlesung ist seit 2014 eine beliebte Veranstaltungsreihe und das ist kein Zufall: Jede Ausgabe stellt neue Künstler*innen vor, von Anfang an sind auch Literaturgrößen wie Max Czollek im Nachtasyl zu hören. Nach fast fünf Jahren ist das Kollektiv trotzdem noch nicht eingerostet. Erst kürzlich ist Annika Dorau dazu gestoßen. Sie sprach die Organisatoren nach einer Lesung, die sie als Gast besuchte, an und schlug ihnen vor, die Texte und ihre Übersetzungen in Form einer Publikation auch über die Leseabende hinaus zugänglich zu machen. Besonders freut sich das Kollektiv, über die vielen jungen Leute im Publikum. Nicht selten würden sie nach den Lesungen von ihren Gästen angesprochen werden, die sich für das tolle Format bedanken oder weil sie zum ersten mal Lyrik fernab von poetry slam erleben und wertschätzen durften.

  9. be foundintranslation


Concha Puente Pueblas Larocque
Concha ist Master Studentin in ihrem letzten Semester an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Als Migrantin dritter Generation durfte sie sich dank ihrer fünf Namen – ja, einen zweiten Vornamen gibt es auch – bereits unzählige Male der Gretchenfrage „Wo kommst du eigentlich her?“ stellen. Erste Schreiberfahrungen konnte sie während ihrer achtjährigen Tätigkeit für eine Lokalzeitung sammeln. Mittlerweile schreibt sie nicht mehr über die Generalversammlungen wahnwitziger Kleinstadtvereine, sondern über Bücher: Auf #bookstagram rezensiert sie ihre Lieblingsschmöker unter minutiös inszenierten Buchfotos (Stichwort flatlay). Ihre Masterarbeit schreibt sie trotzdem lieber in Film Studies zur Repräsentation von Transfrauen.