Das kleine Dreimaleins – Die Abschlussrunde der Bloggerinnen

06.04.2019 ⋅ von Hannah Essing

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Die Bloggerinnen. Copyright: Sabrina Richmann

Hannah, Annika und Concha haben die literarische Denkfabrik am Wochenende als Bloggerinnen begleitet. Jetzt sind die drei Tage um und es wird Zeit, ein Resümee zu ziehen.

1. Was hat dir besonders gefallen?

Hannah: Die Abwechslung. Die vielen verschiedenen Themenfelder, in die man sich immer wieder neu reindenken musste - und die letztendlich doch alle miteinander verbunden waren. Und dann die Atmosphäre: ein einziges Summen und Brummen zwischen Pferdekutsche, antiken Holzböden und Kunstwerken.

Annika: Zugegebenermaßen bin ich heute, ein Tag nach Schließen der Denkfabrik, noch gar nicht so richtig in der Lage, zurückzublicken und eine Sache, ein Teil zu benennen, das mir besonders gefallen hat. Die Zeit im Haus Rüschhaus war intensiv, hektisch, manchmal unbequem (drei Bloggerinnen, Ellbogen an Ellbogen in der hintersten Holzstuhlreihe, die mit Wlan und Schreibblockaden kämpfen, #firstworldproblems), aber immer irgendwie... beseelt (wie Concha auch so schön über Hannahs Pferde/Herde/Erde-Artikel gesagt hat). So waren auch alle Beiträge irgendwie beseelt, erfüllt von den verschiedensten Gefühlen, die mal Ausdruck fanden in Fragen des Zweifels ("Ändert sich am Ende wirklich irgendwas?" - Dan Thy Nguyen), mal in Aufrufen zu mehr Mitgefühl. Diese Beseelung, jetzt wird's sentimental, hat mich wohl auch ein wenig ergriffen. Vor allem, als wir am Ende durch die Räume des Hauses gingen und die Kunstwerke von Christoph Koester und Stefan Mosebach betrachteten. Sie haben die Beseelung eingefangen. Eine beseelte Fabrik, wer hätte das gedacht?

Concha: Die abwechslungsreichen Formate der Beiträge! Von Key Note Lectures mit akademischem Vorlesungscharakter, über Lesungen aus Theaterstücken, lockere "Tischgespräche", auf Arabisch vorgetragener Lyrik bis hin zur Podiumsdiskussion in der Baracke. Der ständige Wechsel der Settings, Erzählerstimmen, Textform, Sprachen und Perspektiven hat es nie langweilig werden lassen, obwohl ich in den letzten Tagen gefühlt so viel gesessen habe wie noch nie. Positiv überrascht hat mich auch die Atmosphäre der ganzen Veranstaltung. Logisch, die "Denkfabrik" statt der "Konferenz" im Namen, sollte die partizipatorische Ausgangshaltung zwar schon suggerieren, aber ich hatte vor der Veranstaltung trotzdem meine Zweifel. Am Ende war es aber tatsächlich so, dass die Besucher*innen, Künstler*innen, das Organisations-Team und ein Max Czollek sich untereinander genauso respektvoll, aufgeschlossen und unkompliziert begegneten sind, wie wir Blogger*innen, wenn wir unter uns waren - wir kannten uns vorher nämlich auch nicht.

2. Was wünscht du dir fürs nächste Mal?

Hannah: Wenn wir uns fragen: To belong or not to belong?, dann ist es wichtig, breit gefächert zu denken. Wir gehören dazu oder eben nicht, nicht nur wegen unserer Eltern oder dem Ort, an dem wir geboren sind, sondern auch wegen unserem sozialen Hintergrund, unserem Geschlecht, unserer Sexualität. Gerade Gender als Thema hätte ich mir noch verstärkt gewünscht.

Annika: Dass wieder so viele verschiedene Teilnehmer*innen zusammenkommen, um sich über verschiedene wichtige Themen auszutauschen. Aber ich wünsche mir auch, dass noch mehr "verschiedenere" Teilnehmer*innen und "verschiedenere" Themen hinzukommen.

Concha: Ich würde mir wünschen, dass die Inhalte beim nächsten mal noch abwechslungsreicher sind. Vieles hat sich an den drei Tagen spontan ergeben, Dan Thy Nguyen hat seinen Text zum Beispiel nach dem Eröffnungsabend nochmal komplett verworfen und etwas ganz Neues geschrieben - und so interaktiv soll es ja auch sein - aber ein paar Themen, die für mich in der Frage der Zugehörigkeit mitgedacht werden müssen, sind meiner Meinung nach in den Beiträgen und Gesprächen etwas zu Kurz gekommen. Zum Beispiel: Genderidentitäten, Sexualität oder Menschen mit Behinderungen.

3. Was nimmst du mit?

Hannah: Einen Überblick darüber, wie viele verschiedene Projekte und Künstler es gibt, die sich mit Fragen über Zugehörigkeit beschäftigen. Wie viele Menschen dafür brennen, etwas zu verändern.

Annika: So abgedroschen das jetzt klingen mag, aber ich weiß, ich werde noch länger von den Erfahrungen und Eindrücken zehren, die ich in der Denkfabrik sammeln konnte. Ich habe z.B. die Erfahrung eines anderen Schreibens ("simultanes", ok, fast simultanes, Bloggen) gemacht, welches zuweilen richtig herausfordernd war, aber umso euphorischer machte, wenn es dann floss. Ich nehme ein neues Bewusstsein dafür mit, wie literarische und künstlerische Praktiken sich in Diskurse (wie z.B. über Zugehörigkeit) nicht nur einmischen, sondern sie aufmischen können. So ganz materiell gesehen hätte ich am liebsten eines der Poster von Christoph Koester und Stefan Mosebach mitgenommen.

Concha: Ein neues Verständnis dafür, wie vernetzt die einzelnen Fragen der Zusammengehörigkeit sind, Lust auf noch mehr Kultur in Münster (eine regelmäßige internationale Lesereihe wie die des foundintranslation Kollektivs wäre ein Traum - can we please make this a thing?), ein weiterhin ambivalentes und noch komplexeres Bild des Begriffs der Zugehörigkeit - wäre Verbundenheit vielleicht eine weniger exklusive Alternative? - und ganz viele Worte:

"Blauwale schwimmen immer nur so schnell, wie der langsamste Wal der Gruppe"
(Hannah Essing)
"...während der Betonmischer in unseren eigenen vier Wänden weiter schnurrt"
(Isabel Lipthay)
"We've got this idea that we could live and not cause pain"
(Nástio Mosquito)
"Ein lineares Leben ist ein Privileg – aber ist es schön?"
(Dan Thy Nguyen)
"Vielleicht, weil uns nichts besseres einfällt"
(Max Czollek)
"Is there even such a thing as originality?"
(Sandra Richter)
"Jede Seite wird irgendwann zur falschen"
(Ivana Sajko)
"Ich bin kein Pferdemädchen btw"
(Annika Reketat)
"Als seien die Landkarten Illusionen"
(Lina Atfah)
"This soup is highway robbery"
(anonymous)
"Leerstellen"
(Annika Reketat)


Hannah Essing
Hannah Essing, ursprünglich aus Essen, hat es zum Studium in die weite Welt gezogen: nach Zypern, Armenien – und Bayern. Inzwischen ist sie zurück in Nordrhein-Westfalen und macht ihren Master in „National and Transnational Studies“ in Münster. Danach hat sie vor, so viele Ecken dieser Welt wie möglich zu sehen, ein Buch zu schreiben und sich einen Hund zuzulegen. Sie schreibt als freie Autorin, spricht gerne im Radio und manchmal macht sie Videos und bloggt. Ihre Lieblingsthemen sind intersektionaler Feminismus, Pop Culture und alle Themen, bei denen beides aufeinander trifft, soziale Gerechtigkeit und Chancengleichheit – dafür schlägt ihr Ruhrpottherz nun schon seit einem Vierteljahrhundert.