Dreimaldreimaldrei - Vorstellrunde der Bloggerinnen

04.04.2019 ⋅ von Burg Hülshoff

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Crumbling Wall. (Foto: Pixabay/Kerstin Riemer)

Hannah, Annika und Concha werden die literarische Denkfabrik am Wochenende begleiten und ihre Eindrücke auf dem Blog festhalten. Im Format dreimaldreimaldrei stellen sie sich in ihren Antworten zu drei Kategorien mit je drei Fragen vor.

Zugehörigkeit und Mauern:

1. Was verstehst du unter Mauern und was bedeutet Zugehörigkeit für dich?

Hannah: Wo gehören wir dazu und wo gehöre ich dazu? Zuerst einmal in der kleinsten Einheit: da gehöre ich ganz mir, genauso wie meine Entscheidungen. Und dann schlägt die Zugehörigkeit immer weitere Wellen, Familie, Freunde, Community. Zugehörigkeit aber nicht immer vor Ort, sondern auch in viel weiteren Kreisen, nicht von Nationen begrenzt.

Annika: Jede Mauer ist menschengemacht – sowohl von Händen erbaut als auch in Köpfen verankert – und deswegen drücken sie für mich etwas sehr Menschliches aus: Das Bedürfnis die unermessliche und oft unbegreifliche Welt in kleine, überschaubare Portionen zu teilen, in denen wir uns verorten können. Doch mit Mauern schaffen wir nicht nur ein „Wir“ – wir hier – sondern auch ein „die Anderen“ – die hinter der Mauer. So nimmt das Menschliche an Mauern – der Wunsch nach Zugehörigkeit – fast immer unmenschliche Züge an, wenn wir diese Mauern undurchdringlich für alle anderen bauen.

Concha: Ich glaube Mauern entstehen aus der mangelnden Bereitschaft von Menschen, Uneindeutigkeiten zu akzeptieren und kategorisierendes Denken zu überwinden. Der Begriff „Zugehörigkeit“ an sich stellt ein Paradoxon dar. Während der Begriff den Wunsch nach Identität und ihrer Bestätigung meint – in meinen Augen etwas durchaus Positives – , bringt er zwangläufig auch eine Ab- und somit Ausgrenzung mit sich.

2. Wie überwindest du Mauern?

Hannah: Mauern lassen sich durch Wissen überwinden. Nur wenn ich meinen Horizont stetig erweitere, kann ich verstehen, was in der Welt vor sich geht, kann ich andere Menschen verstehen. Und ich denke, sobald ein Verständnis da ist habe ich nicht länger das Bedürfnis, eine Mauer zu bauen. Oder reiße die ein, die schon vorhanden sind.

Annika: Habe ich schon mal Mauern überwunden? Es erscheint mir nicht so leicht, sich mit einem einzigen beherzten Sprung über hohe, alte, standfeste Mauern zu schwingen. Stattdessen versuche ich, Mauern erst einmal zu erkennen – solche vor allem in meinem Kopf – um sie dann Stein für Stein auseinanderzunehmen, und Schlupflöcher für neue Ideen, Gedanken und neuen Mut zu schaffen.

Concha: Indem ich Fragen stelle – besonders auch an mich selbst – und „Mauern“ in Gesprächen konfrontiere, etwa indem ich Wege suche, Sprache für Mehrdeutigkeiten zu öffnen.

3. (Wie) Geht Zugehörigkeit ohne Mauern?

Hannah: Nur mit Respekt vor dem, was ähnlich ist, aber auch vor dem, was ganz anders ist als ich.

Annika: Zugehörigkeit ohne Mauern geht nur mit einer Portion Mut, sich neu zu verorten, sobald wir erkannt haben, dass es zwischen uns Menschen so viel mehr Gemeinsamkeiten gibt, als die, auf welcher Seite der Mauer wir geboren wurden.

Concha: Ich glaube, wenn Zugehörigkeit ohne Mauern erreicht ist, nennt man das „Sein“.

Die literarische Denkfabrik:

1. Mit welchen Erwartungen gehst du in die Denkfabrik?

Hannah: Was ich erwarte? Umzudenken, neuzudenken, um Ecken zu denken, mal alles auf den Kopf zu stellen. Interessanten Leuten zuzuhören und mit ihnen ins Gespräch zu kommen.

Annika: Viel mehr als mit konkreten Erwartungen gehe ich mit Spannung und Hoffnungen in die Denkfabrik. Ich hoffe auf einen offenen und kreativen Austausch zwischen den Beteiligten, ich hoffe auf neue Perspektiven und interessante Querverbindungen zwischen Kunst/Literatur und Politik und bin gespannt auf die Input-Geber*innen und die Besucher*innen.

Concha: Ich hoffe auf viele Denkanstöße, neue Antworten auf alte Fragen, Herausforderungen für festgefahrene Denkmuster und vielfältige Kunst!

2. Auf welchen Beitrag bist du gespannt?

Hannah: Besonders gespannt bin ich auf Max Czollek - ich wollte immer mal auf eine Lesung von ihm, hab es aber nie geschafft und “Desintegriert euch” ist jetzt schon länger auf meiner Amazon-Wunschliste. Aber auch auf Lina Atfah freue ich mich sehr - ich mag Gedichte und bin gespannt, wie sie in der Übersetzung wirken.

Annika: Städte, Straßen, Landschaften – wem „gehört“ das eigentlich? Wer ist sichtbar in diesen Räumen, wer hat das Recht, hier zu sein oder dort. Und die rote Abenddämmerung in der Südsee? Die sollte doch für alle da sein, oder? Diese Frage stellt sich Ivana Sajko in ihrem Beitrag “To Whom Belongs The Red Dusk Of The Southern Seas?”, auf den ich schon sehr gespannt bin. Er betrachtet Zugehörigkeit als Verbundenheitsgefühl mit der materiellen Welt. Aber wenn die materielle Welt voller Mauern durchzogen ist, kann dann trotzdem noch jeder mit jedem Ort verbunden sein – aus freier Entscheidung heraus?

Concha: Puh, schwer. Alle Beiträge hören sich spannend an, aber besonders gespannt bin ich auf Miroslava Svolikovas Lecture Performance mit Ausschnitten aus ihrem dramatischen Gedicht europa flieht nach europa und dem Bühnenstück Diese Mauer fasst sich selbst zusammen und der Stern hat gesprochen, der Stern hat auch was gesagt, weil die Titel so abstrakt und lyrisch klingen und ich mir unter einer Lecture Performance gerade so wenig und gleichzeitig so viel vorstellen kann. Da ich die Frage nach dem Unsagbaren und seiner Überwindung persönlich sehr interessant und relevant finde, freue ich mich außerdem besonders auf die Gedichtlesung von Lina Atfah zur „Suche nach Begriffen, die sich nicht begreifen lassen.“

3. Welches Themenfeld interessiert dich besonders?

Hannah: Die kleine Insel Nauru hat eigene Wörter für Himmelsrichtungen, die nur auf der Insel anwendbar sind: denn Sprache erschafft unsere Welt und unsere Welt erschafft Sprache. Und weil die Welt ständig im Wandel ist - zum Glück - ändert sich auch unsere Sprache. Und so sollte es auch sein! Weil ich das besonders faszinierend finde, interessiert mich “Der Globus bewegt sich - und die Begriffe auch?” ganz besonders.

Annika: Unsere Köpfe sind vermutlich voller mit Grenzen als deutsche Schrebergärten mit Lattenzäunen. Die Literatur war immer ein Ort, in dem diese Grenzen verhandelt, bestätigt und/oder überschritten wurden. Im Themenfeld „Mauern aus Fiktionen“ geht es darum, wie Grenzen in rechtspopulistischen Gedankenwelten aber zu mehr als Fiktionen zu werden. Grenzen sollen alternativlose Realität werden. Das Themenfeld finde ich besonders interessant, weil es so relevant ist und die Bedeutung von Kunst und Literatur für Demokratie, Freiheit und Offenheit herausstellt.

Concha: In Zeiten von „fake news“ halte ich besonders die Frage nach der Vereinbarkeit von Fakten und Fiktion – auch im Hinblick auf Literatur – für eine sehr weitgreifende und bin gespannt auf die Gespräche, Fragen und (hoffentlich) Antworten, die sich diesbezüglich am Freitag in Feld 2 „Mauern aus Fiktionen“ ergeben werden.

Und sonst so:

1. Was hast du zuletzt zum Thema Zugehörigkeit und Mauern gelesen/geschaut?

Hannah: Als letztes habe ich im Kino “Die Berufung - Ihr Kampf für Gerechtigkeit” gesehen, dabei geht es um die Lebensgeschichte von Ruth Bader Ginsburg, die heute Richterin am Supreme Court ist. Um Zugehörigkeit und Mauern ging es auf jeden Fall - in dem Film ging es nämlich darum, dass viele Gesetze aufgrund des Geschlechts diskriminieren, wogegen RBG gekämpft hat. Ruth Bader Ginsburg ist eine faszinierende Frau, deshalb habe ich auch direkt ihr Buch “My Own Words” gelesen.

Annika: Vermutlich war es das Buch „Exit West“ von Mohsin Hamid. Interessanterweise geht es darin um Grenzen in ihrer Abwesenheit, oder viel eher in ihrer Wirkungslosigkeit. In der Welt des Romans fliehen die Protagonisten aus einer Bürgerkriegs-gebeutelten Stadt durch eine wundersame, aus dem Nichts erschiene Tür in den Westen. Viele weitere solcher Türen erscheinen auf der Welt, Menschen verlassen ihr Zuhause, treten durch sie hindurch und suchen woanders Gemeinschaft, Frieden, Arbeit und Liebe. Es ist eine aus den Fugen geratene, entgrenzte Welt, aber keine Welt ohne Zugehörigkeit.

Concha: Den Roman There There von Tommy Orange, der sich durch multiperspektivisches Erzählen mit der Frage nach Identität und Zugehörigkeit von “urban Indians” in Kalifornien beschäftigt. Über eine Vielzahl völlig unterschiedlicher Charaktere, die sich auf einem Powwow treffen, werden dabei tief verwurzelte Stereotype konfrontiert und durch das Wechselspiel aus Prosa und Essay-Formen die Frage verhandelt, was es bedeutet, heutzutage „Native American“ zu sein. Es ist der Debütroman von Schriftsteller Tommy Orange, der selbst Cheyenne und Arapaho ist. Und so viel sei verraten: Eindeutigkeiten
ergeben sich nach dieser Lektüre nicht, dafür aber eindringliche und bleibende Bilder zur Identitätssuche.

2. Erster Satz daraus?

Hannah: “Since the beginning of time, the world has known four great documents, great because of all the benefits to humanity which came about as a result of their fine ideas and principles”.

Annika: “In a city swollen by refugees but still mostly at peace, or at least not yet openly at war, a young man met a young woman in a classroom and did not speak to her”

Concha: “There was an Indian head, the head of an Indian, the drawing of the head of a headdressed, long-haired Indian depicted, drawn by an unknown artist in 1939, broadcast until the late 1970s to American TVs everywhere after all the shows ran out.”

3. Was liest du gerade?

Hannah: Gerade angefangen: “#MeToo. Essays about How and Why This Happened, What It Means and How to Make Sure It Never Happens Again” von Lori Perkins.

Annika: “Kindred” von Octavia E. Butler

Concha: “The Nix” von Nathan Hill.