Frühstücksgedanken: Das Gleichnis von der Erdbeerdose

06.04.2019 ⋅ von Concha Puente Pueblas Larocque

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Sechs Erdbeeren finden in der pinken Frühstücksdose Platz. Ist das genug? (Foto: Sabrina Richmann)

Hinweis: Handlungen, Personen und Orte in dieser Erzählung sind erfunden. Ähnlichkeiten zu realen Orten, Personen und Institutionen sind zufällig.

In meine kleine pinke Frühstücksdose passen vier Erdbeeren. Eine optimale Nutzung des verfügbaren Raumes, dachte ich bislang. Meine Kollegin benutzt dieselbe Dose. In ihrer finden sechs Erdbeeren Platz. „Wie hast du das denn hingekriegt?“, wundere ich mich empört und fühle mich in meiner Vier-Erdbeeren-pro-Dose-Überzeugung tief erschüttert. Schließlich möchte ich mir nicht sagen lassen, irgendwelche Erdbeeren zu diskriminieren. Meine Kollegin sieht mich an, als hätte ich den Verstand verloren. Sie hat die roten Früchte gedreht, gewendet, aneinander gelehnt und so Platz für mehr geschaffen. Nach der Arbeit besehe ich mir die Erdbeeren, die am Morgen keinen Platz in meiner Dose gefunden haben. Fast zurückgelassen, liegen sie da im Kühlschrank. Ist etwas an ihnen anders oder gar… falsch? Oder ist es nur der grausame Zufall, der bestimmt hat, dass sie nicht zur Mehrzahl gehören sollten - die Mehrzahl für die Platz in der Dose ist.

Nachts träume ich etwas Seltsames: Angestoßen von der revolutionären Idee meiner Kollegin, verbreitet sich die Nachricht von der alternativen Frühstücksdosen-Nutzung wie ein Lauffeuer. Zuerst in der Nachbarschaft, dann über die Stadtgrenzen hinaus. Schließlich nimmt das Ganze politische Dimensionen an. Die Stadt Annover veröffentlicht am 18. Januar eine „Empfehlung zur inklusiven Frühstücksdosen-Nutzung“, die fortan in der Stadtverwaltung umgesetzt werden soll. Doch nicht ganz Deutschland ist von der Notwendigkeit überzeugt, alle oder zumindest so viele Früchte wie möglich, in der Dose unterzubringen. Der unter Frühstücks-Wissenschaftlern umstrittene Verein für Deutsche Frühstückskultur leistet Widerstand. In einem Appell wird gefordert: „Schluss mit dem Frühstücks-Unfug!“. Die Bestreben, Frühstücksdosen für alle Früchte zu öffnen, nennen sie „zerstörerische Eingriffe in die deutsche Frühstückskultur“. Am 2. April veröffentlicht der Verein eine seltsame Pressemitteilung, in der von einer Befragung 1000 zufällig ausgewählter Deutscher berichtet wird. Die Mehrheit der Befragten würde sich durch die „einschlägigen Bestrebungen belästigt“ fühlen. Irgendwie leitet die Pressemitteilung dann plötzlich von 1000 Befragten „eine große Mehrheit“ der Deutschen ab…

Was für ein Unfug, denke ich mir beim Aufwachen. Als hätte irgendjemand was gegen möglichst viel Obst in der Dose. Im Laufe des Tages lässt mich der Traum nicht los. Beim Frühstück erzähle ich meiner Kollegin davon. „Sonst nimm doch einfach eine größere Dose“, sagt sie und sieht mich verständnislos an. Am nächsten Morgen krame ich in der Dosen-Schublade und finde kein passendes Behältnis für mein Obst. Frustriert halte ich inne. Warum sollte etwas so Wertvolles wie unsere Früchte 1 überhaupt in solch rigide Strukturen gepresst werden? Sie werden unseren Frühstücks-Bedürfnissen ja offensichtlich nicht mehr gerecht. Vielleicht geht es gar nicht um größere Dosen, denke ich dann. Vielleicht ist es Zeit, über neue Transportformen nachzudenken…

Kurzentschlossen schnappe ich mir einen Jute-Beutel und wenn der nicht mehr passt, suche ich halt wieder was Neues. Sollen sie mich doch „entsetzlich albern“ nennen. Wie singt Bob Dylan so schön? „The times they are a-changin‘“.


  1. die Früchte unserer Gedanken


Concha Puente Pueblas Larocque
Concha ist Master Studentin in ihrem letzten Semester an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Als Migrantin dritter Generation durfte sie sich dank ihrer fünf Namen – ja, einen zweiten Vornamen gibt es auch – bereits unzählige Male der Gretchenfrage „Wo kommst du eigentlich her?“ stellen. Erste Schreiberfahrungen konnte sie während ihrer achtjährigen Tätigkeit für eine Lokalzeitung sammeln. Mittlerweile schreibt sie nicht mehr über die Generalversammlungen wahnwitziger Kleinstadtvereine, sondern über Bücher: Auf #bookstagram rezensiert sie ihre Lieblingsschmöker unter minutiös inszenierten Buchfotos (Stichwort flatlay). Ihre Masterarbeit schreibt sie trotzdem lieber in Film Studies zur Repräsentation von Transfrauen.