Big Beautiful Wall: Das ist meine Geschichte

05.04.2019 ⋅ von Annika Reketat

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Sie inspiriert die Vision des mächtigsten Mannes der Welt: die Mauer. Oder eher a big beautiful wall. Sie wird von ihm beschwört, sie wird von ihm besungen, sie wird zum Herzgesang eines Mannes, der vom Grenzgeist beseelt ist.

Viel geredet und geschrieben über Mauern wurde schon immer. Darüber wie Menschen sie überwinden, an ihr scheitern, sich hinter ihr verbarrikadieren, wie sie sie errichteten, zerstörten, aufbauten.

Mauern sind menschliche Konstrukte, weil wir sie bauen, Stein auf Stein, und der Mörtel dazwischen, das ist der Mörtel mit dem wir unsere Weltansichten zementieren. Irgendwie sind wir doch alle vom Grenzgeist beseelt, der uns hilft, die Welt zu kategorisieren, uns zu platzieren und zu verorten.

Und wir beseelen die Mauern, die wir bauen, mit Menschlichkeit - möchten wir zumindest glauben. Die Mauern, das sind nicht nur Steine, die wir aufeinanderstapeln. Die Mauern, sie drücken unsere Stärke, Arbeit, unseren Willen und Eifer aus.

In Miroslava Svolikovas Lecture Performance Diese Mauer fasst sich selbst zusammen macht die Mauer genau das: Sie fasst sich selbst zusammen (die mauer wird vom stein gespielt, der sich ein zusätzliches requisit aufsetzt, genauso groß wie er selbst, sich so erweitert und zur mauer wird. Ach ja, und der Stein, er fühlt sich genötigt, klarzustellen, dass er es satt hat. ich bin nur das material, aus dem sich die geschichte dann baut, immer wieder, ich habe selbst nichts verbrochen.). Die Mauer spricht und sie will nur ihre eigene Geschichte erzählen, sie will sich lösen von allem, das ihr angedichtet wird. Ihre Geschichte ist ihre eigene. Und diese beginnt recht harmlos, wie so eine Mauer auch einfach ist:

ich bin eine mauer. es gab mich oft. es gab mich z.B. in klein und in groß, hier und da, dann gabs mich in lang und in kurz, durch ein wasser durch oder durch ein land. durch einen boden oder ein leben hindurch. oder durch viele leben oder ein paar.

Doch so unbeschwert lebt es sich nicht für die Mauer, sie kann nicht einfach da stehen, sie steht für etwas. Sie trägt eine Bürde, denn ich bin die kette, die sich aus den ereignissen spinnt. ich bin, was sich absetzt und zusammensetzt, im laufe der zeit. Die Mauer, sie ist ein Zeitzeugnis. In ihrem Mörtel, ihrem Lebensblut, fließen Versprechen, Fehden, Identitätskrisen- und erwachen, Selbstbehauptung, Angst und Macht.

Und die Mauer, sie wird nie in Ruhe gelassen. Die Menschen können es nicht sein lassen, mehr aus der Mauer zu machen als sie ist. Steine reichen irgendwann nicht mehr, deshalb setzt man mir eine krone auf, zum beispiel aus stacheldraht. manchmal beschützt man mich liebevoll mit einem maschinengewehr. manchmal presst mich so eine ganz dreiste dummheit ganz fest zusammen. es ergibt sich immer irgendwie.

Und dann, dann wird die Mauer auch noch missbraucht, als Schutzschild vor dem, was da vom Meer angeschwemmt wird. Sie soll den elenden, leidvollen Müll abhalten, all das getier, gedärmt und gegift, alles verreckt im gemeer, wo fast kein gewasser mehr ist.

Ja, die Mauer, diese Steine aufeinander geschichtet, sollen Heil bringen und Lösung sein und Zeugnis ablegen unserer Geschichte. Die Mauer soll unsere Geschichte erzählen, wir wollen uns in etwas zementiert sehen, das so standfest ist. Diese Mauer steht für das, diese Mauer für dies. Doch die Mauer sagt: ich habe es satt. ich bin nicht euer exponat, ich bin real! es gibt mich! ich bin wirklich ein teil der welt! ich bin ein teil der realen wirklichkeit!
Und als Teil der realen Wirklichkeit steht die Mauer da als ein Gebilde, eine lange Linie aus aufeinandergeschichteten Steinreihen. Wenn Menschen in der Nähe dieser Mauer sind, dann erzählen sie sich nicht Geschichten von den Fehden, Krisen, Konflikten, die diese Mauer erbauten. Sondern die Geschichten von Fehden, Krisen und Konflikte werden in dem Moment, an der Mauer, reale Wirklichkeit.


Annika Reketat
Annika Reketat (Bachelor in Kultur- und Sozialanthropologie & Anglistik/Amerikanistik; zurzeit Master-Studentin der National and Transnational Studies) hat sich während ihres Studiums kaum thematischen Grenzen gesetzt, bis die Grenze selbst zum Thema wurde in ihrer Abschlussarbeit über die Territorialisierung literarischer Landschaften. Inzwischen widmet sie sich Fachgebietsgrenzen überschreitend den Verbindungen zwischen (öffentlichem) Raum, politischem Protest, Gedächtnisforschung und künstlerischem/literarischem Aktivismus. Sie würde gerne Zeit- und Raumgrenzen sprengen können, um einmal mit ihren akademischen und literarischen Idolen Margaret Atwood, Gloria Anzaldúa, Doreen Massey und Octavia Butler zusammen an einem Tisch zu sitzen. *Auch berufsbezogen fährt sie keine durchgehende Linie: Als freiberufliche Autorin gibt sie online Nachhaltigkeits-Ratschläge und am Centrum für Hochschulentwicklung arbeitet sie für den Monitor Lehrerbildung.*